Blaß und blutleer kommen all die Methoden und Techniken im Vergleich zur Philosophie daher, die sich anmaßen, unser Wesen, unser Denken, unser Fühlen verändern zu wollen.
Ständig sollen wir fühlen, vertrauen, uns aufgehoben fühlen in undefinierten kosmischen Zuständen oder gar dem armen Universum, das sicher so gar nichts für unser kleines individuelles Leben kann und auch nichts tun kann.
Wo ist die Zuversicht, ja Gewissheit in die Kraft unseres Verstandes, unseres Denken geblieben? Wer praktiziert noch mit den Kindern „denken lernen“, will heißen, nicht repetieren, was andere bereits gedacht haben, sondern selber denken, im besten kantischen Sinne „sapere aude“. Warum ist Denken so verpönt? Warum wird es gerade noch etwas weltfremd und seltsam anmutenden Wissenschaftlern gestattet? Welch mitleidige Blicke zieht man auf sich, wenn man seinen Verstand benutzt und erst versucht, nachzudenken, bevor man spricht, Urteile fällt oder schlimmer noch, wichtige Entscheidungen trifft. Als von den eigenen Gefühlen abgeschnitten, verkopft und deshalb irgendwie kränkelnd in der Seele und im Gemüt wird man angesehen. Kaum jemandem scheint die Idee zu kommen, dass diejenigen, die lange nachgedacht haben oder überhaupt nachdenken, zuvor in vielen Fällen Gefühlsachterbahn gefahren sind. Ihre Qualität liegt gerade darin, dass sie nicht ihren Affekten, ihren Leidenschaften, ihren jeweiligen Gefühlswallungen Ausdruck verleihen, sondern ihren Kopf einsetzen, um zu betrachten, was sich sehr oft in chaotischer, will heißen, ungeordneter Form bemerkbar macht. Gerade deshalb braucht es ein klärendes und ordnendes Instrument, das uns hilft, im Leben den richtigen Weg einzuschlagen, wichtige berufliche Entscheidungen nicht übers Knie zu brechen und in schwierigen Situationen nicht in einem Strudel emotionaler Aufwallungen genau das Falsche zu entscheiden.
Dies ist ein Plädoyer dafür, den eigenen Verstand mehr ins Spiel zu bringen. Das muss nun nicht heißen, dass Regungen des Gefühls völlig missachtet werden, nein, sie sollten nur genauer betrachtet werden, soll heißen, abgewogen werden, bevor wir unser Handeln davon leiten lassen. Ausgewogenheit von Fühlen und Denken sollte es uns möglich machen, den richtigen Weg einzuschlagen, wenngleich auch dies keine Garantie dafür ist, dass er sich langfristig als richtig bewährt.
Mit der Fähigkeit, zu reflektieren, uns selbst und unsere Gefühle, Gedanken und selbstverständlich auch unsere Handlungen in den Blick zu nehmen, sind wir einzigartig unter den Spezies. Machen wir es uns zunutze, dass wir etwas können, was uns nicht unbedingt zur Krone der Menschheit macht, aber uns die Möglichkeit aufzeigt, unser Leben zu gestalten und selbst bestimmt in die Bahnen zu lenken, die für uns – und für andere – Entwicklung und Gewinn bedeuten.
Sicher, dies ist kein einfacher Weg. Denn es gibt keine schnellen Lösungen, keine Wundermittel, keine Fee mit dem Zauberstab, die alles richtet. Reflektion, Nachdenken ist Arbeit. Es erfordert Ruhe und Konzentration und einen eigenen Standpunkt. Wie sagt Marc Aurel in seinem Buch „Wege zu sich selbst“: Nicht wie ein Kreisel herumwirbeln sollen wir, sondern einen festen Standpunkt beziehen, von dem aus wir Dinge in den Blick nehmen können.
Dies ist bei den zahlreichen Verlockungen, sich ablenken zu lassen, sich zu vergnügen oder die Lebenskonzepte anderer zu übernehmen, leichter gesagt als getan. Wir werden überschwemmt mit Verheißungen, die uns ein besseres Leben versprechen, wenn wir nur dies tun, das kaufen oder jene
„neue“ Methode zum Glücklichsein ausprobieren. Es ist nicht leicht, dem zu widerstehen. Der Strom möchte einen mitnehmen und verweigert man sich, wird man leicht mit Missachtung bestraft. Der Verführer sind viele. Sie locken, sie drohen – man fühlt sich manchmal an den Ablasshandel der katholischen Kirche erinnert, den Luther mit Macht anprangerte und viele Gesinnungsgenossen fand. Die Welle des sogenannten „NewAge“, die alten Wein in neuen Schläuchen und das oft auch noch völlig verwässert servieren möchte, erdreistet sich, die Heilsbringer schlechthin zu sein. Die Vereinfachungen und Verallgemeinerungen sind oft so erschreckend, dass man sich tatsächlich fragen muss, wie doch sehr viele – oft nicht einmal dumme Menschen – darauf hereinfallen können.
Das mag in der Tat damit zusammenhängen, dass eigenes Denken und die damit verbundene Mühe nicht mehr gefördert oder gar gewünscht wird. Es ist ja viel leichter, Menschen zu instrumentalisieren und zu manipulieren, wenn diese brav dem Vorgekauten folgen und dieses nicht in Frage stellen. Vielleicht aber ist es auch der Hunger nach Glück in diesem doch nicht immer leichten Leben, der viele so anfällig macht für die Rattenfänger, die durchs Land ziehen. So süß klingt die Melodie, so schön sind die Bilder, die von einem erfüllten, perfekten Leben erzeugt werden, dass man es schon verstehen kann, dass diesen falschen Propheten hinterher getaumelt wird.
Wir können leider die Zeit nicht zurückdrehen, sonst müsste es eine Schule von Athen geben, wo es noch Raum und Zeit für das Denken gab und das wichtigste Ziel der Erziehung die Erziehung zur Reflektion war.
Doch es lohnt sich, immer wieder dafür zu werben und mit dem sokratischen Stachel in die Widersprüche, Paradoxien und Entblödungen zu pieksen, bis die Verwirrung so groß ist, dass die Begriffe wieder neu definiert werden müssen.
In diesem Sinne „Sapere aude!“
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Die Kraft des Denkens
Sophia allein zu Haus…
Es ist mal wieder einer dieser Tage, an denen ich vor meinem PC sitze. Recherchieren, Bankgeschäfte erledigen, lesen, lesen und schreiben. Am Abend meckert mein Rücken vom vielen Sitzen und die Allergie hat sich leider auch wieder zurückgemeldet. Kein Kind hat angerufen, eines nur eine lapidare e-mail geschickt, die mein Herz auch nicht hüpfen ließ. Die Freundinnen haben sich nicht gemeldet. Und mein lieber Mann scheint sich in Arbeit aufgelöst zu haben und hat mich darüber vergessen, was ungewöhnlich ist. Was mache ich? Leichte Frustrationsgefühle, wahrscheinlich dem inzwischen ordentlichen Hunger geschuldet, machen sich breit. Die Aussicht, wieder einen Abend den üblichen Salat vor dem Fernseher zu verspeisen, und im Anschluss daran mit dem Bügelbrett zu tanzen, weckt keine lustvollen Gefühle in mir. Also raffe ich mich auf, mache mich schön, obwohl ich mich nicht schön finde mit dieser Allergie im Gesicht. Ich überlege kurz, doch mein gemütliches Abendoutfit anzuziehen, – das Nachthemd, und es mir mit einem Glas Rotwein vor einem Video gut gehen zu lassen. Eine Stimme in mir lässt nicht locker und drängelt „geh jetzt aus, Du kannst nicht immer vor dem Fernseher sitzen“.
Was rate ich Menschen, wenn sie sagen, dass sie keine sozialen Kontakte haben und sich einsam fühlen? Ich rate ihnen, unter Menschen zu gehen und zu sehen, was passiert. Also, beherzige ich meine eigenen guten Ratschläge und mache mich hübsch, so gut es geht. Der Appetit auf ein Steak treibt mich förmlich ohne mein Zutun aus dem Haus. Nach Tagen von Salat und Resten vom Wochenende schwebt ein schönes Steak verlockend vor meinem geistigen Auge. Ich will entspannt genießen und vielleicht noch einen Cocktail trinken gehen, also fahre ich brav mit dem Bus, der schließlich bequem vor meiner Haustür hält.
Ich schlendere erst ein wenig durch die Stadt und schon geht es mir besser. Nicht, weil da so viele Menschen unterwegs sind, sondern, weil ich mich aufgerafft habe und mich mal nicht im Sport- oder Freizeit-Look auch schöner fühle. Das Gewusel um mich herum ist vergnüglich und ich fühle mich nicht mehr allein. Allein, wohlgemerkt, nicht einsam, das ist ein Unterschied. Denn einsam bin ich ja nicht, ich habe Familie und Freunde, die halt nur meistens nicht da sind, wenn es schön wäre, sie bei mir zu haben. Allein bin ich schon, und das kann manchmal nicht so erquicklich sein, ist der Mensch doch ein zoon politicon, ein Gemeinschaftswesen, hat schon Aristoteles vor 2000 Jahren behauptet.
Nun bin ich also nicht alleine, denn da sind hunderte von Menschen um mich herum. Sie sprechen nur nicht mit mir. Doch zuerst muss mein Magen beruhigt werden. So schlendere ich in das Steakhaus am Placa Major. Der Kellner ist nett und das Essen gut – wider Erwarten. Einige verstohlene Blicke von den Nachbartischen stören mich nicht. Sollen sie denken, was sie wollen. Vino Tinto und das Steak verursachen ein wohliges Gefühl in meinem Bauch. Ich überlege, was ich jetzt mache. Es ist erst 21:00. Also beschließe ich, mich treiben zu lassen und zu sehen, was passiert. Ohne Erwartungen schlendere ich in die Carrer Fabrica, die seit kurzem eine Fußgängerzone ist. Alle Restaurants und Bars haben jetzt auch eine Terrasse. Das ist in dieser lauen Sommernacht selbst an einem Mittwochabend ein großer Anziehungspunkt. Ich wähle die Bar, in der ich schon mal gemeinsam mit meinem Mann gesessen habe und in der es sehr gute Mojtos gibt. Die Kellnerin ist sehr nett und empfiehlt mir „mojto fresa“, also einen Mojto mit Erdbeeren. Während ich warte und die mediterrane Stimmung genieße, die Menschen beobachte auf der Suche nach einer Geschichte, bemerke ich die Blicke zweier Männer etwas weiter weg an einem Tisch. Naja, denke ich, so ist das, als Frau allein unterwegs. Vor mir sitzen zwei bildhübsche Schwedinnen, so um die zwanzig, die sich angeregt unterhalten. Ich verstehe kein Wort, ahne aber, dass es um Beziehungsgeschichten geht. Es ist auf jeden Fall sehr amüsant, ihre Mimik und Gestik zu beobachten. Der Mojto kommt und ist – wie versprochen – muy rico, wie die Spanier sagen. Wahrscheinlich trinke ich zu schnell.
Zwei Männer gehen vorbei, schauen kurz, gehen weiter. Das alles beobachte ich aus dem Augenwinkel –mein Blick ist beruflich geschult nun mal weiträumig. Ich überlege gerade, ob ich mir noch einen dieser köstlichen Drinks bestelle, da kommen sie zurück, nehmen am Tisch neben mir Platz. Nach einer Weile kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie gerne mit mir ins Gespräch kämen. Na sowas, denke ich, da habe ich gerade einen Artikel zum Thema “Flirten für Männer” geschrieben –rein theoretisch, versteht sich. Es reitet mich der Teufel und ich bestelle mir noch einen Drink, weil er so köstlich ist, natürlich. Jetzt will ich doch mal sehen, was passiert. Die eindringlichen Blicke sind wirklich nicht mehr zu übersehen und trotzdem bemerke ich selbstverständlich nichts. Ich bin schließlich verheiratet und auch nur hier, um den Abend nicht vor dem Fernseher zu verbringen. Für meine Studien finde ich die Situation nun zunehmend interessant. Ich habe meinen Drink fast ausgetrunken, da rückt einer der Herren seinen Stuhl in meine Richtung und fragt mich Englisch, ob ich mich nicht zu ihnen setzen möchte. Oh mein Gott, ich bin selbst ganz ungeübt in einer solchen Situation, da ich wie bereits erwähnt, sehr sehr und sehr glücklich verheiratet bin. Also lächle ich freundlich und sage, dass es sehr nett sei, mich das zu fragen, aber dass ich gleich nach Hause gehen werde.
Ich weiß nicht wie, aber wir kommen trotzdem ins Gespräch, die beiden Herren sind Dänen, sprechen natürlich gut Englisch und derjenige, der mich angesprochen hat – der Mutigere der Beiden – auch sehr gut Deutsch, weil er von der dänischen Grenze kommt. Ich kenne den Ort nicht und erhalte sogleich Geographieunterricht, der bei mir auch nicht wirklich hilft, denn mein geographisches Vorstellungsvermögen ist grauenhaft. Meine Familie weiß ein Lied davon zu singen. Aber das macht gar nichts, wir plaudern munter vor uns hin und ich schlage vor, dass wir das auf Englisch fortsetzen, weil der andere Herr uns sonst nicht versteht. Ich erfahre, dass die beiden irgendwie mit Schiffen zu tun haben und der Schüchterne eigentlich nicht mehr arbeiten muss und nur noch seine Firma zwei Stunden am Tag verwaltet. In Zeiten des Internets ist das alles möglich. Auch, dass er fast einen Herzinfarkt hatte und Bluthochdruck und kürzer treten muss. Ich weihe die Beiden im Gegenzug in die Geheimnisse der Mediation ein und schwärme vom köstlichen Leben in der Sonne Spaniens. Die Zeit fließt dahin und ich finde den Abend jetzt zu dritt doch amüsanter als alleine. Als ich mich verabschiede, werde ich mit Kusshand entlassen und es wird mir beteuert, wie anregend das Gespräch war. Was auch immer die beiden Herren sich erwartet haben, es war auf jeden Fall für alle Beteiligten sehr vergnüglich. Die nette Kellnerin ruft mir ein Taxi, das ewig nicht kommt, weshalb ich mich mit ihr, dem Kellner und dem Chef unterhalte und mein Spanisch auch mal wieder aus der Versenkung hole. Wir scherzen und ich habe die Kellnerin auf meiner Seite, als ich dem Chef gegenüber behaupte, der selbstironisch den Macho und Chef spielt, es gäbe keine Chefs, wir seien schließlich alle Sozialisten. Das Taxi ist da, bevor ich noch schlimmere Dinge behaupten kann.
Fazit dieses Abends: Ich muss mehr unter die Leute gehen, um Geschichten zu schreiben, denn ich kann ja nicht nur über die Krise berichten, die meinen Kopf nun schon fast Tag und Nacht besetzt.
Informationen und kein Ende…
Klicke ich auf meinen e-mail-Provider, werde ich sofort mit Werbebannern beglückt, ob ich das möchte oder nicht. Starte ich mein Bankprogramm, wird mir wohl oder übel zuerst der neueste Spot für ein neues Bankprodukt vor Augen geführt, den ich zwar entnervt wegklicken kann, der mir aber dennoch zwei, drei Sekunden meiner kostbaren Zeit raubt. Und das ist das Problem: Es gibt so viele Marketingfirmen , die unsere – möglichst ungeteilte – Aufmerksamkeit auf ihre Produktwerbung ziehen möchten . Ja, ich empfinde das als einen Raub meiner grauen Zellen, die in Bewegung gesetzt werden, ohne dass ich das wirklich entschieden habe. Ich kann keine Website öffnen, ohne sofort als potenzieller Käufer identifiziert zu werden. Lasse ich wilig-unwillig den ersten Spot oder Banner über mich ergehen, überfällt mich die nächste Werbung oder “Information”, um die ich nicht gebeten hatte. Reiz- und Informationsüberflutung ohne Ende. Wir Nutzer von e-mail-accounts, sozialen Netzwerken im Internet, Bank-Onlinekonten müssen geködert werden – unaufgefordert, versteht sich. Waren das früher die Handlungsreisenden in Sachen Staubsauger, Antiallergikerbettwäsche oder der besten Kaffeemaschine aller Zeiten, die uns an der Haustüre nervten, sind das in Zeiten des Internets die von Tag zu Tag zunehmende Bannerwerbung, Pop-ups und Videoclips. Nicht zu vergessen der äußerst ärgerliche Werbeartikel einschlägiger Branchen wie Automobil oder Banken, der den Artikel der Tageszeitung, die man gerade online zu lesen versucht, überschreibt und der nur sehr schwer zu beseitigen ist, vor allem, wenn die Finger auf der Tastatur des PCs bereits vor Wut zu zittern beginnen.
Freier Wille der User oder die schlichte Wahlmöglichkeit, was ich mir ansehen oder anhören will, ist kein Wert an sich in dieser Welt des gnadenlosen Marketings. Wie haben wir nur früher überlebt, als die Verkäufer noch nicht unbegrenzten Zugriff auf ihre potenziellen Käufer hatten. Sie mussten sprechen, die richtigen Worte und die überzeugenden Argumente finden, um ihr Produkt an den Mann oder die Frau zu bringen. Vorher aber war es zwingend erforderlich, dass sie ihre Zielgruppe ausfindig und sie sich gewogen machten, ehe die einzelnen Mitglieder bereit waren, überhaupt einem Verkäufer zuzuhören. Heute wird zwar auch eine Zielgruppenanalyse gemacht, die zum großen Teil im Internet stattfindet. Die Maschine durchleuchtet, was die User anklicken im Internet, wofür man sich interessiert, was man bestellt. Das ergibt Käuferprofile, die dann gezielt abgefeuert werden, um die Teilnehmer des großen Reigens Internet einzufangen, in Kategorien einzuteilen, um sie dann ungefragt und aufdringlich ihrer Aufmerksamkeit zu berauben und mit Angeboten zu bombardieren, die sie wahrscheinlich weder wollen, noch wirklich benötigen.
Abhilfe schaffen dutzende von e-mail-Adressen, die man jedes Mal neu anlegt, wann immer eine Bestellung per Internet unausweichlich oder aus Bequemlichkeit getätigt wird. Keine dieser Adressen wird dann jemals wieder aufgerufen und der Strom der Werbemails, die darauf folgen, versiegt im Niemandsland. Leider bin ich zu faul, immer eine neue Adresse anzulegen und trage mich deshalb mit dem Gedanken, einen Softwareentwickler zu finden, dem es gelingt, jeden unerwünschten Popup, Banner, jede Spammail und jede Werbung, die Artikel überschreibt, direkt an den Absender zurück zu katapultieren – und zwar am liebsten mit unerfreulichem Inhalt wie faulen Eiern – virtuell, versteht sich.
Im Anfang war das Wort…
Die Geschichte des Lebens muß wohl neu geschrieben werden. Synthetic Genomics, die Firma eines Forschers, den viele als den modernen Frankenstein ansehen, hat begonnen, Leben neu zu definieren. Graig C. Venter mag als Monster erscheinen, weil er ein scheinbar ungeschriebenes Gesetz aufzuheben scheint: Gott, oder dass, was jeder aus seiner Perspektive dafür hält, ins Handwerk zu pfuschen.
Zu zeigen, dass Leben nicht nur eine Mischung aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Phosphor und etwas Schwefel ist, war sein Ziel. Dass es auch schon in Urzeiten einem Code gehorchte, der entwickelt werden musste, um die Bestandteile zu einem organischen Ganzen zu machen, das sich mit rasender Geschwindigkeit vervielfältigte und ausbreitete. Nun haben die Forscher unter Leitung dieses Grenzüberschreiters gezeigt, dass Leben aus synthetischer Information, die in einem Computer generiert wurde, neues Leben erzeugen kann. Wie finden Sie die Vorstellung, dass in Zukunft eine Computerdatei die Eltern von Babys sein könnten? Nunja, bis dahin wird noch ein langer Weg sein, doch die Tür dahin ist aufgestoßen. Wie der Entwicklung der Atombombe nicht Einhalt geboten wurde, so wird auch der Traum vom gestalteten Menschen nicht wieder in der Versenkung verschwinden. Zu verführerisch für die Forscher, die Grenzen der Natur zu überwinden. Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ grüßt schon lange nicht mehr aus der Ferne.
Leben ist Information, behaupteten schon vor einiger Zeit Biowissenschaftler, nun wird das biblische Wort „Im Anfang war das Wort“ geradezu Programm. Was, wenn wir beliebig dieses „Wort“, diesen „Code“ verändern können? Sicher, man könnte wahrscheinlich viele die Menschen plagenden Leiden und Krankheiten ausmerzen. Weitergedacht hieße dies aber auch, dass Fortplanzung gezielt geplant und sogar eingeschränkt werden müsste. Das hieße auch denken, was mit all den Menschen, die nicht mehr krank oder alt werden geschehen soll? In Huxleys Buch werden sie in sogenannten „Moribundenkliniken“ ins Jenseits befördert, das man ihnen lange genug mit der entsprechenden Droge schmackhaft gemacht hat. Soweit die menschenverachtenden Szenarien, denen nur Staatspersonen mit den integersten Absichten und einer unerschütterlichen Ethik beikommen können. Gott – oder besser noch wir in Eigenverantwortung – müssen dafür sorgen.
Die Faszination aber, dem Wesen allen Lebens und Seins auf die Spur zu kommen, ist nicht nur für die Forscher der unterschiedlichsten Wissenschaften ungebrochen. Wer wollte nicht wissen, was ihn im Innersten zusammenhält? Was Leben ist, warum wir hier sind, warum wir so sind, wie wir sind und wie wir unser Sein besser gestalten können? Vor allem, wie wir uns vom Leiden befreien können, um zu dem werden, was wir wirklich sind? Harren wir der epochalen Entdeckungen, die noch auf uns zukommen. Vielleicht ist alles anders, als wir es uns bisher vorgestellt haben und wir müssen eine kopernikanische Wende vollziehen. Leben ist aufregend – das ist unbestritten.
Abseits
Die Abseitsregel ist den meisten Laienfussballern und hie und da auch den besserwisserischen Schiedsrichtern auf dem Platz ein Buch mit sieben Siegeln.Geht es dann um das passive Abseits im unterschiedlichsten Geschehen beim fussballerischen Gewusel, dann scheiden sich die Geister in Kenner, Ahner und völlig Ahnungslose. Ich gehöre keineswegs zu den Kennern, meine aber, ein deutliches Abseits im Spielgeschehen gut zu erkennen – manchmal sogar ein passives Abseits.
Auch ein gutes Pass- oder Doppelpassspiel ist mir nicht fremd, ein Foul kann ich ebenfalls von einer kleinen Rempelei unterscheiden. Ein spielerisch langsames, nicht gerade dem südamerikanischen Temperament frönenden Spiel einer Mannschaft kann ich – dachte ich bisher – auch von einem zwar Tore produzierenden, aber doch etwas träge daherkommenden Spiel unterscheiden. Dachte ich. Bisher.
Dann aber erklärt mir Mann die Welt, in der er sich heimisch fühlt: den Fussball. Ich kann kaum meine – wie ich meine doch nachzuweisende – Begründung meiner Ansicht an den Mann bringen, da bricht ein Argumentationsgewitter über mich herein. Von „Turniermannschaft“ ist da die Rede (was hat das jetzt mit dem Spieltempo zu tun?), von „jungen Leuten“ wird gesprochen (die sollten eigentlich noch schneller laufen können, oder?) und „erstes Spiel“ (was ändert das daran, dass es hätte schneller sein können?). Dann höre ich, dass „alle Kommentatoren“ – dieses von mir gerade leicht kritisierte Spiel – „äußerst positiv“ beurteilt hätten (nun ja, was hätten die wohl von sich gegeben, wenn es nicht die Tore gegeben hätte?)„ dass der Spielaufbau sehr besonnen gewesen sei“ (stimmt ja, aber halt langsam…). Ich seufze und schweige. Gegen derart fundierte und ausgewogene Sachkenntnis erkläre ich mich geschlagen.
Zum Glück gab es kein Streitgespräch über Abseits, denn der Schiedsrichter hat richtig gepfiffen und alle (sogar ich) waren damit einverstanden. Wehe, wenn wir hätten definieren müssen, warum es möglicherweise kein Abseits gewesen sei!
Wir wären in die Abseitsfalle gerannt, blind, aber überzeugt…
Zurück in die Zukunft
Nach verlorenen Landtagswahlen krabbeln aus den dunklen Gruben wieder die Ewiggestrigen hervor. Sie wittern die Chance, mit alten Denkmodellen die Zukunft zu bewältigen. Da werden Stimmen laut, die fordern, die Zusagen für Einrichtungen für Kinder unter drei Jahren nicht einzuhalten, da das Geld hierfür nicht da sei. Dass der 10prozentige Anteil für Bildung wohl nicht geleistet werden kann, angesichts der prekären Haushaltslage.
Dreimal laut gelacht angesichts solcher Argumentation! Es gab bereits Milliarden für die strauchelnden Zockerbanken, jetzt gibt es wieder Milliarden für die fast gefallenen Staaten der Europäischen Union, die durch konsequente Misswirtschaft – auch wieder mit Hilfe der egozentrisch, Nabelschau betreibenden Banken – in die tiefroten Zahlen geraten sind. Da wird der Neid anderer Staaten bedient, indem die deutsche Gesellschaft und ihre funktionierende, weil innovative Wirtschaft, in erpresserischer, napoleanischer Manier zur Transferunion gezwungen wird. Wir leben auf großem Fuße, was die Rettung von Banken und maroden Staatshaushalten anderer angeht, stellen aber nicht ausreichend Mittel zur Verfügung, dass gut ausgebildete Frauen in ihren Beruf zurückkehren können, dass Kindern von klein auf eine umfassende Bildung zugute kommt und die Menschen in ihrer Bereitschaft, sich um eine Familie zu kümmern, gewürdigt werden. Letzteres ist ja nicht Selbstzweck der Vermehrung der eigenen Gene, sondern absolut unerlässliches Mittel, eine Gesellschaft am Leben zu erhalten und vor allem die Gemeinschaft von Alt und Jung solidarisch auszubalancieren.
Stimmen, die sagen, dass vor allem die CDU/CSU ihre Wählerschaft verunsichere, weil sie ihr angestammtes Profil so verändert habe, dass sich christlich orientierte, einem traditionellen Rollenbild verbundene Menschen darin nicht wieder fänden, sollten lieber schweigen. Denn, Herr Koch, haben Sie noch nicht bemerkt, dass die Zeiten sich rasant verändert haben? Dass gerade die christlichen Institutionen sich auf mehr und mehr schwankenden Boden bewegen, weil ihre jahrzehntelange Heuchelei sie durch die offen gelegten Skandale geradezu in ein Misstrauensvotum führt? Dass damit Institutionen wegbrechen, die einmal Garant für Moral und Sitte waren und zumindest halbwegs den menschlichen Makel kitteten? Merken Sie nicht, dass Frauen nicht mehr nur die Starken hinter einem starken Mann sein wollen? Dass Familie ein paritätisches Unternehmen geworden ist, in welchem Mann und Frau gleichermaßen zum Wohle der Kinder beitragen? Dass unsere Kinder längst Gefahr laufen, verloren zu sein, wenn ihnen nicht von Beginn an Aufmerksamkeit und Förderung von allen Teilen der Gesellschaft entgegengebracht wird?
Unsere Gesellschaft braucht Kinder, um das Gleichgewicht zwischen Alt und Jung aufrechtzuerhalten, nicht nur aus volkswirtschaftlichen, auch aus zutiefst menschlichen Überlegungen. Es geht um Verantwortung und Fürsorge, die jeden in der Gesellschaft zu etwas Größerem als ihn selbst beitragen lässt und Mensch sein und werden lässt. Aufgabe der Politik ist, den Rahmen hierfür bereitzustellen, damit dieser menschliche Prozess möglich wird. Sie muss für Sicherheit, auch soziale Sicherheit sorgen und mit Recht und Gesetz den Schutz ihrer Befohlenen gewähren. Ihre Aufgabe ist es nicht, ideologische Modelle mit Macht durchzusetzen.
Zum Glück sind die Zeiten nicht mehr zurückzudrehen, der dialektische Prozess ist längst auf einer anderen Ebene angelangt, in der neue Fragen gestellt werden müssen, andere Modelle erforscht werden müssen. Veränderungen entwickeln ein dynamisches Moment, das nicht durch tiefschwarze Vorstellungen verdeckt oder gar wegpolitisiert werden kann. So wird es ein zurück in die Zukunft nicht geben.
No Friends
Das muss ein trauriges Leben sein, in welchem Sie niemand anchattet, anschreibt und Sie unbedingt als Freund oder zumindest als Kontakt hinzufügen möchte. Sie haben keine Freunde, wenn Sie nicht auf Facebook, StudiVZ, Xing, smallworld oder wie die neuen sozialen Netzwerke alle heißen, eingelogged und tätig sind.
Wer sind all diese Menschen, die diese Foren nutzen, um sich selbst darzustellen und mit zum Teil privatesten Äußerungen in eine Öffentlichkeit gehen, die für sie im Dunklen wohnt. Denn auch all die anderen Teilnehmer verbergen ihr wahres Ich hinter frisierten Profilen, Photoshopgeschönten Fotos, hippen und trendy Statements, die sie als besonders erstrebenswerte Gesprächspartner ausweisen.Wie kann man mit Avataren in Kontakt kommen, die wirklichen Menschen hinter dem Wunschdenken der Selbstdarstellung erfassen? Wie soll es zu einem Gespräch kommen, in welchem man sich langsam der anderen Person annähert, auslotet, was gesagt wurde und was man selbst preisgeben kann. Die Sätze bleiben knapp, Syntax, Grammatik, Interpunktion scheinen der Vergangenheit anzugehören. Es geht darum, sich möglichst interessant zu gebärden, gut „drauf“ zu sein, Teil einer Kultur, in der immer schneller und abgehakter gesprochen wird, als sei man auf der Flucht.
Eine langsame Annäherung an andere, Behutsamkeit, Achtsamkeit im Umgang mit dem Fremden scheinen hinderlich zu sein. Schnell auf den Punkt kommen wie bei einem One-night-Stand ist gefragt, gefühllose Unverbindlichkeit an der Tagesordnung. Wichtig ist, sich selbst produziert zu haben, sich vervielfältigt zu haben im Netz, eine Art von Genverbreitung im digitalen Sinne. Geschwindigkeit und Häufigkeit sind die entscheidenden Kategorien. Das Ergebnis findet sich in der statistisch nachweisbaren Anzahl von Kontakten oder Freunden. Freundschaft ist nicht definiert als ein Austausch zwischen Gleichgesinnten, der zu Vertrauen und gegenseitiger Hilfsbereitschaft führt, sondern als quantitatives Merkmal, das beweist, dass man gefragt ist – warum oder wozu auch immer.
Fatal ist, dass das Netz einen Schutz vorgaukelt, der de facto jedoch nicht vorhanden ist. Das werden privateste Dinge preisgeben, sei es verbal oder phototechnisch, die sicher früher erst nach reiflichem Überlegen gesagt oder gezeigt wurden, wenn überhaupt. Man glaubt sich anonym, weil man als reale Person nicht greif – und so auch nicht – angreifbar scheint. Menschen, die einem realen, lebendigen Gegenüber niemals etwas Persönliches über sich sagen würden, kehren ihr Innerstes nach außen, lassen sich zu überschwänglichen Aussagen hinreißen und verstummen doch sofort, wenn Sie eine Stimme am Telefon hören oder der Person in der wirklichen Welt gegenübersitzen. Sind diese Netzwerke dann doch eine Einrichtung, die helfen, schwerwiegende Kommunikationsstörungen zu überwinden oder befördern sie diese noch? Diese Frage kann nur jeder für sich beantworten. Fest steht, dass sie eine gewisse Beliebigkeit fördern. Freunde können an- und abgeschaltet werden, falls nicht mehr brauchbar, nützlich oder nervend. Dann wendet man sich schnell anderen zu, die im Netz in Masse zur Verfügung stehen. Es verpflichtet zu nichts, es kostet kaum Mühe, schon gar keine Verantwortung, doch der Preis ist Oberflächlichkeit und Einsamkeit in der Menge.
Wie das immer beliebter werdende Speeddating grassieren die Chatrooms und vermehren sich die Avatare. Eine neue Welt entsteht, die außerhalb unseres Selbst und Seins ein Eigenleben zu führen beginnt. Es wird Folgen haben oder besser gesagt, die Konsequenzen sind sichtbar, wenn man sie sehen will. Es ist die Unfähigkeit, sich auf andere Menschen einzulassen, sie in ihrer Andersartigkeit schätzen zu lernen, von ihnen zu lernen. Es ist der Verlust an Zeit für intensive Gespräche, mit der man die Seele berührt und der Verlust an eigenem tiefem Erleben, das sich aus dem Miteinander, manchmal dem Füreinander entwickelt.
Die Entwicklung wird nicht mehr aufzuhalten sein, wir leben mit dem Worldwideweb.
Doch wir können von der Quantität der Kommunikation zurückfinden zur Qualität der Kommunikation – wenn wir das wollen.
Nein, Sie können sich nicht einfach überall in der gleichen Art und Weise bewegen. Nein, Sie können nicht so sein, wie Sie sind. Schon gar nicht können Sie sagen, was Sie wirklich denken! Das kann Sie Kopf und Kragen, na ja zumindest die Zugehörigkeit zu einer Gruppierung und schlimmstenfalls die Existenz kosten. Wir leben in freien Ländern, erwidern Sie. Das ist fast richtig, wären da nicht die zahlreichen verborgenen Codes innerhalb der unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppierungen. Diese regulieren Zugehörigkeiten, sie verhindern, dass die falschen Personen am richtigen Ort sind und Zugang zu Ressourcen erhalten, die ihnen nicht zustehen. Diese Codes wirken selbstverständlich aufsteigend, denn nach oben hin dünnen sich die Teilhaber an diesen sogenannten Netzwerken aus.
Es gibt Gesten, Andeutungen, Labels auf der Kleidung, die Kleidung selbst, das Auto, mit dem man vorfährt. Da sind die scheinbar nichtssagenden Äußerungen im Smalltalk, die doch soviel über den Sender preisgeben, dass ein Empfänger mit deckungsgleichen Codes diese sofort ein- und zuordnen kann. Sollte es Ihnen geschehen, dass Sie auf einer gesellschaftlichen Veranstaltung plötzlich alleine dastehen, können Sie davon ausgehen, dass Sie keinen der erforderten Codes parat hatten.
Ja, auch Ihre Handtasche ist ein Code. Sie lässt nicht notwendigerweise auf einen untrüglichen modischen Geschmack schließen, sondern eher darauf, wie hip und trendy Sie gerade sind, und/oder wie viel Sie sich allein für eine dieser beliebtesten Nebensächlichkeiten zu leisten bereit sind.
Was für die Herren der Schöpfung der fahrbare Untersatz oder zumindest die technischen Spielereien, die sie mit sich führen sind, ist für die Dame das Accessoire, das alle lebensnotwendigen Dinge beherbergen muss, wenn sie unterwegs ist – die Handtasche. Sie ist der gesellschaftliche Türöffner in hochklassigen Hotels, Restaurants und bei allen gesellschaftlichen Treffs. Oder etwa nicht? Nun ja, der Rest, wie Schuhe, Kleidung, gutes Aussehen und souveränes Auftreten mögen auch eine Rolle spielen, aber der erste Blick fällt auf dieses unentbehrliche Anhängsel. Im besten Fall decken sich dabei Qualität, Stil und Geschmack mit dem Preis und Ihrer Person. Dann öffnet dieser Code doch die eine oder andere Tür. Sie erfahren mehr Respekt, haben zumindest die Chance, Zutritt zu gesellschaftlichen Gruppen zu erhalten, in welchen dann weitere – weitaus verborgenere – Codes Sie Ihrem Ziel, dazuzugehören und ein Stückchen des großen Kuchens abschneiden zu dürfen, näher bringen werden.
Vergessen Sie also nicht, bei der Wahl Ihrer Handtasche sehr bewusst vorzugehen und nicht einfach die nächstbeste zu greifen, wenn Sie sich in den Dschungel der verborgenen Codes begeben.
2012
2012 – das Schicksalsjahr?
Der Maya-Kalender und halbwissenschaftliche Veröffentlichungen im Zusammenhang mit den Prognosen einer vermehrten Sonnenaktivität, die unser geomagnetisches Feld negativ beeinflussen könnte – sowie dazumal 1989 in Kanada, wo die gesamte Elektrizität kurzfristig lahmgelegt wurde, verleiten den einen oder anderen Endzeitpropheten dazu, wieder einmal den Untergang der Welt vorherzusagen.
Maya-Kalender und Sonnenaktivität hin oder her, es wird Zeit, eine Veränderung herbeizuführen. Hatten wir nicht gerade bzw. haben wir nicht eine Krise, die unser weltwirtschaftliches System zu erschüttern droht? Benötigen wir wirklich unsere gute alte Sonne, um uns endlich zur Besinnung zu bringen? Sind die gesellschaftlichen Zeichen nicht ausreichend, um innezuhalten und unsere Zielsetzungen zu überdenken. Dabei ist jeder gefragt. Denn zu sagen, das geht mich doch nichts an, was kann ich schon tun? In meinem kleinen Leben habe ich mich bestens eingerichtet, weder die Sterne, noch, was die Politik weltweit beschließt, umsetzt, nicht umsetzt, in den Sand setzt, kümmert mich, da ich ja nichts ändern kann.
Ist das wirklich wahr? Macht sich nicht jeder mitschuldig, der nicht Anteil nimmt am Geschehen um ihn herum? Was können wir tun? Wir könnten beispielsweise unsere eigenen Zielsetzungen und Werte überdenken. Wie gehen wir mit den Menschen um, die in unserer Nähe sind? Was tragen wir bei, dass das Leben ein besseres wird? Sind wir nur unseren eigenen Sehnsüchten, Zwängen, Bedürfnissen verpflichtet oder verbindet uns etwas mit all den anderen? Sind wir Teil eines größeren Ganzen, welches von Religionen und der Politik immer wieder beschworen wird? Soll es uns kümmern, wie es unserem Nächsten geht oder uns nur um unser Wohlergehen bemühen? Sicher, wir können uns nicht um jeden und alles kümmern. Doch in unserem Einflussbereich können wir uns kümmern. Wir können Anteil nehmen, zuhören, ab und zu unsere Bedürfnisse zurückstellen und den Mund halten.
Wir können unser Alltagsverhalten überdenken und nicht schon wieder Plastiktüten im Supermarkt benutzen, sondern gute alte Einkaufstaschen mit uns nehmen. Wir können öfter das Auto stehen lassen und mit dem Bus fahren oder besser noch mit dem Rad oder zu Fuß gehen. Das trägt zu unserer Gesundheit bei und mindert die Krankenkassenkosten und hilft der Umwelt gleichermaßen. Sind wir nicht maßlos geworden in allem? Wir wollen die perfekte gesundheitliche Rundumbetreuung – für wenig Geld versteht sich. Sind allerdings nicht bereit, selbst Sorge zu tragen, dass es uns gut geht. Wir essen zu viel, trinken zu viel, rauchen zu viel und bewegen uns zu wenig. Vom ständigen Gejammer und den negativen Gedanken, die unsere Seele umhüllen und unser Immunsystem schwächen ganz abgesehen. Wir machen uns zum Mittelpunkt des Universums mit unseren Beschwerden, Forderungen und Unachtsamkeiten. Statt uns zu fragen, was wir beitragen könnten zur Verbesserung des Lebens – in kleinen, aber im Ganzen betrachtet in großen Schritten machen wir weiter wie bisher: Jeder ist in seinem eingegrenzten Bereich und die Staaten in den jeweiligen Egoismen gefangen. Dies ist die Falle, in der wir sitzen und wenn wir nichts ändern, werden wir tatsächlich untergehen. Nicht durch vermehrte Sonnenaktivitäten, aber unser eigenes Handeln wird uns in den Abgrund stürzen.
Es ist nicht nötig, pessimistisch zu sein, nein, die Zeichen sind da, dass es so nicht weitergehen kann, wenn wir alle ein Leben anstreben, das uns glücklich machen soll.
Dies wird aber nicht möglich sein, wenn einige immer mehr wollen und dies ohne Rücksichtnahme, ohne den Blick auf das Gesamte zu richten. Denn sie sind Teil dieses Ganzen, gerät es in eine Schieflage, wird weder Reichtum noch andere Privilegien helfen, zu überleben. Wenn die Ressourcen schwinden und die Verteilungskämpfe toben, dann sind Errungenschaften der Aufklärung vergessen, dann zählt nur noch das nackte Überleben. Was wird dann aus unserem Menschsein werden? Zugegeben, das ist ein Katastrophenszenario, doch die Zeichen erscheinen wie ein Menetekel am Horizont. Wir können sie nicht übersehen, nur die Augen davor verschließen und hoffen, dass es uns nicht mehr trifft.
Gesetzt den Fall, wir sind Teil eines größeren Ganzen werden wir dem aber nicht entkommen. Selbst die Ewigkeit wird uns nicht aus ihren Klauen lassen und Hieronymus Bosch Endzeitbilder werden plötzlich sehr real sein.
Es ist dennoch nicht zu spät, etwas zu verändern. Vielleicht braucht es wirklich den äußeren Feind, um einen Zusammenhalt zu erwirken. In diesem Fall wäre das unsere gute alte Sonne, die uns wärmt und ernährt. Wenn sie zum Schlag ausholt und unsere modernen Systeme zerstört, ist unser ganzer Einfallsreichtum und unsere Solidarität gefragt, um das Schlimmste zu verhindern. Wenngleich dies auch ärmlich ist und unserem vernunftbegabten Wesen nicht entspricht, wäre es eine Chance, ein Aufruf zur Veränderung. Leider sind wir zwar vernunftbegabt, aber nicht vernünftig, sondern unseren Leidenschaften und Zwängen ausgeliefert.
Insofern bleibt fast zu hoffen, dass eine äußere Bedrohung auf uns zukommen mag, damit wir zur Vernunft kommen, denn wir werden uns nicht besinnen, wenn man uns nicht dazu zwingt. Das ist leider die menschliche Natur trotz aller Begabung zur Vernunft. Diese steckt in den Kinderschuhen und wird sich erst entwickeln, wenn wir herausgefordert werden, wenn es um das Überleben gehen wird auf diesem Planeten. Das ist die bittere Wahrheit.
Nach dem Gleichmarsch der vergangenen Jahre, den die Bologna-Reform noch gleicher machte, hört man endlich wieder die Stimmen junger Leute, die sich nicht weiter gleichmachen lassen wollen.
Jetzt, wo die Bachelor- und Masterstudiengänge durchorganisiert wurden und ihre destruktiven Auswirkungen zeigen, wehren sich diejenigen, die davon betroffen sind.
Die Generation, die die harten Jahre bis zum Abitur hinter sich gebracht hat, in welchen sie mittels Punktesystem und Drohszenarien fehlender lukrativer Arbeitsplätze bereits im Konkurrenzkampf aufeinander losgelassen wurde. Die nichts anderes hörten, als dass nur Leistung zählt und ausschließlich die Besten Chancen auf ein gutes Leben – im Sinne von der Möglichkeit zum Konsum – haben werden. Jahren, in denen die Fähigkeit, Gehörtes zu reproduzieren, gut zu heißen, den Ansprüchen des Lehrpersonals zu genügen und möglichst nicht aus der Spur zu geraten, gefragt und gefordert war.
Jetzt – nach der so genannten Reifeprüfung – werden die jungen Menschen nicht etwa in ein universitäres Leben entlassen, das ihren Geist schulen soll, ihn schärfen
soll und aufmerksam auf die Widersprüche in Texten, in Aussagen ihrer Professoren, in die Widersprüche des Lebens gar machen soll, nein sie sollen weiter reproduzieren, was vor ihnen gedacht, gesagt wurde. Sie sollen mit Texten überfrachtet werden, deren Sinn sich ihnen kaum erschließt, weil sie die Zeit, sich in diese zu vertiefen, oft nicht aufbringen können, da der nächste lange Text auf sie wartet oder das nächste Seminar vorbereitet werden muss. Dies alles in einer Zeitvorgabe, in welcher das auch für Schnelldenker kaum zu schaffen ist.
Wo bleibt die Muße, sich in einen Sachverhalt zu vertiefen, ihn gegen den Strich zu bürsten, Belege und Argumente für die eigene Position zu finden und diese klar zu verdeutlichen? Die Kunst des Selber-Denkens bleibt auf der Strecke, wenn verschulte Studiengänge junge Menschen unter den Leistungsdruck zwingen, Berge von Wissen zu verschlingen, dieses wiederzugeben, ohne die Zeit zu haben, zu prüfen, ob dieses nicht in sich widersprüchlich, ja sogar erneuerungswürdig wäre. Diese Zeit, den eigenen Geist auszuloten, auszuprobieren, sich zu reiben an Althergebrachtem, neue Thesen zu entwickeln und in der Folge zu neuen – auch für die Gesellschaft bereichernden – Erkenntnissen zu gelangen, wird den Studenten nicht mehr gegeben.
Dies hat durchaus Methode mit einer zweifelhaften Zielsetzung: Sie sollen schneller sein in ihren Abschlüssen, um der Gesellschaft, sprich vor allem der Wirtschaft schneller zur Verfügung zu stehen. Sie sollen europäisch vereinheitlicht werden – was schon allein der kulturellen Unterschiede ein Ding der Unmöglichkeit ist – und im Gleichmarsch in die Gesellschaft hineinmarschieren.
Können wir das wirklich wollen?
Was wird da produziert an den Universitäten? Von der Last der Fülle des Stoffes (die es immer schon gab…), und vor allem der Schnelligkeit, mit der dieser jetzt verinnerlicht und reproduziert werden soll, sind die Studenten ermüdet. Von den ständigen Angstszenerien, keinen Job, bzw. keinen gut bezahlten Job zu bekommen, von dem man sich das alles leisten kann, was die Werbung uns täglich als wünschenswert vorgaukelt, sind sie verunsichert und kleinlaut gemacht. Viele dieser jungen Menschen strömen nach ihren vereinheitlichten Bachelor- oder Masterabschlüssen als Gesinnungsgehilfen in die Wirtschaft – in die Banken, in die Versicherungen, in die Güterindustrie, auch in die Stellen des Gemeinwesens und schlimmstenfalls in die Politik. Sie sind uniformiert im Geiste, uniformiert im Verhalten und werden wohl so gedrillt, kaum Systeme zu hinterfragen, um diese zum Positiven im Sinne von mehr Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu verändern.
Diesen jungen Menschen ist das nicht anzulasten – denn sie werden dazu gemacht, angepasst zu sein, keine tiefergreifenden Fragen zu stellen. Sie sollen funktionieren und ihren Beitrag leisten, damit die bestehenden Interessen der Wirtschaft, die der Politik ihre Wünsche und Bedürfnisse aufoktroyiert, nicht gefährdet werden. Deren abstrusen Regeln in ihren geschlossenen Systemen entwickelt werden, die für Außenstehende unzugänglich, undurchsichtig bleiben sollen. Für welche sie neues Menschenfutter benötigen, die diese Regeln einhalten, hochhalten, verteidigen und weiterentwickeln, damit die Macht hinter den glänzenden Fassaden nicht geteilt werden muss.
Die Politik hat sich mit den Hochschulreformen zum Handlanger dieser Bestrebungen gemacht – wohlgemerkt viele mit hehren Zielen. Denn schnellere Abschlüsse bedeuten auch immense Kosteneinsparungen für die Gesellschaft. Daran ist nichts Zweifelhaftes. Doch bedenklich ist es, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Greift plötzlich autoritäre Pädagogik an den Universitäten um sich, verstehen sich Professoren und Dozenten nicht mehr als Gleichgesinnte und Begleiter ihrer Studenten, sondern als Dressurreiter, um den Parcours möglichst elegant, fehlerfrei und in einer phänomenal kurzen Zeit zu absolvieren, werden wir entweder gleichgeschaltete, verdummte junge Menschen bekommen oder sie werden sich wehren, aufbegehren, eigene Wünsche und Bedürfnisse anmelden und ein Studium fordern, dass diesen Namen verdient: Freiheitlich, selbst denkend, weiter denkend, geistigen Gewinn für sich und die Gesellschaft bringend. Dies scheint eingetreten zu sein! Gotttlob! Und: hoffentlich lassen sich die jungen Leute nicht allzu schnell beschwichtigen und wieder auf den normierten Parcours schicken!!
Heida Berts spitze Feder