Blaß und blutleer kommen all die Methoden und Techniken im Vergleich zur Philosophie daher, die sich anmaßen, unser Wesen, unser Denken, unser Fühlen verändern zu wollen.
Ständig sollen wir fühlen, vertrauen, uns aufgehoben fühlen in undefinierten kosmischen Zuständen oder gar dem armen Universum, das sicher so gar nichts für unser kleines individuelles Leben kann und auch nichts tun kann.
Wo ist die Zuversicht, ja Gewissheit in die Kraft unseres Verstandes, unseres Denken geblieben? Wer praktiziert noch mit den Kindern „denken lernen“, will heißen, nicht repetieren, was andere bereits gedacht haben, sondern selber denken, im besten kantischen Sinne „sapere aude“. Warum ist Denken so verpönt? Warum wird es gerade noch etwas weltfremd und seltsam anmutenden Wissenschaftlern gestattet? Welch mitleidige Blicke zieht man auf sich, wenn man seinen Verstand benutzt und erst versucht, nachzudenken, bevor man spricht, Urteile fällt oder schlimmer noch, wichtige Entscheidungen trifft. Als von den eigenen Gefühlen abgeschnitten, verkopft und deshalb irgendwie kränkelnd in der Seele und im Gemüt wird man angesehen. Kaum jemandem scheint die Idee zu kommen, dass diejenigen, die lange nachgedacht haben oder überhaupt nachdenken, zuvor in vielen Fällen Gefühlsachterbahn gefahren sind. Ihre Qualität liegt gerade darin, dass sie nicht ihren Affekten, ihren Leidenschaften, ihren jeweiligen Gefühlswallungen Ausdruck verleihen, sondern ihren Kopf einsetzen, um zu betrachten, was sich sehr oft in chaotischer, will heißen, ungeordneter Form bemerkbar macht. Gerade deshalb braucht es ein klärendes und ordnendes Instrument, das uns hilft, im Leben den richtigen Weg einzuschlagen, wichtige berufliche Entscheidungen nicht übers Knie zu brechen und in schwierigen Situationen nicht in einem Strudel emotionaler Aufwallungen genau das Falsche zu entscheiden.
Dies ist ein Plädoyer dafür, den eigenen Verstand mehr ins Spiel zu bringen. Das muss nun nicht heißen, dass Regungen des Gefühls völlig missachtet werden, nein, sie sollten nur genauer betrachtet werden, soll heißen, abgewogen werden, bevor wir unser Handeln davon leiten lassen. Ausgewogenheit von Fühlen und Denken sollte es uns möglich machen, den richtigen Weg einzuschlagen, wenngleich auch dies keine Garantie dafür ist, dass er sich langfristig als richtig bewährt.
Mit der Fähigkeit, zu reflektieren, uns selbst und unsere Gefühle, Gedanken und selbstverständlich auch unsere Handlungen in den Blick zu nehmen, sind wir einzigartig unter den Spezies. Machen wir es uns zunutze, dass wir etwas können, was uns nicht unbedingt zur Krone der Menschheit macht, aber uns die Möglichkeit aufzeigt, unser Leben zu gestalten und selbst bestimmt in die Bahnen zu lenken, die für uns – und für andere – Entwicklung und Gewinn bedeuten.
Sicher, dies ist kein einfacher Weg. Denn es gibt keine schnellen Lösungen, keine Wundermittel, keine Fee mit dem Zauberstab, die alles richtet. Reflektion, Nachdenken ist Arbeit. Es erfordert Ruhe und Konzentration und einen eigenen Standpunkt. Wie sagt Marc Aurel in seinem Buch „Wege zu sich selbst“: Nicht wie ein Kreisel herumwirbeln sollen wir, sondern einen festen Standpunkt beziehen, von dem aus wir Dinge in den Blick nehmen können.
Dies ist bei den zahlreichen Verlockungen, sich ablenken zu lassen, sich zu vergnügen oder die Lebenskonzepte anderer zu übernehmen, leichter gesagt als getan. Wir werden überschwemmt mit Verheißungen, die uns ein besseres Leben versprechen, wenn wir nur dies tun, das kaufen oder jene
„neue“ Methode zum Glücklichsein ausprobieren. Es ist nicht leicht, dem zu widerstehen. Der Strom möchte einen mitnehmen und verweigert man sich, wird man leicht mit Missachtung bestraft. Der Verführer sind viele. Sie locken, sie drohen – man fühlt sich manchmal an den Ablasshandel der katholischen Kirche erinnert, den Luther mit Macht anprangerte und viele Gesinnungsgenossen fand. Die Welle des sogenannten „NewAge“, die alten Wein in neuen Schläuchen und das oft auch noch völlig verwässert servieren möchte, erdreistet sich, die Heilsbringer schlechthin zu sein. Die Vereinfachungen und Verallgemeinerungen sind oft so erschreckend, dass man sich tatsächlich fragen muss, wie doch sehr viele – oft nicht einmal dumme Menschen – darauf hereinfallen können.
Das mag in der Tat damit zusammenhängen, dass eigenes Denken und die damit verbundene Mühe nicht mehr gefördert oder gar gewünscht wird. Es ist ja viel leichter, Menschen zu instrumentalisieren und zu manipulieren, wenn diese brav dem Vorgekauten folgen und dieses nicht in Frage stellen. Vielleicht aber ist es auch der Hunger nach Glück in diesem doch nicht immer leichten Leben, der viele so anfällig macht für die Rattenfänger, die durchs Land ziehen. So süß klingt die Melodie, so schön sind die Bilder, die von einem erfüllten, perfekten Leben erzeugt werden, dass man es schon verstehen kann, dass diesen falschen Propheten hinterher getaumelt wird.
Wir können leider die Zeit nicht zurückdrehen, sonst müsste es eine Schule von Athen geben, wo es noch Raum und Zeit für das Denken gab und das wichtigste Ziel der Erziehung die Erziehung zur Reflektion war.
Doch es lohnt sich, immer wieder dafür zu werben und mit dem sokratischen Stachel in die Widersprüche, Paradoxien und Entblödungen zu pieksen, bis die Verwirrung so groß ist, dass die Begriffe wieder neu definiert werden müssen.
In diesem Sinne „Sapere aude!“
Autor Archive für Sigrid Eckold
Die Kraft des Denkens
Abu und der Kräuterladen
Sophias Begegnung mit dem Gott Ganesh in seinem Heiligtum wirkte noch in ihren Gedanken und Gefühlen, da sah sie sich schon wieder einer neuen Situation gegenüber. Abu hieß sie den Schal erneut anlegen, den sie nach dem Besuch des Tempels wieder von ihren Schultern genommen hatte. Was war nun wieder? Abu stürmte durch die Straßen, männlich dominant voranschreitend. Und Sophia ärgerte sich darüber, und dass sie seinem etwas herrisch wirkenden Geheiß folgend, den Schal wieder um die Schulter drapiert hatte. Schließlich betrat sie doch kein Heiligtum, sondern stürmte nur durch Trivandrum. Was bildete sich dieser Abu eigentlich ein, sie so herumzukommandieren, schließlich war sie doch seine sehr gut zahlende Kundin? Widerstrebend eilte sie ihm durch den wilden Verkehr hinterher. Eigenwillig wollte sie den Schal ablegen, als sie bemerkte, dass sie die einzige Weiße inmitten des indischen Trubels war und sehr neugierige Blicke auf sich zog. Das zarte Sommerkleid hätte da zu viel offenbart. Lief sie zwar in Palma jeden Sommer derart leicht geschürzt und unbefangen umher, bereitete ihr nun dieses Outfit etwas Unbehagen. So ließ sie den Schal leicht über die Schultern hängen. Und sich weiter über Abu ärgernd, wich sie den bedrohlich nahe kommenden Mopeds, Autos und Bussen aus. Dann fand sie sich mit Abu vor einem großen Kräuterladen wieder. Ach, hätte sie doch nur nicht erwähnt, dass sie noch einige Kräuter kaufen wollte. Natürlich war der Inhaber entweder ein Neffe, Onkel oder zumindest ein Freund von Abu. Sophia ahnte, es gab kein Entkommen.
Ihr wurden sofort Berge von Nüssen, Tees und Kräuter aller Art offeriert. Abu schubste sie etwas zu vertraulich und meinte, wenn sie nicht genug Rupies dabei hätte, würde er diese für sie auslegen und zückte sogleich 1000, 2000 Rupien und wedelte leutselig damit herum. Es gab wunderbaren weisen Tee, Cashewnüsse geröstet und nicht geröstet, Chilis, Masalatee, duftende Vanillestangen von exzellenter Qualtiät und Kosmetik und Düfte in den unterschiedlichsten Variationen. Ein Paradies für Köche und Kosmetikstudios gleichermaßen.
Sophias suchte aus und schob das, was sie nicht kaufen wollte gegen den entschiedenen Protest der Verkäufer- und Abus natürlich – zurück. Als sie die Rechnung präsentiert bekam, fiel ihr vor Schreck der Schal von der Schulter. Umgerechnet über 50 Euro. Nein, nein, wehrte sich Sophia, soviel wolle sie nicht ausgeben. Sie fühlte sich an das letzte Jahr in Indien erinnert, wo sie mit ihrem Mann sehr viel Geld für Kräuter und Tees ausgegeben hatte und diese heute noch in ihren Schränken teilweise nicht verwertet ihr Dasein fristeten. Endlich – nach heftigem Widerspruch und Verhandeln – verließ Sophia mit Abu den Laden und kämpfte sich durch den mörderischen Verkehr zum Auto zurück. Der Preis für die Kräuter und Tees und Vanillestangen war wahrscheinlich immer noch zu hoch, aber sie wollte dem Drängen einfach nur entkommen.
Während der Fahrt eroberte sich Sophia im Englischen rhetorisch geschickter als ihr Fahrer Abu ihre weibliche Würde und Selbstbestimmtheit zurück.Sie schimpfte über diesen Einkauf und beschwerte sich lautstark bei dem schweigsam reagierenden Abu. Denn sein Vokabular reichte mit Sicherheit nicht aus, dagegen anzureden. Als sie sich etwas beruhigt hatte, lenkte sie das Gespräch in ruhigere Fahrwasser. Sie fragte ihn, ob er verheiratet wäre. Das war zwar europäisch gesehen nicht taktvoll, aber indisch betrachtet, durchaus machbar. Wurde sie doch ständig danach gefragt, auch wie viele Kinder sie hätte und wie alt diese wären. Auch ihr Aussehen oder ihre Figur wurde von allen möglichen Menschen, denen sie begegnete, kommentiert, ob sie das wollte oder nicht. Sie hatte sich nach fast vier Wochen in Indien daran aber gewöhnt. Nun drehte sie sehr zu ihrem Vergnügen den Spieß um. Abu wand sich auf die Frage aber doch ein wenig und offenbarte dann, dass er nicht verheiratet sei, aber gerne eine europäische Frau hätte. Sieh an, sieh an, welche Neuigkeiten. Als Sophia ihm dann Vorschläge machte, wie dieses zu bewerkstelligen wäre, hatte sie das Heft wieder fest in der Hand. Sie konnte aufatmen und sich entspannt zurücklehnen und die Kundin spielen. Ein Hoch auf die kulturellen Unterschiede!
Abu und der Ganesh-Tempel
Wie das so ist, wenn man einen Freund kränkt, kann sich jeder vorstellen. Einen indischen Freund zu kränken, ist besonders schrecklich. Denn wie alle Asiaten geht es nicht nur um persönliche Kränkungen, sondern Vorfälle dieser Kategorie ziehen weite Kreise und bewirken, dass man sein Gesicht verliert oder meint, es zu verlieren.
Was war passiert? Sophias Kamera streikte und als sie dies Sadeesh, ihrem Schneider und inzwischen Freund erzählte, war dieser sogleich bemüht, zu helfen. „Ich gehe nochmal zum Fotoladen und ich besorge auch den Stoff, den Du noch möchtest“, eiferte er, um ihr gefällig zu sein. Sophia hinterließ die Kamera – in Hamburg gerade neu erstanden – und das dazugehörige Ladegerät nun in der Schublade des Tisches in der Schneiderei.
Am nächsten Tag hatte Sadeesh zwar den Stoff erstanden, aber musste mit großem Bedauern mitteilen, dass das Ladegerät leider kaputt sei, er aber nicht eigenmächtig ein neues für sie kaufen wollte. So nahm Sophia daraufhin Kamera und Ladegerät wieder an sich und versteckte beides in ihrem Schrank. Zwei Tage später sprach Abu, der Taxifahrer sie an. Ihr Kummer mit der Kamera und dass sie keine Fotos mehr machen konnte, hatte sich in der kleinen Gemeinde vor dem Hotel herumgesprochen. Abu wollte also bei seinem nächsten Besuch in Trivandrum für sie nochmals in den Fotoladen gehen und ihr ein neues Ladegerät besorgen. Also holte Sophia die Kamera, bzw. wollte sie holen. Aber sie fand keine Kamera. Große Aufregung ihrerseits und bei Sadeesh, dem sie das sogleich erzählte.
Sophia hatte nun aber als letzte Erinnerung verzeichnet, dass sie diese in die Schublade von Sadeesh Tisch gelegt hatte. Sie sagte zwar, dass dies ihre letzte Erinnerung sei, sie aber nicht sicher wäre. Nach nochmaligem Durchsuchen aller Handtaschen, Koffer und Schränke war wieder keine Kamera zu finden. Sadeesh bereits völlig aufgelöst, beteuerte, er hätte sie nicht weggenommen und war kaum zu beruhigen, obwohl Sophia ihm versicherte, dass sie sich wirkich auch nicht sicher sei, wo sie die Kamera zuletzt gesehen hatte. Am nächsten Tag nach Gebeten zu Antonius, Ganesh, Shiva und allen Göttern zugleich, kramte Sophia noch einmal in ihrem Schrank und einer göttlichen Eingebung folgend unter den Dessous und siehe da – da lag die Kamera und das Ladegerät. Sie rannte sofort zu Sadeesh und beichtete ihre Vergesslichkeit. Er war sehr „upset“ , wie er sagte und seine ganze Familie ebenfalls. Denn sie könnte ja erzählt haben, dass der „Schneider“ nicht ehrlich sei. Außerdem hätte er die teure Kamera keinesfalls ersetzen können. Sophia übte sich in Entschuldigungs- und Bedauerungsverbeugungen. Nach gefühlt ziemlicher langer Zeit war Sadeesh wieder beruhigt und nahm die Entschuldigung an. Unter einer Bedingung: sie müsste in den nächsten Tagen zum Ganesh-Tempel, der heiligen Stätte des Elefantengottes gehen und diesem eine Kokosnuss opfern. Sie versprach, dies zu tun.
Abu – erfreut über ein zusätzliches Taxigeschäft – bot sofort an, sie zu fahren und dann mit ihr zum Fotoladen zu gehen, um ein neues Ladegerät zu kaufen und ihr auch noch mehr von Trivandrum zu zeigen. Am nächsten Nachmittag machten sich nun die beiden auf nach der in der Hitze vor sich hin flimmernden und verkehrstobenden Stadt. Ein Ladegerät gab es nicht, auch der Gandhi-Park war nicht besonders spektakulär und essen und trinken wollte Sophia auch nichts. Also ging es zum Ganesh-Tempel, der in einer verkehrsreichen Straße, gesäumt von bunten kleinen Läden lag.
Abu, der Moslem ist, sich aber gut mit der Hindureligion auskennt, erklärte ihr, was sie jetzt erwartete und wofür Ganesh steht. Er zwar stets dienstbeflissen, schließlich war Sophia ja Kundin, aber doch unterschwellig männlich-herrisch und Indien ist noch nicht gerade ein Vorzeigeland der Emanzipation. So bedeutete Abu Sophia, den Schal anzulegen, den Sadeesh ihr mitgegeben hatte. Sophia war natürlich wieder sommerlich und aus indischer Sicht leicht bekleidet und somit nicht tempelfähig. Dann hieß er sie, ihre Sandalen auszuziehen. Sie tat das unter Protest, denn die Straße war sehr schmutzig. Es gab aber kein Pardon. Abu kaufte mit Sophias Geld eine geschälte Kokosnuss und einen Blumenkranz, drückte ihr beides in die Hand und schob sie in Richtung Tempeleingang. Dort wurde sie von Betenden und Priestern begrüßt und weitergeleitet.
Rechts neben dem Eingang stand ein großes steinernes Becken, in das Priester, nur im Lendenschurz gekleidet, Kokosnüsse mit Wucht hinein schmetterten. Einige Gläubige erledigten das selbst, doch Sophia wurde wohl nicht ausreichend Kraft zugetraut und ein Priester übernahm das für sie. Danach drückte er ihr ein Stück Kokosnuss in die Hand und bedeutete ihr, dieses zu essen. Sophia befolgte artig seine Anweisungen. Das hätte sie wohl besser nicht getan. In der Nacht ereilten sie alle Symptome einer Lebensmittelvergiftung – oder war es der Fisch, den sie am Abend dann auch noch verspeiste. Wer kann das wissen?
Sophia stand inmitten dieser überbordenden Frömmigkeit etwas schüchtern wie ein Eindringling. Die Menschen warfen sich auf den Boden und beteten laut, einige knieten nur, andere standen in inbrünstigem Gebet vor der reich geschmückten Ganeshstatue. Es roch nach Räucherstäbchen und Blumen. Der Ganeshschrein, groß und golden, der die größte Statue des Gottes barg, war nur durch den Gang zu erreichen, in dem Menschen auf dem Boden lagen. Sophia wurde mit Gesten angedeutet, sie solle mit ihrem Blumenkranz dorthinein gehen. Sie zögerte, und sogleich kam ein Priester und sagte ihr in gebrochenem Englisch, dass sie vorher ihre Handtasche abgeben müsse. Das wollte sie auf keinen Fall, trug sie doch alle ihre Reiseschätze mit sich. Sie ging an die Seite des Schreins und bat den dort stehenden Priester, den Blumenkranz für sie dort hinzulegen. Dann stand sie noch ein wenig ratlos vor dem Eingang des Schreins, hoffte, dass nun Vergebung erreicht sei und schlich sich wieder hinaus aus dieser fremden Welt, ohne die heilige Asche, die am Ausgang blumengesäumt für die Gläubigen bereit stand, auf ihrer Stirn aufzutragen. Das wäre nun zu viel des Guten gewesen und hätte Antonius, ihren Hausgott, der Finder aller verlorenen Dinge, womöglich sehr gekränkt. Abu nahm sie lachend in Empfang und Sophia fand sich über dieses Erlebnis nachsinnend im Taxi auf dem Weg zum Hotel wieder.
Nach Tagen des erzwungenen Müßiggangs aufgrund tiefgehender Behandlungen im Ayurvedaland, beschlossen Sophia und ihr guter Freund, der Weltreisende Tomas, sich in die nahe gelegene Hauptstadt zu begeben, um die neuen Einkaufspaläste zu bestaunen und im Vergleich zu europäischen Preisen das eine oder andere Schnäppchen zu ergattern.
Sie nahmen das Taxi der vermeintlich schnelleren Fortbewegung wegen. Aber weit gefehlt, im Strom der Rikschas, Mopeds, riesigen roten Bussen, die bedrohlich einher wankten, dazwischen immer wieder Menschentrauben, war das Fortkommen eher gemächlich. Sophia war es recht, denn von Haus aus etwas ängstlich im Straßenverkehr, erschloss sich ihr die Regelung des indischen Verkehrs auch bei genauer Beobachtung sowieso nicht und sie war deshalb beruhigt, dass es langsam voran ging. Tomas meinte, es gäbe eine – für uns – unsichtbare dritte Spur, auf die kurz vor dem Crash einer Rikscha oder eines Taxis mit einem dieser riesigen Busse ausgewichen werden könne. Wie dem auch sei, es wurde viel gehupt, pfeilgerade aufeinander zu gefahren, um im letzten Augenblick auf eine unsichtbare Spur oder wohin auch immer auszuweichen. Ganesh, Vishnu, Shiva und zahlreiche andere Götter müssen mit uns gewesen sein.
Aus dem Taxi heraus war reges Treiben auf den Straßen zu beobachten. Die Menschen bewegten sich zwischen dem Verkehr, den Straßenhändlern, den parkenden Autos und Mopeds, scheinbar unbeeindruckt von all dem Getümmel. Die Frauen anmutig in ihre Saris gehüllt oder besser gesagt, geschmiegt, in der Hitze und dem Lärm der Stadt wie Blumen über dem Schmutz der Straßen schwebend. Die Männer in Jeans oder langen Tuchröcken, die von einigen hochgeklappt und im Bund eingesteckt, wie eine übergroße Windel für Sophias Augen seltsam anmutend daherkamen.
Zwischen den am Straßenrand ärmlich erscheinenden Verkaufsständen mit Angeboten aller Art tauchten Geschäfte auf, die wir auch in einer deutschen Großstadt oder einer anderen europäischen Stadt finden würden. Ein großer Fotoladen mit Kameras und Zubehör im gleichen Preis wie in Europa – kein Schnäppchen also. Tomas kaufte dennoch, denn für seine Dschungelreise wurde dringend eine Objektivtasche benötigt, die man am Hosenbund befestigen kann, falls er wieder einmal im Laufschritt vor den Elefanten oder Tigern um sein Leben rennen musste.
Wir zogen weiter zu einem neu eröffneten riesigen Kaufhaus mit großer Glaseingangstür. Was anders war als in Europa – ein riesiger Ganesh, der Elefantengott, thronte blumengeschmückt im Eingang. Es ist die Zeit der Feste in Indien. Das merkt Sophia besonders daran, dass sie in der ersten Woche mit von morgens bis spät abends andauernden Hare Krishna Gesängen und heftigstem Trommeln um ihren Schlaf gebracht wurde, um jetzt, nachdem dieses einwöchige Fest beendet ist, von der nahegelegenen Moschee mit Allah Akbar Gesängen beglückt zu werden. Nur die Christen scheinen weniger lautstark zu zelebrieren, sie ziehen sich wohl in ihre Kirchen zurück.
Im Kaufhaus wurden Sophia und Tomas von überreichlich vorhandenem Personal geführt, aber nicht gut beraten, so verließen sie diesen Palast der Moderne schnell wieder. Anzumerken ist, dass jeder sehr freundlich und hilfsbereit ist und man sofort in Empfang genommen und mit Good Afternoon, Mam und Sir stilecht englisch begrüßt wird. Im nächsten Glaspalast wurden die Einkäufer sogleich von einem jungen Mann in Empfang genommen, der mit ihnen in den vierten Stock zur Herrenabteilung stiefelte, obwohl Tomas zarte Versuche unternahm, ihn abzuwiegeln. Es war aber kein Entkommen, Sophia und er sollten mit begeisterndem Service beglückt werden.
Tomas schritt schnurstracks zu seiner geliebten Herrenunterwäschemarke, ganz schnell von weiteren vier Verkäufern umringt. Als Sophia begann, ebenfalls Modelle und Größen zu suchen, kicherten unser eifriger Verkäufer und der wohl für diese Abteilung zuständige Verkäufer offen vor sich hin. Auf Nachfragen kam nur weiteres Kichern und Gepruste, was dazu führte, dass bald die ganze Abteilung in diesen besonderen Einkauf einbezogen war. Da Sophia und Tomas nichts verstanden, beschloss Tomas nun seinerseits, Scherze zu machen, die sich im weiteren Einkauf von Hemden und Hosen fortsetzten. Dies sehr zur Verwunderung des Verkäufers, der nur noch den Kopf über diesen seltsamen Menschen schütteln konnte. Unter viel Gescherze und gegenseitigem Wohlwohlen verließen Sophia und Tomas mit einer großen Tüte das Kaufhaus. Der Einkauf selbst war in der Tat ein Schnäppchen. Sophia fehlte nun noch der Chiffon, den sie benötigte, um bei Sadish, dem äußerst geschickten Schneider gegenüber ihres Hotels zwei Kleidchen anfertigen zu lassen. Im altgedienten Kaufhaus der tausend Stoffe wurden sie fündig. Für 63 Rupien der Meter, das sind nicht einmal ein 1 Euro erstanden Tomas und Sophia nach ausgiebiger Beratung zwei sehr schöne Chiffonstoffe. Der Sommer in Spanien könnte kommen.
Erschöpft und zufrieden ging es im Taxi zurück durch verstärkten Verkehr und Gegenverkehr auf einer Ausfallstraße, die mehr ein Löchergrab als eine Straße war. Aber Inder lassen sich nicht aus der Ruhe bringen, irgendwie schafften es die hundert Mopeds, großen Autos, Taxis und Rikschas aneinander vorbei und Sophia und Tomas konnten aufatmen, dass sie die eingekauften Schätze heil nach Hause bringen würden. Ein Tag in Trivandrum ging zu Ende und ließ Sophia völlig erschöpft in ihre Kissen fallen.
Land und Wasserreserven werden immer mehr zu einem der höchsten Güter dieses Planeten. Deshalb schrecken korrupte Regierungen und skrupellose, gierige, weltweit operierende Unternehmen zunehmend nicht mehr vor räuberischen, gewalttätigen Maßnahmen zurück, um sich zu bereichern. Die jüngsten Landräubereien in Kambodscha, die den bescheidenen Wohlstand vieler Bauern zunichte machten und sie jeglicher Existenzgrundlage beraubten, sind Zeugnis dafür. Daran beteiligt ist ein thailändischer Konzern, der im großen Stil Zuckerrohrkulturen anbaut, und die Bauern mit Hilfe des Militärs vertreiben liess. Dahinter stehen aber auch Großinvestoren, wie beispielsweise die Deutsche Bank mit ihren DWS-Fonds, wie “Report Mainz” recherchiert hat.
Diese Entwicklung ist mit großer Besorgnis zu betrachten, da Land und auch Wasser knapper werden, werden wir es mit mehr und mehr Verteilungskämpfen zu tun bekommen. China ist eines dieser hungrigen Raubtiere, das zunehmend große Flächen in Afrika aufkauft und sich damit das Überleben des eigenen, stetig wachsenden Volkes sichern will.
Es sind die reichen Länder, die sich Ressourcen in den Entwicklungsländern erkaufen wollen, und die dabei oft unter der Flagge der „Entwicklungshilfe“ oder „Investitionshilfe“ für die jeweiligen Länder segeln. Das mag auch zutreffend sein für einige der global operierenden Unternehmen und zeitweilig für die jeweilig betroffene Landbevölkerung zum Besseren führen. Vorrangig sind jedoch weitgehend eigene Interessen der Unternehmen und jeweiligen Regierungen. Das heißt, Nahrung für das eigene Land, erhöhtes Kapital und Devisen durch aggressiven, keineswegs umweltschonenden Anbau. Nach uns die Sintflut ist im wahrsten Sinne des Wortes das Motto, das vielen dieser „Ankäufe“ zugrunde liegt.
Regierungen der Entwicklungsländer, die das zulassen, untergraben die Existenzgrundlage ihres eigenen Volkes. Ganze Heerscharen von Kleinbauern werden in die Armut und Hoffnungslosigkeit gestürzt. Böden werden gnadenlos ausgebeutet und erodieren. Land wird weniger und weniger… und im Jahr 2050 wird dieser Planet prognostizierte 9 Milliarden Menschen zu ernähren haben. Wird dieses Raubrittertum aufzuhalten sein im globalen Kampf um Ressourcen?
Nur wenn eine Umkehr im Denken stattfindet, werden Kriege um Wasser und Nahrung aufzuhalten sein. Wir alle bewohnen diesen wunderbaren Planeten und sollten in die Zukunft denken, in der wir und unsere Kinder und Enkel gesund leben wollen. Wasser ist zwar inzwischen zum Menschenrecht deklariert worden, dennoch wird Wasser vielerorts privatwirtschaftlich “verwaltet”, d.h. es ist mehr und mehr ein Mittel zum Profit geworden. Nicht nur Regierungen und Firmen müssen ethische Standards einführen, jeder einzelne sollte sich interessieren, wie mit den knapper werden Ressourcen unserer Heimat umgegangen wird. Wie die “Occupy Wallstreet”-Bewegung zeigt, können sich Menschen in der ganzen Welt solidarisieren und etwas bewegen. Gemeinsam sind wir stark und können Dinge verändern, die jeden von betreffen -früher oder später. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass die netten Aliens kommen und uns retten, wenn unserem Planeten die Luft ausgeht.
Sophia allein zu Haus…
Es ist mal wieder einer dieser Tage, an denen ich vor meinem PC sitze. Recherchieren, Bankgeschäfte erledigen, lesen, lesen und schreiben. Am Abend meckert mein Rücken vom vielen Sitzen und die Allergie hat sich leider auch wieder zurückgemeldet. Kein Kind hat angerufen, eines nur eine lapidare e-mail geschickt, die mein Herz auch nicht hüpfen ließ. Die Freundinnen haben sich nicht gemeldet. Und mein lieber Mann scheint sich in Arbeit aufgelöst zu haben und hat mich darüber vergessen, was ungewöhnlich ist. Was mache ich? Leichte Frustrationsgefühle, wahrscheinlich dem inzwischen ordentlichen Hunger geschuldet, machen sich breit. Die Aussicht, wieder einen Abend den üblichen Salat vor dem Fernseher zu verspeisen, und im Anschluss daran mit dem Bügelbrett zu tanzen, weckt keine lustvollen Gefühle in mir. Also raffe ich mich auf, mache mich schön, obwohl ich mich nicht schön finde mit dieser Allergie im Gesicht. Ich überlege kurz, doch mein gemütliches Abendoutfit anzuziehen, – das Nachthemd, und es mir mit einem Glas Rotwein vor einem Video gut gehen zu lassen. Eine Stimme in mir lässt nicht locker und drängelt „geh jetzt aus, Du kannst nicht immer vor dem Fernseher sitzen“.
Was rate ich Menschen, wenn sie sagen, dass sie keine sozialen Kontakte haben und sich einsam fühlen? Ich rate ihnen, unter Menschen zu gehen und zu sehen, was passiert. Also, beherzige ich meine eigenen guten Ratschläge und mache mich hübsch, so gut es geht. Der Appetit auf ein Steak treibt mich förmlich ohne mein Zutun aus dem Haus. Nach Tagen von Salat und Resten vom Wochenende schwebt ein schönes Steak verlockend vor meinem geistigen Auge. Ich will entspannt genießen und vielleicht noch einen Cocktail trinken gehen, also fahre ich brav mit dem Bus, der schließlich bequem vor meiner Haustür hält.
Ich schlendere erst ein wenig durch die Stadt und schon geht es mir besser. Nicht, weil da so viele Menschen unterwegs sind, sondern, weil ich mich aufgerafft habe und mich mal nicht im Sport- oder Freizeit-Look auch schöner fühle. Das Gewusel um mich herum ist vergnüglich und ich fühle mich nicht mehr allein. Allein, wohlgemerkt, nicht einsam, das ist ein Unterschied. Denn einsam bin ich ja nicht, ich habe Familie und Freunde, die halt nur meistens nicht da sind, wenn es schön wäre, sie bei mir zu haben. Allein bin ich schon, und das kann manchmal nicht so erquicklich sein, ist der Mensch doch ein zoon politicon, ein Gemeinschaftswesen, hat schon Aristoteles vor 2000 Jahren behauptet.
Nun bin ich also nicht alleine, denn da sind hunderte von Menschen um mich herum. Sie sprechen nur nicht mit mir. Doch zuerst muss mein Magen beruhigt werden. So schlendere ich in das Steakhaus am Placa Major. Der Kellner ist nett und das Essen gut – wider Erwarten. Einige verstohlene Blicke von den Nachbartischen stören mich nicht. Sollen sie denken, was sie wollen. Vino Tinto und das Steak verursachen ein wohliges Gefühl in meinem Bauch. Ich überlege, was ich jetzt mache. Es ist erst 21:00. Also beschließe ich, mich treiben zu lassen und zu sehen, was passiert. Ohne Erwartungen schlendere ich in die Carrer Fabrica, die seit kurzem eine Fußgängerzone ist. Alle Restaurants und Bars haben jetzt auch eine Terrasse. Das ist in dieser lauen Sommernacht selbst an einem Mittwochabend ein großer Anziehungspunkt. Ich wähle die Bar, in der ich schon mal gemeinsam mit meinem Mann gesessen habe und in der es sehr gute Mojtos gibt. Die Kellnerin ist sehr nett und empfiehlt mir „mojto fresa“, also einen Mojto mit Erdbeeren. Während ich warte und die mediterrane Stimmung genieße, die Menschen beobachte auf der Suche nach einer Geschichte, bemerke ich die Blicke zweier Männer etwas weiter weg an einem Tisch. Naja, denke ich, so ist das, als Frau allein unterwegs. Vor mir sitzen zwei bildhübsche Schwedinnen, so um die zwanzig, die sich angeregt unterhalten. Ich verstehe kein Wort, ahne aber, dass es um Beziehungsgeschichten geht. Es ist auf jeden Fall sehr amüsant, ihre Mimik und Gestik zu beobachten. Der Mojto kommt und ist – wie versprochen – muy rico, wie die Spanier sagen. Wahrscheinlich trinke ich zu schnell.
Zwei Männer gehen vorbei, schauen kurz, gehen weiter. Das alles beobachte ich aus dem Augenwinkel –mein Blick ist beruflich geschult nun mal weiträumig. Ich überlege gerade, ob ich mir noch einen dieser köstlichen Drinks bestelle, da kommen sie zurück, nehmen am Tisch neben mir Platz. Nach einer Weile kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie gerne mit mir ins Gespräch kämen. Na sowas, denke ich, da habe ich gerade einen Artikel zum Thema “Flirten für Männer” geschrieben –rein theoretisch, versteht sich. Es reitet mich der Teufel und ich bestelle mir noch einen Drink, weil er so köstlich ist, natürlich. Jetzt will ich doch mal sehen, was passiert. Die eindringlichen Blicke sind wirklich nicht mehr zu übersehen und trotzdem bemerke ich selbstverständlich nichts. Ich bin schließlich verheiratet und auch nur hier, um den Abend nicht vor dem Fernseher zu verbringen. Für meine Studien finde ich die Situation nun zunehmend interessant. Ich habe meinen Drink fast ausgetrunken, da rückt einer der Herren seinen Stuhl in meine Richtung und fragt mich Englisch, ob ich mich nicht zu ihnen setzen möchte. Oh mein Gott, ich bin selbst ganz ungeübt in einer solchen Situation, da ich wie bereits erwähnt, sehr sehr und sehr glücklich verheiratet bin. Also lächle ich freundlich und sage, dass es sehr nett sei, mich das zu fragen, aber dass ich gleich nach Hause gehen werde.
Ich weiß nicht wie, aber wir kommen trotzdem ins Gespräch, die beiden Herren sind Dänen, sprechen natürlich gut Englisch und derjenige, der mich angesprochen hat – der Mutigere der Beiden – auch sehr gut Deutsch, weil er von der dänischen Grenze kommt. Ich kenne den Ort nicht und erhalte sogleich Geographieunterricht, der bei mir auch nicht wirklich hilft, denn mein geographisches Vorstellungsvermögen ist grauenhaft. Meine Familie weiß ein Lied davon zu singen. Aber das macht gar nichts, wir plaudern munter vor uns hin und ich schlage vor, dass wir das auf Englisch fortsetzen, weil der andere Herr uns sonst nicht versteht. Ich erfahre, dass die beiden irgendwie mit Schiffen zu tun haben und der Schüchterne eigentlich nicht mehr arbeiten muss und nur noch seine Firma zwei Stunden am Tag verwaltet. In Zeiten des Internets ist das alles möglich. Auch, dass er fast einen Herzinfarkt hatte und Bluthochdruck und kürzer treten muss. Ich weihe die Beiden im Gegenzug in die Geheimnisse der Mediation ein und schwärme vom köstlichen Leben in der Sonne Spaniens. Die Zeit fließt dahin und ich finde den Abend jetzt zu dritt doch amüsanter als alleine. Als ich mich verabschiede, werde ich mit Kusshand entlassen und es wird mir beteuert, wie anregend das Gespräch war. Was auch immer die beiden Herren sich erwartet haben, es war auf jeden Fall für alle Beteiligten sehr vergnüglich. Die nette Kellnerin ruft mir ein Taxi, das ewig nicht kommt, weshalb ich mich mit ihr, dem Kellner und dem Chef unterhalte und mein Spanisch auch mal wieder aus der Versenkung hole. Wir scherzen und ich habe die Kellnerin auf meiner Seite, als ich dem Chef gegenüber behaupte, der selbstironisch den Macho und Chef spielt, es gäbe keine Chefs, wir seien schließlich alle Sozialisten. Das Taxi ist da, bevor ich noch schlimmere Dinge behaupten kann.
Fazit dieses Abends: Ich muss mehr unter die Leute gehen, um Geschichten zu schreiben, denn ich kann ja nicht nur über die Krise berichten, die meinen Kopf nun schon fast Tag und Nacht besetzt.
Bitte erkläre mir die Krise, als wäre ich sechs Jahre alt, möchte ich manchmal die vielen Experten fragen, die uns täglich neue Erklärungs- und Lösungsmodelle vorlegen. Immer wenn ich dachte, jetzt hätte ich verstanden, wie es zur Euro-Krise, wie sie gemeinhin bezeichnet wird, gekommen ist, breitet sich wieder Verwirrung in meinem Kopf aus. Die angebotenen Lösungen sind nahezu so vielfältig wie es Politiker und Experten gibt. Ich habe sie zu meinem besseren Verständnis großräumig auf zwei Lager verteilt: Die einen wollen unbedingt Europa als Wirtschaftsraum mit gemeinsamer Währung retten, die anderen wollen ihre noch funktionierende nationale Wirtschaft retten und keine Geberländer sein für die armen, schwachen Länder oder diejenigen, die vergnüglich seit Jahrzehnten Misswirtschaft getrieben haben, wie beispielsweise Griechenland. Neben vermeintlichem Sachverstand, der ja von allen Beteiligten behauptet wird (das Kind in mir hat manchmal starke Zweifel, wenn ich diese Erwachsenen in ihrem Verhalten beobachte), finden sich viele diffuse Emotionen und Absichten. Letztere sind manchmal – wie das meist der Fall ist – nur schwer zu durchschauen, weil sie im Mäntelchen der völligen Überzeugung, gar Gewissheit und Klarheit in eleganter oder mehr oder weniger drohender Rhetorik verschleiert werden.
Nun, was tun? Komplexe Sachverhalte, wie sie bei der sogenannten Eurokrise vorliegen, bergen die Schwierigkeit, dass es in der Regel nicht nur einen Faktor der Verursachung gibt, sondern mehrere. Die müssen eigentlich wie Äpfel und Birnen sortiert werden und nicht in ein und demselben Korb landen. Das geschieht jedoch in diesem Falle nicht. Deshalb ist alles, was hilft, die Komplexität dieser neuen Krise zu reduzieren, gut für das Verständnis des fragenden Kindes und für die ratlos drein blickenden meisten Erwachsenen ebenfalls. Komplexität aufzubrechen in einzelne, gut verständliche Zusammenhänge kann die Emotionen abkühlen und Vernunft und Klarheit ihre Arbeit tun lassen. Dies hätte etwas mehr Aussicht auf halbwegs kluge, gut überlegte Lösungen.
In der Wissenschaft sind strikte Begriffsklärungen gefordert, ehe Thesen geprüft und weiterentwickelt oder ad Absurdum geführt werden. Genau zu klären, was eigentlich gemeint ist, bevor drauf los geredet wird, könnte im Falle des Krisenthemas auch dem fragenden Kind und dem interessierten Zeitungsleser, Nachrichtenseher und –Hörer weiterhelfen. Was heißt eigentlich Euro-Krise? Wir haben gar keine Euro-Krise, denn die Währung ist nicht wirklich gefährdet. Und es gibt auch keine Europa-Krise. Denn die Vorteile des gemeinsamen Wirtschaftsraumes und der Währung wird ja von den meisten der 17 Staaten des Euroraumes weitgehend nicht bestritten. Opponiert wird gegen sich immer weiter ausweitende Rettungsschirme für die schwachen Länder im Euroraum und damit die Gefährdung des Wohlstandes in den Geberländern. Deshalb kann es helfen, den Blick auf die Ursache der Verschuldung in den jeweiligen Einzelstaaten zu lenken und deren ganz individuelle Krise zu betrachten und nicht wirr Ursachen und Folgen durcheinander zu schmeißen. Beispielsweise ist die innere Krise in Griechenland eine ganz andere als in Spanien oder in Portugal. Dort wurde jahrzehntelang der Staatsapparat unnötig aufgebläht und keine Investitionen in neue Wirtschaftszweige getätigt, abgesehen von der völlig maroden Steuerpolitik. In Spanien dagegen entwickelte sich der Immobiliensektor zu einer gewaltigen Blase, die letztlich platzte und das Bruttosozialprodukt dramatisch verringerte, ohne dass andere Wirtschaftszweige dies hätten abfedern können. Zusätzlich zu diesen individuellen Problemen der schwachen Euroländer gibt es einen gemeinsamen Nenner im Euro-Raum, der zu hinzu gedacht werden muss. Dieser ist die Tatsache, dass sich in der Krise von 2008, die eine Bankenkrise aufgrund einer Hypothekenkrise und vor allem toxischer Finanzprodukte war, versucht wurde, den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben. Statt in sich zu gehen, sich zu besinnen, die Ursachen eines Fast-Zusammenbruchs des Bankensystems genau zu analysieren und tragbare Lösungen zu entwickeln, wurde schnell und zum Teil unüberlegt gehandelt. Vielleicht muss manchmal ein Notprogramm dazwischen geschaltet werden, damit keine Überhitzung stattfindet. Anschließend sollte jedoch die große, überdachte Lösung kommen, die Konsequenzen und Folgen langfristig und klug ins Visier nimmt. Die kam nicht. Stattdessen kochte jeder Staat mit seiner Politik und seinen Banken sein eigenes Süppchen und zog mögliche sich daraus entwickelnde Worst-Case-Szenarien nicht in Betracht. Vor allem aber wurde in den bereits vor der Krise von 2008 schwer an der Staatsschuldenlast tragenden Länder nicht sofort konsequente Sparmaßnahmen und sinnvolle Wirtschaftsinvestitionen eingeleitet.
Bis die Meister des Marktes begannen, die Staaten mit ihren Ratings und Börsenreaktionen vor sich her zu treiben. Gnadenlos witterten sie die Schwächen und waren und sind bereit, wenn nötig, den Todesstoß zu setzen. Sie verdienen ja dennoch, soviel ist mal sicher. Ihnen wird gerne der schwarze Peter zugeschoben, um von den eigentlichen Problemen abzulenken. Verwerflich mag sein, dass die Akteure des Marktes gnadenlos ihre Vorteile suchen, die für andere – in diesem Fall den Staaten, gegen die gewettet wird, das Unheil vermehren kann. Doch wird dabei übersehen, dass es die Politik dieser Staaten war und ist, den Märkten, das heißt, den Hazardeuren und Finanzjongleuren erst dieses Spielfeld aufgrund fehlender staatlicher Regulierung eröffnet zu haben. Außerdem haben sie keine Sorge für eine gesunde Haushaltspolitik getragen. Somit kann der Ball wieder an die Verursacher, d.h. an die jeweiligen Regierungen der Länder, zurück gespielt werden. Nähmen sie ihn an, wäre das eine Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, statt zu lamentieren oder hektisch zu reagieren.
Gut, nun aber ist das Kind in den Brunnen gefallen. Wie wieder heraus klettern? Die Stimmen schreien durcheinander, es wird gestikuliert und debattiert, Interessen und Absichten ausgelotet, Druck ausgeübt auf Zauderer und Bedenkenträger, damit diese bereit sind, weitere Milliarden zu gewähren, um nicht etwa die Staaten zu retten, nein, die Banken zu retten, die diesen Staaten immer wieder Geld geliehen haben. Diese haben lange die Augen vor deren bereits in die Schieflage geratenen Bilanzen und Bruttosozialprodukten verschlossen, und einfach die Zinsen der Kredite erhöht. Mehr Risiko, mehr Geld war und ist das Leitmotiv. Bis die Angst der Anleger um sich greift und es kein Geld mehr gibt für die schwächelnden Staaten und dann andere – finanztechnisch besser sortierte Staaten, sprich deren Zentralbanken einspringen müssen. Aua, schreit der Steuerzahler – besonders laut in Deutschland.
Verbrennt ein Kind sich, will es nur wissen, wie der Schmerz so schnell wie möglich wieder verschwindet. Es erwartet beherztes Zupacken der Menschen, dem es vertraut und Zuspruch, dass bald alles gut sein wird. Es will keine Debatten oder Streitereien, warum das jetzt passiert ist oder wer die Schuld daran trägt. Ähnliches Handeln könnte in der Staatsschuldenkrise – etwas anderes ist es nämlich nicht – durchaus hilfreich sein. Außerdem die Frage nach der besten, soll in diesem Falle heißen, auch der kostengünstigsten Lösung, die damit Konsequenzen und Folgen des Handelns weiträumig in den Blick nimmt. Diese findet sich nicht in theoretischen oder schlimmer noch ideologischen Grundsatzdiskussionen, sondern darin, das eigentliche Problem zu erkennen und klar zu benennen.
Was wäre so schlimm daran, Griechenland in eine geordnete Insolvenz zu schicken, eventuell auch Portugal oder Spanien? So verfährt man mit jedem Unternehmen, das wirtschaftlich nicht mehr mithalten kann und pumpt nicht weiteres Kapital hinein, welches dann versickert. Es würde alle anderen Mitgliedstaaten durchaus Geld kosten, weil sowohl die beteiligten Banken als auch die Länder hohe Abschreibungen ihres eingesetzten Kapitals vornehmen müssten. Doch wäre das nicht das geringere Übel? Europa würde auch nicht zerbrechen, denn die schwächelnden Länder müssten nicht notwendigerweise aus der Gemeinschaftswährung austreten. Doch nach einem Schuldenschnitt und weiteren Sparmaßnahmen hätten sie dann die Chance, ihre Wirtschaft langfristig und behutsam zu reformieren. Unterstützerländer wie Deutschland, Frankreich oder die skandinavischen Länder könnten beim Aufbau der Wirtschaft beteiligt werden und im Gegenzug durch ihre Investitionen in Solarenergie, Tourismus oder Agrarwirtschaft auf lange Sicht profitable Gewinne erwirtschaften. Es entstünde ein gesundes Geben und Nehmen und soziale Unruhen könnten vermieden werden, weil nicht nur Sparen sondern mögliche Broterwerbe für die Bevölkerung in Aussicht gestellt würden.
So einfach stellt sich das fragende Kind die Lösung vor und wird dabei von vielen vernünftigen Experten wie beispielsweise den beiden deutschen Finanzwissenschaftlern Harald Hau und Bernd Lucke unterstützt. Diese haben, so Spiegeljournalist Wolfgang Kaden, ausgerechnet, „was es kosten würde, die deutschen und europäischen Banken mit zusätzlichem Kapital krisenfest zu machen. Ergebnis des Szenarios: Die deutschen Banken hätten 20 Milliarden Euro zu verkraften; der deutsche Beitrag für die Ausstattung der Banken in Griechenland, Portugal, Italien und Spanien läge bei zwölf Milliarden Euro.“ Diese Beträge liegen weit unter den Milliarden des Euro-Rettungsschirms für den Deutschland mit ungewissem Ausgang geradestehen müsste.
Warum, so stellt sich die Frage, sollen über 200 Milliarden an Bürgschaften bereitgestellt werden, die womöglich im Sog der Schuldenkrise verbrennen, wenn ein doch so befürchteter Bankencrash mit viel weniger verhindert werden könnte? Wenn die verschuldeten Länder dann auch noch aufgrund des Schuldenschnitts leichter in die Lage versetzt wären, ihre lahmenden Wirtschaften wieder in Schwung zu bringen und ihre Bürger zu befrieden? Das Kind in mir fragt sich, ob derartige Unvernunft und strategisches Missgeschick tatsächlich dem Nichtwissen geschuldet ist oder Schlimmeres dahinter steckt? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ein vereintes europäisches Königreich unter deutsch-französischer Führung mit Duldung der Märkte? Die Zukunft wird es zeigen.
Am Nachmittag sehen wir den Doktor, das heißt, wir sehen zwei – einen männlich, einen weiblich. Wir werden gemeinsam examiniert, nachdem wir einen umfangreichen Fragebogen über unser körperliches und seelisches Befinden und sonst allerlei sehr persönlichen Fragen ausgefüllt haben. Die Ärzte gehen mit jedem von uns den Fragebogen durch, fragen nach, versichern sich, dass sie alles richtig verstanden haben, denn man spricht Englisch, indisches Englisch und unser etwas eingerostetes amerikanisches Englisch, was dann die Verständigung so manches Mal etwas erschwert. Mit Geduld und Humor versteht man sich letztlich. Wir haben die 14-tägige Verjüngungskur gebucht, doch man erklärt uns, dass „Panchakarma“ sehr wichtig sei, was so viel wie eine gründliche Reinigung des Körpers bedeutet. Nach ausführlicher Darstellung von Erbrechen, Einläufen etc., von denen ich bereits im Vorfeld schon gehört hatte, erklingt ein entschiedenes „Nein“ aus meinem Mund. Etwas ratlos werden neue Überzeugungsversuche gestartet. Es wird beteuert, dass keine einzige Person je in diesem Resort therapeutisch erbrochen hat, doch ich bin nicht überzeugt, auch die Vorstellung von Klistieren bewirkt heftigste Abwehrreaktionen meinerseits. Ich bestehe auf dem Programm, was ich gebucht habe und die sanften Inder geben solch starkem Willen nach.
Danach erfolgt die Diagnose nach den ayurvedischen „Doshas“, das sind die Körpersäfte, Vatha, Pitta und Kapha, die normalerweise mit dem Luft-, Feuer- und Wasserprinzip gleichgesetzt werden. Dann werden wir zu unserer ersten Anwendung begleitet und unseren Therapeuten vorgestellt. Mich empfängt eine „indische Mama“, der ich brav in den Behandlungsraum folge. Dort wartet eine ganz junge Frau, die mich anlächelt und sich leicht verbeugt. Der Raum ist klein, die Wände aus dunklem Stein, nach oben offen und den Blick auf das mit Palmenblättern gedeckte Dach und die mit dicken Seilen zusammengeknoteten Balken freigebend. Es herrscht eine dunkle, wohlige Atmosphäre, auf dem Boden liegt eine zusammengeklappte Matte, gegenüber steht eine hölzerne, schwere Liege, auf der sich nochmal eine Matte befindet. Auf einem kleinen Tischchen wird ein Öllämpchen entzündet, das kleine Neonlicht, das den Raum aufhellt, wird gelöscht. Es wird mir ein kleiner Hocker hingeschoben und man bedeutet mir, mich auszuziehen. Ich beginne damit und man bedeutet mir, dass noch mehr Kleidungsstücke fallen müssen. Etwas ungläubig, aber vom Jetlag ziemlich betäubt, folge ich den Anweisungen, bis ich, so wie Gott mich schuf vor zwei wildfremden, andersartig aussehenden Menschen stehe, die mich freundlich anlächeln. Die indische Mama reicht mir dann eine Art Fliesshose, die wie eine Windelhose anmutet, und sich beim Darüberziehen als reichlich groß herausstellt. Dann setze ich mich auf den Hocker, die junge Frau verläßt den Raum, die indische Mama legt mir beruhigend die Hand auf die Schulter und lächelt freundlich. Dann beginnt sie, mir die Haare zu ölen und in ruhigen, kräftigen Bewegungen das Haar nach hinten zu streichen. Anschließend folgen weitere schnelle Bewegungen, Klopfen und Klatschen auf dem Kopf, das mich verwundert, aber angenehm entspannt. Es folgt die üppige Einreibung mit stark riechendem Öl – Sesamöl, wie ich später in Erfahrung bringe. Die Tür öffnet sich und die junge Frau kommt wie auf Katzenpfoten in den Raum, wieder legt mir die indische Mama beruhigend die Hand auf die Schulter. Mit einem kleinen Ritual – das mir wie eine Verneigung vor dem „Patienten“ erscheint, beginnt die Massage. Dann erlebe ich das erste Mal eine der berühmten Synchronmassagen. Vier Hände gleiten mit rhythmischen Bewegungen über meinen sitzenden Körper. Völlige Übereinstimmung der beiden Therapeuten lassen mich schläfrig werden. Nach geraumer Zeit bedeutet man mir, mich mit meinem Höckerchen in die Ecke zu setzen, in der ich dann etwas verschämt in diesem seltsamen Kleidungsstück sitze und beobachte, wie die am Boden liegende Matte auf Doppelbettgröße auseinandergeklappt wird.
Von der Decke hängt ein zweifachgewundenes, dickes Seil. Meine Gedanken wohl erahnend, legt mir meine Haupttherapeutin wieder die Hand auf die Schulter und lacht leise und aufmunternd. Dann verlässt sie den Raum und die junge Therapeutin bittet mich darum, mich mit dem Gesicht nach oben auf die Matte zu legen. Sie spreizt meine Beine leicht auseinander, legt meine Arme ausgestreckt von mir auf die Matte. Dann begießt sie mich reichlich mit warmem Öl, schlingt ein Handtuch durch das Seil und beginnt, während sie, sich an dem Seil festhaltend, auf einem Fuß balanciert, mich mit dem anderen Fuß kräftig zu massieren. Als ich bejahe, dass der „pressure““ ok. sei, folgt eine lange Massage auf beiden Seiten des Körpers in dieser ausgestreckten Haltung. Wäre ich völlig nackt, wäre mir die Behandlung unangenehm, denn die Beine werden sehr eingehend und tiefgehend massiert, auch der Brustkorb wird nicht ausgespart. Das ist wohl der Grund, warum Frauen ausschließlich von Frauen massiert werden und Männer von Männern. Anschließend werde ich auf die Liege gebeten, die Haupttherapeutin erscheint und es gibt noch einmal ein Synchronmassage, diesmal des ganzen Körpers. Ich entschwebe in die Seligkeit, wohl auch dem langen Schlafmangel geschuldet. Nun dauert die Prozedur bereits über eine Stunde und noch ist kein Ende abzusehen. Denn jetzt werde ich aufgefordert, den Körper zu drehen und am anderen Ende der Liege den Kopf in eine Kuhle zu legen. Über mir sehe ich eine runde Schale, ich höre wie der kleine Ofen im Raum angeworfen wird, um das Öl zu erhitzen und bekomme eine kleine Binde oberhalb der Nasenwurzel, die von einer Stirnseite zur anderen reicht. Dann beginnt „Shirodara“, ein geheimnisvoller Stirnölguß, über den die eigentümlichsten Beschreibungen in Büchern stehen. Wohlig warm fließt das Öl auf meine Stirn, es scheint sich hin- und herzu bewegen, es herrscht völlige Stille im Raum. Nur aus den anliegenden Räumen sind leise Stimmen und leichtes Klappern der Metallschüsseln für Öl und Wasser zu hören. Ich entschlummere selig und entspannt, bis ich eine leise Stimme fragen höre „sleeping“? Man hilft mir von der Liege herunter, reibt das Öl ab, bindet mir einen kleinen Stoffturban ums ermattete Haupt, entledigt mich meiner Windelhose und hüllt mich in einen grünen Stoffmantel ein, der mich wie eine Chirurgin eines Krankenhauses aussehen lässt. Die indische Mama geleitet mich mit leichter Armunterstützung nach draußen, placiert mich zu anderen wartenden „Patienten“ und drückt mir mit einem Lächeln eine Kokosnuss in die Hand, ähnlich wie bei der Begrüßung im Ressort. Ich sitze eine Weile, fühle mich aber unter den “Patienten” nicht wohl und stolpere in unsere Hütte. Nach einer ausgiebigen Dusche gehen wir ins Restaurant und ich trinke mit etwas weniger Abneigung das heiße Kräuterwasser, der Salat schmeckt köstlich und siehe da, die Currys des Abends munden mir. Ich fühle mich entspannt und angekommen im Ayurvedaland. Weitere Überraschungen beim indischen Yoga und den nächsten Anwendungen werden folgen.
Mutter und Vater werden ist nicht schwer, Mutter und Vater sein dagegen manchmal sehr. Denn dieser Status, der ja Berufung ist oder sein sollte, geht einher mit zahlreichen garantiert Renten freien und oft auch nicht sehr dankbaren Nebenjobs. Denn in dieser Berufung findet man sich sehr viel in der Küche wieder, sieht sich mit Bergen von Wäsche konfrontiert, einer Wohnung, einem Haus, das schneller schmutzt, als man gucken kann und eventuell noch einem Garten, der gepflegt werden will. Viele organisatorische und administrative Aufgaben kommen hinzu, die man erledigen darf und es ist ratsam, sich in Krankenpflege und Psychologie schlau zu machen. Naht die Schulzeit, darf man dann auch noch als Nachhilfelehrer der Nation agieren (Zitat eines empörten Vaters auf einem Elternabend einer Grundschulklasse). So leistet man nicht nur einen gesellschaftlichen hochwertigen Beitrag, man hält auch seinem schwer arbeitenden Partner den Rücken frei und stärkt dessen Karriere.
Dieser sorgt im Gegenzug für ein finanziell abgesichertes Leben und viel Liebe und Verständnis – wenn es gut läuft. Es läuft aber nicht immer gut und dann steht Frau oder auch Mann wirklich mit allem alleine da. Hat man Geld, kann man sein Leben organisieren und einige der ungeliebten Nebenjobs loswerden und sich um die eigene Karriere kümmern. In sehr gut betuchten Szenarien wird dann gleich mal Kinderaufzucht, Pflege und Erziehung durch Aupairs, Kindermädchen und Gouvernanten geleistet. Mama und Papa schmücken sich dann bei gelegentlichen Ausgängen mit nett angezogenen Kids, hinter denen die Nannys zum Eingreifen in etwaigen Notsituationen wie vollen Windeln, übermäßigem Geschrei oder einfach nur Langeweile bereitstehen.
Hat man das alles nicht zur Verfügung, dann muss man eben multifunktional sein – eine Fast-Alles-Könnerin oder Könner. Aber aufgepasst! Versagt man in einem seiner Nebenjobs wird das sofort und gnadenlos geahndet, mehr noch als in funktionierenden Beziehungen. Da sind die eigenen meist „Übermütter- und Hausfrauen“, nicht zu reden von – die Ausnahmen bestätigen die Regel – noch schwierigeren Schwiegermüttern, die ihre Ratschläge ungefragt auf die doch unerfahrenen Neumütter/Väter herab regnen lassen. Die Nachbarn, die sich über den Kinderlärm ihm Garten beschweren und unterstellen, dass man nicht konsequent und strikt erziehen könne. Kinder schreien nämlich nicht, wenn man alle Register der einschlägigen Erziehungshandbücher gezogen hat. Später dann die Lehrer, die pädagogisch selbstverständlich die Weisheit mit Löffeln gefressen haben. Über mangelnde Besserwisser im Umfeld muss man sich wahrlich nicht beschweren.
Wenn man Glück hat, aber nur dann, hat man einen Gefährten, sei es Ehemann/Frau oder Lebensabschnittsgefährte/in, der/die fest zu einem steht und nicht grummelnd aus seinem/ihrem Job nach Haus kommt, sich hinter Fernseher, zu den Hobbys oder vor den PC verzieht, um dem täglichen Wahnsinn zu entgehen. Nein, wenn man Glück hat, nimmt er/sie Ihnen die Kinder ab, hört sich Klagen über zu wenig Schlaf, zu viel Wäsche, zu viel Putzen, zu viel Schwiegermutter und überhaupt, wie die eigene Karriere auf der Strecke bleibt, geduldig zum hunderten Mal an. Er spendet Trost und Zuversicht und liebt einen einfach nur. Dann erst kann man mit ihm/ihr die vielen netten Tagesgeschichten über die Kinder und die Freude an ihnen teilen. Dann ist alles gut. Man atmet durch und genießt die Familie.
Ärgerlich bleibt aber, dass man wenig gesellschaftliche Anerkennung für den Haupt- und all die Nebenjobs erhält, ganz zu schweigen von Rentenzahlungen – oder sie sind nicht der Rede wert. Und wehe, man hat nicht den liebevollen Mann oder die liebevolle Frau, die/der alles mit einem teilt, sogar das Bankkonto – bis ans Lebensende, ja dann ist Erfindungsreichtum und noch mehr harte Arbeit angesagt. Der Staat schreit zwar nach Kindern, honoriert auch die steigende Geburtenrate mit entsprechenden Prämien und Kindergeld – übrigens wohlgemerkt in Deutschland wie in keinem anderem europäischen Land. Letztlich muss man aber selbst die Arbeit leisten und ausreichend Kleingeld für alle anstehenden Bedürfnisse verdienen.
Auch bei aller staatlichen Unterstützung ist es deshalb jedem Erziehenden zu wünschen, weder von Anfang an die alleinige Erziehungsverantwortung zu haben, noch alleinerziehend zu werden, ohne eine entsprechende Absicherung zu haben oder einen sehr gut bezahlten Job. Letzterer ermöglicht es zwar, eine kleine Armada von Hilfskräften anzuheuern, die Kind oder Kinder und Haus und Hof pflegen. Zeit für den Nachwuchs bleibt dann trotzdem nicht allzu viel. Oder man hat das große Glück eines familiären Netzwerkes mit netten Tanten, Onkeln und Großeltern, die Zeit und Energie bereitstellen. Das letztere Szenario schwindet allerdings in der Gesellschaft schon häufig aufgrund räumlicher Trennung der Familien mehr und mehr.
Weitgehend sind immer noch Frauen alleinerziehend, aber die Männer holen auf. Diese haben zwar meist die besser bezahlten Jobs und oftmals erfahren sie auch mehr Unterstützung von mitfühlender weiblicher Seite, aber es erwartet sie dennoch häufig auch ein steter Überlebenskampf. Denn Kinder kosten nicht nur ziemlich viel Geld, nein, auch Zeit. Man will ja da sein für das Kind oder die Kinder. Will ihm/ihnen die Welt, so gut man es vermag, erklären, in der Schule helfen, in der kaum ein Kind alleine zu Recht kommt, wenn es nicht der totale Überflieger ist. Man will es schützen gegen alle Formen von Übergriffen, was bedeutet, dass man es bis zu einem gewissen Alter nahezu lückenlos betreuen sollte oder es betreut wissen sollte. Man will Spaß haben mit dem Nachwuchs, ihn lehren und von ihm lernen. Auch das erfordert Zeit, die man nicht hat, wenn man von Job zu Job hechelt, um das Kind oder die Kinder zu ernähren, zu kleiden und auszubilden – ganz zu schweigen, all die Wünsche zu erfüllen, die Kinder nun mal so haben.
Kinder sind wunderbar, ein Geschenk! Sie sind Freude, Herausforderung und Bereicherung. Wenn denn all die Voraussetzungen, in denen man als Mutter und Vater mit seinem Kind wachsen und gedeihen kann, erfüllt sind. Sind Kinder nun ausschließlich Privatsache oder doch auch ein gesellschaftliches Anliegen? In Zeiten einer alternden Bevölkerung wird das mehr und mehr zur Frage werden. Wie auch immer das in Zukunft staatlich geregelt werden wird, sind zukünftige Mütter und Väter auf jeden Fall gut beraten, diese Frage nach den besten Voraussetzungen für die Gründung einer Familie zu stellen. Schon um ihres eigenen Lebens wegen ist das legitim.
Informationen und kein Ende…
Klicke ich auf meinen e-mail-Provider, werde ich sofort mit Werbebannern beglückt, ob ich das möchte oder nicht. Starte ich mein Bankprogramm, wird mir wohl oder übel zuerst der neueste Spot für ein neues Bankprodukt vor Augen geführt, den ich zwar entnervt wegklicken kann, der mir aber dennoch zwei, drei Sekunden meiner kostbaren Zeit raubt. Und das ist das Problem: Es gibt so viele Marketingfirmen , die unsere – möglichst ungeteilte – Aufmerksamkeit auf ihre Produktwerbung ziehen möchten . Ja, ich empfinde das als einen Raub meiner grauen Zellen, die in Bewegung gesetzt werden, ohne dass ich das wirklich entschieden habe. Ich kann keine Website öffnen, ohne sofort als potenzieller Käufer identifiziert zu werden. Lasse ich wilig-unwillig den ersten Spot oder Banner über mich ergehen, überfällt mich die nächste Werbung oder “Information”, um die ich nicht gebeten hatte. Reiz- und Informationsüberflutung ohne Ende. Wir Nutzer von e-mail-accounts, sozialen Netzwerken im Internet, Bank-Onlinekonten müssen geködert werden – unaufgefordert, versteht sich. Waren das früher die Handlungsreisenden in Sachen Staubsauger, Antiallergikerbettwäsche oder der besten Kaffeemaschine aller Zeiten, die uns an der Haustüre nervten, sind das in Zeiten des Internets die von Tag zu Tag zunehmende Bannerwerbung, Pop-ups und Videoclips. Nicht zu vergessen der äußerst ärgerliche Werbeartikel einschlägiger Branchen wie Automobil oder Banken, der den Artikel der Tageszeitung, die man gerade online zu lesen versucht, überschreibt und der nur sehr schwer zu beseitigen ist, vor allem, wenn die Finger auf der Tastatur des PCs bereits vor Wut zu zittern beginnen.
Freier Wille der User oder die schlichte Wahlmöglichkeit, was ich mir ansehen oder anhören will, ist kein Wert an sich in dieser Welt des gnadenlosen Marketings. Wie haben wir nur früher überlebt, als die Verkäufer noch nicht unbegrenzten Zugriff auf ihre potenziellen Käufer hatten. Sie mussten sprechen, die richtigen Worte und die überzeugenden Argumente finden, um ihr Produkt an den Mann oder die Frau zu bringen. Vorher aber war es zwingend erforderlich, dass sie ihre Zielgruppe ausfindig und sie sich gewogen machten, ehe die einzelnen Mitglieder bereit waren, überhaupt einem Verkäufer zuzuhören. Heute wird zwar auch eine Zielgruppenanalyse gemacht, die zum großen Teil im Internet stattfindet. Die Maschine durchleuchtet, was die User anklicken im Internet, wofür man sich interessiert, was man bestellt. Das ergibt Käuferprofile, die dann gezielt abgefeuert werden, um die Teilnehmer des großen Reigens Internet einzufangen, in Kategorien einzuteilen, um sie dann ungefragt und aufdringlich ihrer Aufmerksamkeit zu berauben und mit Angeboten zu bombardieren, die sie wahrscheinlich weder wollen, noch wirklich benötigen.
Abhilfe schaffen dutzende von e-mail-Adressen, die man jedes Mal neu anlegt, wann immer eine Bestellung per Internet unausweichlich oder aus Bequemlichkeit getätigt wird. Keine dieser Adressen wird dann jemals wieder aufgerufen und der Strom der Werbemails, die darauf folgen, versiegt im Niemandsland. Leider bin ich zu faul, immer eine neue Adresse anzulegen und trage mich deshalb mit dem Gedanken, einen Softwareentwickler zu finden, dem es gelingt, jeden unerwünschten Popup, Banner, jede Spammail und jede Werbung, die Artikel überschreibt, direkt an den Absender zurück zu katapultieren – und zwar am liebsten mit unerfreulichem Inhalt wie faulen Eiern – virtuell, versteht sich.
Heida Berts spitze Feder