Es ist mal wieder einer dieser Tage, an denen ich vor meinem PC sitze. Recherchieren, Bankgeschäfte erledigen, lesen, lesen und schreiben. Am Abend meckert mein Rücken vom vielen Sitzen und die Allergie hat sich leider auch wieder zurückgemeldet. Kein Kind hat angerufen, eines nur eine lapidare e-mail geschickt, die mein Herz auch nicht hüpfen ließ. Die Freundinnen haben sich nicht gemeldet. Und mein lieber Mann scheint sich in Arbeit aufgelöst zu haben und hat mich darüber vergessen, was ungewöhnlich ist. Was mache ich? Leichte Frustrationsgefühle, wahrscheinlich dem inzwischen ordentlichen Hunger geschuldet, machen sich breit. Die Aussicht, wieder einen Abend den üblichen Salat vor dem Fernseher zu verspeisen, und im Anschluss daran mit dem Bügelbrett zu tanzen, weckt keine lustvollen Gefühle in mir. Also raffe ich mich auf, mache mich schön, obwohl ich mich nicht schön finde mit dieser Allergie im Gesicht. Ich überlege kurz, doch mein gemütliches Abendoutfit anzuziehen, – das Nachthemd, und es mir mit einem Glas Rotwein vor einem Video gut gehen zu lassen. Eine Stimme in mir lässt nicht locker und drängelt „geh jetzt aus, Du kannst nicht immer vor dem Fernseher sitzen“.
Was rate ich Menschen, wenn sie sagen, dass sie keine sozialen Kontakte haben und sich einsam fühlen? Ich rate ihnen, unter Menschen zu gehen und zu sehen, was passiert. Also, beherzige ich meine eigenen guten Ratschläge und mache mich hübsch, so gut es geht. Der Appetit auf ein Steak treibt mich förmlich ohne mein Zutun aus dem Haus. Nach Tagen von Salat und Resten vom Wochenende schwebt ein schönes Steak verlockend vor meinem geistigen Auge. Ich will entspannt genießen und vielleicht noch einen Cocktail trinken gehen, also fahre ich brav mit dem Bus, der schließlich bequem vor meiner Haustür hält.
Ich schlendere erst ein wenig durch die Stadt und schon geht es mir besser. Nicht, weil da so viele Menschen unterwegs sind, sondern, weil ich mich aufgerafft habe und mich mal nicht im Sport- oder Freizeit-Look auch schöner fühle. Das Gewusel um mich herum ist vergnüglich und ich fühle mich nicht mehr allein. Allein, wohlgemerkt, nicht einsam, das ist ein Unterschied. Denn einsam bin ich ja nicht, ich habe Familie und Freunde, die halt nur meistens nicht da sind, wenn es schön wäre, sie bei mir zu haben. Allein bin ich schon, und das kann manchmal nicht so erquicklich sein, ist der Mensch doch ein zoon politicon, ein Gemeinschaftswesen, hat schon Aristoteles vor 2000 Jahren behauptet.
Nun bin ich also nicht alleine, denn da sind hunderte von Menschen um mich herum. Sie sprechen nur nicht mit mir. Doch zuerst muss mein Magen beruhigt werden. So schlendere ich in das Steakhaus am Placa Major. Der Kellner ist nett und das Essen gut – wider Erwarten. Einige verstohlene Blicke von den Nachbartischen stören mich nicht. Sollen sie denken, was sie wollen. Vino Tinto und das Steak verursachen ein wohliges Gefühl in meinem Bauch. Ich überlege, was ich jetzt mache. Es ist erst 21:00. Also beschließe ich, mich treiben zu lassen und zu sehen, was passiert. Ohne Erwartungen schlendere ich in die Carrer Fabrica, die seit kurzem eine Fußgängerzone ist. Alle Restaurants und Bars haben jetzt auch eine Terrasse. Das ist in dieser lauen Sommernacht selbst an einem Mittwochabend ein großer Anziehungspunkt. Ich wähle die Bar, in der ich schon mal gemeinsam mit meinem Mann gesessen habe und in der es sehr gute Mojtos gibt. Die Kellnerin ist sehr nett und empfiehlt mir „mojto fresa“, also einen Mojto mit Erdbeeren. Während ich warte und die mediterrane Stimmung genieße, die Menschen beobachte auf der Suche nach einer Geschichte, bemerke ich die Blicke zweier Männer etwas weiter weg an einem Tisch. Naja, denke ich, so ist das, als Frau allein unterwegs. Vor mir sitzen zwei bildhübsche Schwedinnen, so um die zwanzig, die sich angeregt unterhalten. Ich verstehe kein Wort, ahne aber, dass es um Beziehungsgeschichten geht. Es ist auf jeden Fall sehr amüsant, ihre Mimik und Gestik zu beobachten. Der Mojto kommt und ist – wie versprochen – muy rico, wie die Spanier sagen. Wahrscheinlich trinke ich zu schnell.
Zwei Männer gehen vorbei, schauen kurz, gehen weiter. Das alles beobachte ich aus dem Augenwinkel –mein Blick ist beruflich geschult nun mal weiträumig. Ich überlege gerade, ob ich mir noch einen dieser köstlichen Drinks bestelle, da kommen sie zurück, nehmen am Tisch neben mir Platz. Nach einer Weile kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie gerne mit mir ins Gespräch kämen. Na sowas, denke ich, da habe ich gerade einen Artikel zum Thema “Flirten für Männer” geschrieben –rein theoretisch, versteht sich. Es reitet mich der Teufel und ich bestelle mir noch einen Drink, weil er so köstlich ist, natürlich. Jetzt will ich doch mal sehen, was passiert. Die eindringlichen Blicke sind wirklich nicht mehr zu übersehen und trotzdem bemerke ich selbstverständlich nichts. Ich bin schließlich verheiratet und auch nur hier, um den Abend nicht vor dem Fernseher zu verbringen. Für meine Studien finde ich die Situation nun zunehmend interessant. Ich habe meinen Drink fast ausgetrunken, da rückt einer der Herren seinen Stuhl in meine Richtung und fragt mich Englisch, ob ich mich nicht zu ihnen setzen möchte. Oh mein Gott, ich bin selbst ganz ungeübt in einer solchen Situation, da ich wie bereits erwähnt, sehr sehr und sehr glücklich verheiratet bin. Also lächle ich freundlich und sage, dass es sehr nett sei, mich das zu fragen, aber dass ich gleich nach Hause gehen werde.
Ich weiß nicht wie, aber wir kommen trotzdem ins Gespräch, die beiden Herren sind Dänen, sprechen natürlich gut Englisch und derjenige, der mich angesprochen hat – der Mutigere der Beiden – auch sehr gut Deutsch, weil er von der dänischen Grenze kommt. Ich kenne den Ort nicht und erhalte sogleich Geographieunterricht, der bei mir auch nicht wirklich hilft, denn mein geographisches Vorstellungsvermögen ist grauenhaft. Meine Familie weiß ein Lied davon zu singen. Aber das macht gar nichts, wir plaudern munter vor uns hin und ich schlage vor, dass wir das auf Englisch fortsetzen, weil der andere Herr uns sonst nicht versteht. Ich erfahre, dass die beiden irgendwie mit Schiffen zu tun haben und der Schüchterne eigentlich nicht mehr arbeiten muss und nur noch seine Firma zwei Stunden am Tag verwaltet. In Zeiten des Internets ist das alles möglich. Auch, dass er fast einen Herzinfarkt hatte und Bluthochdruck und kürzer treten muss. Ich weihe die Beiden im Gegenzug in die Geheimnisse der Mediation ein und schwärme vom köstlichen Leben in der Sonne Spaniens. Die Zeit fließt dahin und ich finde den Abend jetzt zu dritt doch amüsanter als alleine. Als ich mich verabschiede, werde ich mit Kusshand entlassen und es wird mir beteuert, wie anregend das Gespräch war. Was auch immer die beiden Herren sich erwartet haben, es war auf jeden Fall für alle Beteiligten sehr vergnüglich. Die nette Kellnerin ruft mir ein Taxi, das ewig nicht kommt, weshalb ich mich mit ihr, dem Kellner und dem Chef unterhalte und mein Spanisch auch mal wieder aus der Versenkung hole. Wir scherzen und ich habe die Kellnerin auf meiner Seite, als ich dem Chef gegenüber behaupte, der selbstironisch den Macho und Chef spielt, es gäbe keine Chefs, wir seien schließlich alle Sozialisten. Das Taxi ist da, bevor ich noch schlimmere Dinge behaupten kann.
Fazit dieses Abends: Ich muss mehr unter die Leute gehen, um Geschichten zu schreiben, denn ich kann ja nicht nur über die Krise berichten, die meinen Kopf nun schon fast Tag und Nacht besetzt.
Heida Berts spitze Feder
Liebe Sophia,
Dein Artikel ist sehr amüsant und unterhsltsam geschrieben.
Macht immer wieder Spaß;)
Aber Du weisst ja, wenn Du Dich alleine fühlst…Deine Freundinen sind für Dich da;)
Liebe Grüße
Deine Claudia
Querida Sophia,
“Wer gut allein sein kann, ist niemals einsam” – man hat sich selbst ja immer in Petto. –
aber eben auch: “geteilte Freude, ist doppelte Freude…”
Besito.
Siri
http://soundcloud.com/alexclareofficial/alex-clare-damn-your-eyes
(Musik hilft auch immer, immer, immer!)