26
Sep
11

Irrungen und Wirrungen der Krise…

Bitte erkläre mir die Krise, als wäre ich sechs Jahre alt, möchte ich manchmal die vielen Experten fragen, die uns täglich neue Erklärungs- und Lösungsmodelle vorlegen. Immer wenn ich dachte, jetzt hätte ich verstanden, wie es zur Euro-Krise, wie sie gemeinhin bezeichnet wird, gekommen ist, breitet sich wieder Verwirrung in meinem Kopf aus. Die angebotenen Lösungen sind nahezu so vielfältig wie es Politiker und Experten gibt. Ich habe sie zu meinem besseren Verständnis großräumig auf zwei Lager verteilt: Die einen wollen unbedingt Europa als Wirtschaftsraum mit gemeinsamer Währung retten, die anderen wollen ihre noch funktionierende nationale Wirtschaft retten und keine Geberländer sein für die armen, schwachen Länder oder diejenigen, die vergnüglich seit Jahrzehnten Misswirtschaft getrieben haben, wie beispielsweise Griechenland. Neben vermeintlichem Sachverstand, der ja von allen Beteiligten behauptet wird (das Kind in mir hat manchmal starke Zweifel, wenn ich diese Erwachsenen in ihrem Verhalten beobachte), finden sich viele diffuse Emotionen und Absichten. Letztere sind manchmal – wie das meist der Fall ist – nur schwer zu durchschauen, weil sie im Mäntelchen der völligen Überzeugung, gar Gewissheit und Klarheit in eleganter oder mehr oder weniger drohender Rhetorik verschleiert werden.
Nun, was tun? Komplexe Sachverhalte, wie sie bei der sogenannten Eurokrise vorliegen, bergen die Schwierigkeit, dass es in der Regel nicht nur einen Faktor der Verursachung gibt, sondern mehrere. Die müssen eigentlich wie Äpfel und Birnen sortiert werden und nicht in ein und demselben Korb landen. Das geschieht jedoch in diesem Falle nicht. Deshalb ist alles, was hilft, die Komplexität dieser neuen Krise zu reduzieren, gut für das Verständnis des fragenden Kindes und für die ratlos drein blickenden meisten Erwachsenen ebenfalls. Komplexität aufzubrechen in einzelne, gut verständliche Zusammenhänge kann die Emotionen abkühlen und Vernunft und Klarheit ihre Arbeit tun lassen. Dies hätte etwas mehr Aussicht auf halbwegs kluge, gut überlegte Lösungen.
In der Wissenschaft sind strikte Begriffsklärungen gefordert, ehe Thesen geprüft und weiterentwickelt oder ad Absurdum geführt werden. Genau zu klären, was eigentlich gemeint ist, bevor drauf los geredet wird, könnte im Falle des Krisenthemas auch dem fragenden Kind und dem interessierten Zeitungsleser, Nachrichtenseher und –Hörer weiterhelfen. Was heißt eigentlich Euro-Krise? Wir haben gar keine Euro-Krise, denn die Währung ist nicht wirklich gefährdet. Und es gibt auch keine Europa-Krise. Denn die Vorteile des gemeinsamen Wirtschaftsraumes und der Währung wird ja von den meisten der 17 Staaten des Euroraumes weitgehend nicht bestritten. Opponiert wird gegen sich immer weiter ausweitende Rettungsschirme für die schwachen Länder im Euroraum und damit die Gefährdung des Wohlstandes in den Geberländern. Deshalb kann es helfen, den Blick auf die Ursache der Verschuldung in den jeweiligen Einzelstaaten zu lenken und deren ganz individuelle Krise zu betrachten und nicht wirr Ursachen und Folgen durcheinander zu schmeißen. Beispielsweise ist die innere Krise in Griechenland eine ganz andere als in Spanien oder in Portugal. Dort wurde jahrzehntelang der Staatsapparat unnötig aufgebläht und keine Investitionen in neue Wirtschaftszweige getätigt, abgesehen von der völlig maroden Steuerpolitik. In Spanien dagegen entwickelte sich der Immobiliensektor zu einer gewaltigen Blase, die letztlich platzte und das Bruttosozialprodukt dramatisch verringerte, ohne dass andere Wirtschaftszweige dies hätten abfedern können. Zusätzlich zu diesen individuellen Problemen der schwachen Euroländer gibt es einen gemeinsamen Nenner im Euro-Raum, der zu hinzu gedacht werden muss. Dieser ist die Tatsache, dass sich in der Krise von 2008, die eine Bankenkrise aufgrund einer Hypothekenkrise und vor allem toxischer Finanzprodukte war, versucht wurde, den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben. Statt in sich zu gehen, sich zu besinnen, die Ursachen eines Fast-Zusammenbruchs des Bankensystems genau zu analysieren und tragbare Lösungen zu entwickeln, wurde schnell und zum Teil unüberlegt gehandelt. Vielleicht muss manchmal ein Notprogramm dazwischen geschaltet werden, damit keine Überhitzung stattfindet. Anschließend sollte jedoch die große, überdachte Lösung kommen, die Konsequenzen und Folgen langfristig und klug ins Visier nimmt. Die kam nicht. Stattdessen kochte jeder Staat mit seiner Politik und seinen Banken sein eigenes Süppchen und zog mögliche sich daraus entwickelnde Worst-Case-Szenarien nicht in Betracht. Vor allem aber wurde in den bereits vor der Krise von 2008 schwer an der Staatsschuldenlast tragenden Länder nicht sofort konsequente Sparmaßnahmen und sinnvolle Wirtschaftsinvestitionen eingeleitet.
Bis die Meister des Marktes begannen, die Staaten mit ihren Ratings und Börsenreaktionen vor sich her zu treiben. Gnadenlos witterten sie die Schwächen und waren und sind bereit, wenn nötig, den Todesstoß zu setzen. Sie verdienen ja dennoch, soviel ist mal sicher. Ihnen wird gerne der schwarze Peter zugeschoben, um von den eigentlichen Problemen abzulenken. Verwerflich mag sein, dass die Akteure des Marktes gnadenlos ihre Vorteile suchen, die für andere – in diesem Fall den Staaten, gegen die gewettet wird, das Unheil vermehren kann. Doch wird dabei übersehen, dass es die Politik dieser Staaten war und ist, den Märkten, das heißt, den Hazardeuren und Finanzjongleuren erst dieses Spielfeld aufgrund fehlender staatlicher Regulierung eröffnet zu haben. Außerdem haben sie keine Sorge für eine gesunde Haushaltspolitik getragen. Somit kann der Ball wieder an die Verursacher, d.h. an die jeweiligen Regierungen der Länder, zurück gespielt werden. Nähmen sie ihn an, wäre das eine Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, statt zu lamentieren oder hektisch zu reagieren.
Gut, nun aber ist das Kind in den Brunnen gefallen. Wie wieder heraus klettern? Die Stimmen schreien durcheinander, es wird gestikuliert und debattiert, Interessen und Absichten ausgelotet, Druck ausgeübt auf Zauderer und Bedenkenträger, damit diese bereit sind, weitere Milliarden zu gewähren, um nicht etwa die Staaten zu retten, nein, die Banken zu retten, die diesen Staaten immer wieder Geld geliehen haben. Diese haben lange die Augen vor deren bereits in die Schieflage geratenen Bilanzen und Bruttosozialprodukten verschlossen, und einfach die Zinsen der Kredite erhöht. Mehr Risiko, mehr Geld war und ist das Leitmotiv. Bis die Angst der Anleger um sich greift und es kein Geld mehr gibt für die schwächelnden Staaten und dann andere – finanztechnisch besser sortierte Staaten, sprich deren Zentralbanken einspringen müssen. Aua, schreit der Steuerzahler – besonders laut in Deutschland.

Verbrennt ein Kind sich, will es nur wissen, wie der Schmerz so schnell wie möglich wieder verschwindet. Es erwartet beherztes Zupacken der Menschen, dem es vertraut und Zuspruch, dass bald alles gut sein wird. Es will keine Debatten oder Streitereien, warum das jetzt passiert ist oder wer die Schuld daran trägt. Ähnliches Handeln könnte in der Staatsschuldenkrise – etwas anderes ist es nämlich nicht – durchaus hilfreich sein. Außerdem die Frage nach der besten, soll in diesem Falle heißen, auch der kostengünstigsten Lösung, die damit Konsequenzen und Folgen des Handelns weiträumig in den Blick nimmt. Diese findet sich nicht in theoretischen oder schlimmer noch ideologischen Grundsatzdiskussionen, sondern darin, das eigentliche Problem zu erkennen und klar zu benennen.

Was wäre so schlimm daran, Griechenland in eine geordnete Insolvenz zu schicken, eventuell auch Portugal oder Spanien? So verfährt man mit jedem Unternehmen, das wirtschaftlich nicht mehr mithalten kann und pumpt nicht weiteres Kapital hinein, welches dann versickert. Es würde alle anderen Mitgliedstaaten durchaus Geld kosten, weil sowohl die beteiligten Banken als auch die Länder hohe Abschreibungen ihres eingesetzten Kapitals vornehmen müssten. Doch wäre das nicht das geringere Übel? Europa würde auch nicht zerbrechen, denn die schwächelnden Länder müssten nicht notwendigerweise aus der Gemeinschaftswährung austreten. Doch nach einem Schuldenschnitt und weiteren Sparmaßnahmen hätten sie dann die Chance, ihre Wirtschaft langfristig und behutsam zu reformieren. Unterstützerländer wie Deutschland, Frankreich oder die skandinavischen Länder könnten beim Aufbau der Wirtschaft beteiligt werden und im Gegenzug durch ihre Investitionen in Solarenergie, Tourismus oder Agrarwirtschaft auf lange Sicht profitable Gewinne erwirtschaften. Es entstünde ein gesundes Geben und Nehmen und soziale Unruhen könnten vermieden werden, weil nicht nur Sparen sondern mögliche Broterwerbe für die Bevölkerung in Aussicht gestellt würden.

So einfach stellt sich das fragende Kind die Lösung vor und wird dabei von vielen vernünftigen Experten wie beispielsweise den beiden deutschen Finanzwissenschaftlern Harald Hau und Bernd Lucke unterstützt. Diese haben, so Spiegeljournalist Wolfgang Kaden, ausgerechnet, „was es kosten würde, die deutschen und europäischen Banken mit zusätzlichem Kapital krisenfest zu machen. Ergebnis des Szenarios: Die deutschen Banken hätten 20 Milliarden Euro zu verkraften; der deutsche Beitrag für die Ausstattung der Banken in Griechenland, Portugal, Italien und Spanien läge bei zwölf Milliarden Euro.“ Diese Beträge liegen weit unter den Milliarden des Euro-Rettungsschirms für den Deutschland mit ungewissem Ausgang geradestehen müsste.

Warum, so stellt sich die Frage, sollen über 200 Milliarden an Bürgschaften bereitgestellt werden, die womöglich im Sog der Schuldenkrise verbrennen, wenn ein doch so befürchteter Bankencrash mit viel weniger verhindert werden könnte? Wenn die verschuldeten Länder dann auch noch aufgrund des Schuldenschnitts leichter in die Lage versetzt wären, ihre lahmenden Wirtschaften wieder in Schwung zu bringen und ihre Bürger zu befrieden? Das Kind in mir fragt sich, ob derartige Unvernunft und strategisches Missgeschick tatsächlich dem Nichtwissen geschuldet ist oder Schlimmeres dahinter steckt? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ein vereintes europäisches Königreich unter deutsch-französischer Führung mit Duldung der Märkte? Die Zukunft wird es zeigen.


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