Gestatten, ich bin die Krise!
Eingeschlichen habe ich mich, merklich, unmerklich. Wer sehen wollte, sah mich kommen, wurde jedoch von denjenigen abgewürgt, die sich im Rausch der Selbstgefälligkeit und Gier davontragen ließen. Die Zeichen waren unwillkommen, denn sie störten die gedankenlose Euphorie und die in meiner Zielgruppe herrschende Selbstsicherheit. Warnungen Besonnener, sprich Altvorderer, Langweiliger, den Bremsern wurden als Kassandrarufe verbucht, belächelt oder vehement diskreditiert.
Was sollte das Gerede über das rechte Maß, Verantwortung und Kontrolle? Ich war auf dem Vormarsch, berauschte mich daran, wie sich die Spirale immer schneller drehte. Wunderbar mit anzusehen, wie ohne große Mühe meinerseits die glitzernden Türme zu wanken begannen, weil die Fundamente bröckelten. Diese hatte ich gezielt zersetzt mit der Sucht nach mehr Ruhm, Macht und vor allem den Silberlingen, die schon Judas mit Erfolg zum Verräter machten. Ich kannte die menschliche Konstellation so gut, dass ich nur die Saat aufgehen lassen musste. Kein Zweifel schlich sich in mein Herz, dass ich erfolgreich sein würde. Mit ein wenig Geduld konnte ich auf meine Ernte warten.
Die Zeit schritt voran und ich konnte meinen Säckel füllen und füllen und mich aufblähen. Freude erfüllte mein Herz, denn mein Habenkonto wurde praller und praller. Die zunehmend Verzweifelten um mich herum kümmerten mich weniger.
Mein Geschäft lief blendend, ich erfüllte meinen Zweck, gefräßig Renommee, Vertrauen und Wohlstand zu verschlingen und die Welt in einen Strudel zu ziehen, aus dem sie sich nicht würde befreien können.
Doch dann wurde ich ein wenig nervös, da – das konnte ich nicht wirklich hervor sehen – sich weltweit die Mächtigen – ganz entgegen ihrer sonstigen Interessen – im Kampf gegen mich zusammen zu schließen begannen. Sie warfen die Geldpressen an, um in den Markt zu spülen, was ich gerade so raffiniert und ausgeklügelt entwendet hatte. Sie arbeiteten und arbeiten an einem Regelwerk, mir das Handwerk zu legen und zukünftigen Kumpanen meine so erfolgreiche Arbeit erst gar nicht zu ermöglichen. Grässliche Begriffe wie Transparenz, Verantwortung, Kontrolle und Maßhalten kursierten innerhalb der politischen Elite und schlimmer noch: In den Medien. Sie verseuchten das Klima in den Vorstandsetagen der Unternehmen und sogar in den glitzernden Kathedralen der Finanzplätze war ein leichter Hauch von Bedauern und Besinnung auf von mir verloren gehoffte Werte zu spüren.
Woher plötzlich diese gemeinsamen Anstrengungen? Diese geradezu ekelerregende Solidarität und gegenseitige Unterstützung? Ich hatte darauf gesetzt, dass die Todsünde Gier ihr Gift verbreiten wird. Nun, dieses Kalkül ist weitgehend aufgegangen. Sehr zu meinem Leidwesen schleicht sich aus den Tiefen der Wirtschaftsethik zerstörerisches alteuropäisches Gedankengut empor. Es ist die Rede von Werthaltigkeit, Produktion von Waren im Gegensatz zu virtuellem Kapital, dem nichts gegenübersteht als die Luftblasen in den Gehirnen von Finanzjongleuren, welche ich klug und gezielt initiiert habe. Sehr zu meinem Schrecken gewinnen jene Geister die Oberhand, die ich erfolgreich vernichtet glaubte: Die sorgsam abwägenden langweiligen Genossen, die mit realer Wirtschaft Gewinne erzielen wollen, die beamtliche Kontrolle einfordern und lächerlich niedrige Renditen einkalkulieren. Wie könnte ich diese Entwicklung aufhalten?
Doch ich denke, ich brauche mir nicht allzu viele Sorgen zu machen. Zeit und Vergessen sind meine Verbündeten. Sobald etwas Ruhe einkehrt und es den Anschein hat, dass der Abwärtsstrudel gebändigt ist und die Wogen sich glätten, werden aus dunklen Löchern der Verachtung und Depression jene wieder auftauchen, deren einziges Bestreben ihre unermessliche Sucht nach vermeintlichem Reichtum und Freiheit „von“ ist. Sind es nicht diese, werden Andere auferstehen, die sich berauschen wollen an Erfolg und Unersättlichkeit. Ich werde da sein, um die Steigbügel zu halten und mit den rechten Einflüsterungen hilfreich zur Seite zu stehen, damit keinerlei Zweifel an der Richtigkeit ihrer Werte und Ziele aufkommen zu lassen. Sie sind ja so entscheidungsfreudig und voller Energie und werden alle Warnungen jener in den Wind schlagen, die mahnend das Gemeinwohl in ihre Entscheidungen einbeziehen wollen.
Angesichts meiner Vorfreude darauf, dass Staaten unter der ihnen aufgebürdeten Last zusammenbrechen werden, dass das Ende vieler Unternehmen – groß und klein – bereits eingeläutet ist und nicht zu vergessen, dass viele Menschen ihr Leben in Zukunft ohne Arbeit und ohne Wohlstand werden verbringen müssen, hüpft mein Herz in der Brust. Ich habe gute Arbeit geleistet und kann zufrieden auf das verursachte Chaos blicken – ich, die Krise, deren wirklichen Namen niemand weiß und nie wissen wird und das Übel somit nicht an der Wurzel gepackt und ausgerottet werden wird. Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Gier und Selbstüberschätzung heiß!
Heida Berts spitze Feder
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