24
Jul
11

Das Schöne und die Suche danach – was kann Kunst uns geben?


„Wenn es etwas gibt, wofür zu leben lohnt, dann ist es die Betrachtung des Schönen.“
(Platon, Symposion)

Platon misst mit dieser Aussage aus dem Symposion, dem Gastmahl, der Schönheit eine hohe, wenn nicht die höchste Bedeutung bei. Da er den Sinn und Zweck des Lebens mit dem Schönen verbindet, stellt sich die Frage, was Platon unter diesem Begriff versteht und welche Bedeutung dieser für die Moderne hat.

Was ist “schön” in der Kunst?

Wichtig zu wissen ist, dass Platons Begriff des Schönen eng mit dem des Guten und Wahren verbunden ist. Denn die sinnliche Welt, die es ermöglicht, viele schöne Dinge zu sehen, ist für Platon Schein, also nur Abglanz der wahren Schönheit, welche ausschließlich in der “Idee” des Schönen zu finden ist. Allen Dingen der Wirklichkeit entsprechen in Platons Lehre Ideen dieser Dinge, die der Wirklichkeit mit ihren materiellen Gegenständen übergeordnet sind. Die „Idee des Schönen“ ist nun in seiner Theorie eng mit wesentlichen Tugenden wie Gerechtigkeit und Besonnenheit verbunden, die für ihn in der Idee des Guten schlechthin münden. Das Schöne selbst ist für Platon identisch mit der Idee des Guten und somit der Wahrheit selbst.

Das Gute und das Schöne

Das Gute aber ist für Platon das Gute „an sich“, es ist keine Norm, keine Moral, sondern die Wahrheit, welche nicht mehr weiter hinterfragt werden kann. Das zeigt, dass in Platons Theorie mit einem anderen Begriff des Schönen operiert wird, als er gemeinhin verwendet wird. Dieser hat nichts mit Geschmack oder gar Mode zu tun, sondern formuliert ein Programm, welches für jede Beurteilung von Kunst maßgebend ist.

Deshalb steht Platon wohl auch auf Kriegsfuß mit der gängigen Form von Kunst und deren Betrachtung. Denn für ihn zählt die geistige Schönheit, die Wahrheit, die hinter den Dingen steht. Er meint nicht die schönen Körper oder gar die Nachahmungen von Körpern. Letztere sind aus seiner Sicht sogar weniger schätzenswert als die Dinge selbst, die ursprünglicher und damit näher an der Idee sind, die sie abbilden. Platon fordert also, dass man sich den Dingen in philosophischer Betrachtung nähern muss, um das Wahre zu erkennen. Denn dieses liegt jenseits der realen Welt, die für ihn nur ein Abbild ist.

Platon und die Moderne

Aus Platons Sicht entwirft die Kunst zwar schöne Dinge, welche die Sinne des Menschen ansprechen, seine Leidenschaften wecken oder einfach Freude bereiten. Doch schön ist für Platon nur, was den Menschen zugleich erzieherisch an die Hand nimmt und zum Guten führt, welches die Wahrheit ist. Damit wird jede Form der Kunst sehr genau unter die Lupe genommen und nach diesem Programm beurteilt.

Ist Platon da aber nicht zu streng in der Beurteilung der Kunst und allem Schönem? Kann nicht eine schöne Landschaft, ein Gemälde, das die Seele berührt, sei es gegenständlich oder abstrakt, zu etwas hinführen, was tiefer ist als oberflächliche, dem Geschmack der Zeit unterworfenen Kategorien des „Schönen“. Er würde sicher antworten, dass nur in Verbindung mit den Tugenden und letztlich dem „Guten“ ein solches Ereignis stattfinden kann.

Wie ist das mit dem modernen Verständnis über das, was schön ist, vor allem im Hinblick auf die Kunst und ihre Werke einzuordnen? Entscheidet nicht jeder Betrachter, was er als schön bezeichnen würde? Sicher, es gibt Kriterien für das, was als Kunst bewertet wird, auch das, was als schön gilt. Dies hängt mit Form, mit Proportionen, Farbgebung und Gesamtkonzept zusammen, aber auch mit Zeitgeist und Geschmack. Doch in diesem Rahmen wird ein Kunstwerk, sei es eine Skulptur, ein Gemälde, ein Gebäude oder ganz modern – eine Installation – von jedem Betrachter individuell danach bewertet, welches für ihn schön ist, das heißt, seinen Geist und /oder seine Seele berührt.

Kunst im Sinne des Betrachters

Die Frage, die sich bei Bewertung von Kunst für den Betrachter stellt, könnte sein: Welches Bild einer Kunstausstellung zieht mich besonders an? Warum gehe ich an vielen mehr oder weniger achtlos vorüber, bleibe aber bei diesem oder jenem stehen, vertiefe mich in den Anblick? Dies gilt für Musik, Texte, Architektur und Design gleichermaßen. In allen diesen Bereichen geht es um Proportionen, Farbe, Gestaltung und Ausdruckskraft. Und es geht darum, welche Schwingung es im Sehenden, Lesenden, Hörenden erzeugt, und seine Sinne auf das lenkt, was hinter dem mit den Augen und Ohren offensichtlich zu Erkennendem liegt. Es muss mehr als eine oberflächliche Ästhetik des Angenehmen, des Wohlfühlens angesprochen werden, um diese Schwingung zu bewirken. Etwas muss angesprochen werden, was über die sinnliche Erfahrung hinausreicht, was Verstand und Seele gleichermaßen berührt. Die Kategorie des jeweilig und damit beliebig Schönen oder gar Gefälligen reicht da weitem nicht aus.

Platons Forderung, in der Betrachtung des Schönen die Wahrheit zu erkennen, wird sich nicht erfüllen lassen. Doch Kunst kann den Alltag überlisten und einen anderen Blick auf das Leben eröffnen. Sie kann in jeder Form, die berührt, neue Fragestellungen möglich machen. Sie erfreut die Sinne durch gelungene Proportionen, Zusammenklang von Materialien, Wortklang, Farbgestaltung, Klangkomposition oder Bildgestaltung. Jede Form von Kunst kann so Tiefe vermitteln. Es ist dieses sich Angesprochenfühlen, Berührtwerden und das Begreifen, dass es mehr gibt, als nur die sinnliche Wahrnehmung. Vielleicht trifft Platons Aussage aus dem Symposium im Grunde den Zweck des Schönen immer noch: Den Blick auf einen Sinn hinter der Realität zu lenken – den ein jeder aber selbst mit Inhalt füllen muss.


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