18
Nov
11

Raubritter weltweit unterwegs (aktualisiert)

Land und Wasserreserven werden immer mehr zu einem der höchsten Güter dieses Planeten. Deshalb schrecken korrupte Regierungen und skrupellose, gierige, weltweit operierende Unternehmen zunehmend nicht mehr vor räuberischen, gewalttätigen Maßnahmen zurück, um sich zu bereichern. Die jüngsten Landräubereien in Kambodscha, die den bescheidenen Wohlstand vieler Bauern zunichte machten und sie jeglicher Existenzgrundlage beraubten, sind Zeugnis dafür. Daran beteiligt ist ein thailändischer Konzern, der im großen Stil Zuckerrohrkulturen anbaut, und die Bauern mit Hilfe des Militärs vertreiben liess. Dahinter stehen aber auch Großinvestoren, wie beispielsweise die Deutsche Bank mit ihren DWS-Fonds, wie „Report Mainz“ recherchiert hat.

Diese Entwicklung ist mit großer Besorgnis zu betrachten, da Land und auch Wasser knapper werden, werden wir es mit mehr und mehr Verteilungskämpfen zu tun bekommen. China ist eines dieser hungrigen Raubtiere, das zunehmend große Flächen in Afrika aufkauft und sich damit das Überleben des eigenen, stetig wachsenden Volkes sichern will.

Es sind die reichen Länder, die sich Ressourcen in den Entwicklungsländern erkaufen wollen, und die dabei oft unter der Flagge der „Entwicklungshilfe“ oder „Investitionshilfe“ für die jeweiligen Länder segeln. Das mag auch zutreffend sein für einige der global operierenden Unternehmen und zeitweilig für die jeweilig betroffene Landbevölkerung zum Besseren führen. Vorrangig sind jedoch weitgehend eigene Interessen der Unternehmen und jeweiligen Regierungen. Das heißt, Nahrung für das eigene Land, erhöhtes Kapital und Devisen durch aggressiven, keineswegs umweltschonenden Anbau. Nach uns die Sintflut ist im wahrsten Sinne des Wortes das Motto, das vielen dieser „Ankäufe“ zugrunde liegt.

Regierungen der Entwicklungsländer, die das zulassen, untergraben die Existenzgrundlage ihres eigenen Volkes. Ganze Heerscharen von Kleinbauern werden in die Armut und Hoffnungslosigkeit gestürzt. Böden werden gnadenlos ausgebeutet und erodieren. Land wird weniger und weniger… und im Jahr 2050 wird dieser Planet prognostizierte 9 Milliarden Menschen zu ernähren haben. Wird dieses Raubrittertum aufzuhalten sein im globalen Kampf um Ressourcen?

Nur wenn eine Umkehr im Denken stattfindet, werden Kriege um Wasser und Nahrung aufzuhalten sein. Wir alle bewohnen diesen wunderbaren Planeten und sollten in die Zukunft denken, in der wir und unsere Kinder und Enkel gesund leben wollen. Wasser ist zwar inzwischen zum Menschenrecht deklariert worden, dennoch wird Wasser vielerorts privatwirtschaftlich „verwaltet“, d.h. es ist mehr und mehr ein Mittel zum Profit geworden. Nicht nur Regierungen und Firmen müssen ethische Standards einführen, jeder einzelne sollte sich interessieren, wie mit den knapper werden Ressourcen unserer Heimat umgegangen wird. Wie die „Occupy Wallstreet“-Bewegung zeigt, können sich Menschen in der ganzen Welt solidarisieren und etwas bewegen. Gemeinsam sind wir stark und können Dinge verändern, die jeden von betreffen -früher oder später. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass die netten Aliens kommen und uns retten, wenn unserem Planeten die Luft ausgeht.

28
Sep
11

Sophia allein zu Haus…

Es ist mal wieder einer dieser Tage, an denen ich vor meinem PC sitze. Recherchieren, Bankgeschäfte erledigen, lesen, lesen und schreiben. Am Abend meckert mein Rücken vom vielen Sitzen und die Allergie hat sich leider auch wieder zurückgemeldet. Kein Kind hat angerufen, eines nur eine lapidare e-mail geschickt, die mein Herz auch nicht hüpfen ließ. Die Freundinnen haben sich nicht gemeldet. Und mein lieber Mann scheint sich in Arbeit aufgelöst zu haben und hat mich darüber vergessen, was ungewöhnlich ist. Was mache ich? Leichte Frustrationsgefühle, wahrscheinlich dem inzwischen ordentlichen Hunger geschuldet, machen sich breit. Die Aussicht, wieder einen Abend den üblichen Salat vor dem Fernseher zu verspeisen, und im Anschluss daran mit dem Bügelbrett zu tanzen, weckt keine lustvollen Gefühle in mir. Also raffe ich mich auf, mache mich schön, obwohl ich mich nicht schön finde mit dieser Allergie im Gesicht. Ich überlege kurz, doch mein gemütliches Abendoutfit anzuziehen, – das Nachthemd, und es mir mit einem Glas Rotwein vor einem Video gut gehen zu lassen. Eine Stimme in mir lässt nicht locker und drängelt „geh jetzt aus, Du kannst nicht immer vor dem Fernseher sitzen“.
Was rate ich Menschen, wenn sie sagen, dass sie keine sozialen Kontakte haben und sich einsam fühlen? Ich rate ihnen, unter Menschen zu gehen und zu sehen, was passiert. Also, beherzige ich meine eigenen guten Ratschläge und mache mich hübsch, so gut es geht. Der Appetit auf ein Steak treibt mich förmlich ohne mein Zutun aus dem Haus. Nach Tagen von Salat und Resten vom Wochenende schwebt ein schönes Steak verlockend vor meinem geistigen Auge. Ich will entspannt genießen und vielleicht noch einen Cocktail trinken gehen, also fahre ich brav mit dem Bus, der schließlich bequem vor meiner Haustür hält.

Ich schlendere erst ein wenig durch die Stadt und schon geht es mir besser. Nicht, weil da so viele Menschen unterwegs sind, sondern, weil ich mich aufgerafft habe und mich mal nicht im Sport- oder Freizeit-Look auch schöner fühle. Das Gewusel um mich herum ist vergnüglich und ich fühle mich nicht mehr allein. Allein, wohlgemerkt, nicht einsam, das ist ein Unterschied. Denn einsam bin ich ja nicht, ich habe Familie und Freunde, die halt nur meistens nicht da sind, wenn es schön wäre, sie bei mir zu haben. Allein bin ich schon, und das kann manchmal nicht so erquicklich sein, ist der Mensch doch ein zoon politicon, ein Gemeinschaftswesen, hat schon Aristoteles vor 2000 Jahren behauptet.

Nun bin ich also nicht alleine, denn da sind hunderte von Menschen um mich herum. Sie sprechen nur nicht mit mir. Doch zuerst muss mein Magen beruhigt werden. So schlendere ich in das Steakhaus am Placa Major. Der Kellner ist nett und das Essen gut – wider Erwarten. Einige verstohlene Blicke von den Nachbartischen stören mich nicht. Sollen sie denken, was sie wollen. Vino Tinto und das Steak verursachen ein wohliges Gefühl in meinem Bauch. Ich überlege, was ich jetzt mache. Es ist erst 21:00. Also beschließe ich, mich treiben zu lassen und zu sehen, was passiert. Ohne Erwartungen schlendere ich in die Carrer Fabrica, die seit kurzem eine Fußgängerzone ist. Alle Restaurants und Bars haben jetzt auch eine Terrasse. Das ist in dieser lauen Sommernacht selbst an einem Mittwochabend ein großer Anziehungspunkt. Ich wähle die Bar, in der ich schon mal gemeinsam mit meinem Mann gesessen habe und in der es sehr gute Mojtos gibt. Die Kellnerin ist sehr nett und empfiehlt mir „mojto fresa“, also einen Mojto mit Erdbeeren. Während ich warte und die mediterrane Stimmung genieße, die Menschen beobachte auf der Suche nach einer Geschichte, bemerke ich die Blicke zweier Männer etwas weiter weg an einem Tisch. Naja, denke ich, so ist das, als Frau allein unterwegs. Vor mir sitzen zwei bildhübsche Schwedinnen, so um die zwanzig, die sich angeregt unterhalten. Ich verstehe kein Wort, ahne aber, dass es um Beziehungsgeschichten geht. Es ist auf jeden Fall sehr amüsant, ihre Mimik und Gestik zu beobachten. Der Mojto kommt und ist – wie versprochen – muy rico, wie die Spanier sagen. Wahrscheinlich trinke ich zu schnell.

Zwei Männer gehen vorbei, schauen kurz, gehen weiter. Das alles beobachte ich aus dem Augenwinkel –mein Blick ist beruflich geschult nun mal weiträumig. Ich überlege gerade, ob ich mir noch einen dieser köstlichen Drinks bestelle, da kommen sie zurück, nehmen am Tisch neben mir Platz. Nach einer Weile kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass sie gerne mit mir ins Gespräch kämen. Na sowas, denke ich, da habe ich gerade einen Artikel zum Thema „Flirten für Männer“ geschrieben –rein theoretisch, versteht sich. Es reitet mich der Teufel und ich bestelle mir noch einen Drink, weil er so köstlich ist, natürlich. Jetzt will ich doch mal sehen, was passiert. Die eindringlichen Blicke sind wirklich nicht mehr zu übersehen und trotzdem bemerke ich selbstverständlich nichts. Ich bin schließlich verheiratet und auch nur hier, um den Abend nicht vor dem Fernseher zu verbringen. Für meine Studien finde ich die Situation nun zunehmend interessant. Ich habe meinen Drink fast ausgetrunken, da rückt einer der Herren seinen Stuhl in meine Richtung und fragt mich Englisch, ob ich mich nicht zu ihnen setzen möchte. Oh mein Gott, ich bin selbst ganz ungeübt in einer solchen Situation, da ich wie bereits erwähnt, sehr sehr und sehr glücklich verheiratet bin. Also lächle ich freundlich und sage, dass es sehr nett sei, mich das zu fragen, aber dass ich gleich nach Hause gehen werde.
Ich weiß nicht wie, aber wir kommen trotzdem ins Gespräch, die beiden Herren sind Dänen, sprechen natürlich gut Englisch und derjenige, der mich angesprochen hat – der Mutigere der Beiden – auch sehr gut Deutsch, weil er von der dänischen Grenze kommt. Ich kenne den Ort nicht und erhalte sogleich Geographieunterricht, der bei mir auch nicht wirklich hilft, denn mein geographisches Vorstellungsvermögen ist grauenhaft. Meine Familie weiß ein Lied davon zu singen. Aber das macht gar nichts, wir plaudern munter vor uns hin und ich schlage vor, dass wir das auf Englisch fortsetzen, weil der andere Herr uns sonst nicht versteht. Ich erfahre, dass die beiden irgendwie mit Schiffen zu tun haben und der Schüchterne eigentlich nicht mehr arbeiten muss und nur noch seine Firma zwei Stunden am Tag verwaltet. In Zeiten des Internets ist das alles möglich. Auch, dass er fast einen Herzinfarkt hatte und Bluthochdruck und kürzer treten muss. Ich weihe die Beiden im Gegenzug in die Geheimnisse der Mediation ein und schwärme vom köstlichen Leben in der Sonne Spaniens. Die Zeit fließt dahin und ich finde den Abend jetzt zu dritt doch amüsanter als alleine. Als ich mich verabschiede, werde ich mit Kusshand entlassen und es wird mir beteuert, wie anregend das Gespräch war. Was auch immer die beiden Herren sich erwartet haben, es war auf jeden Fall für alle Beteiligten sehr vergnüglich. Die nette Kellnerin ruft mir ein Taxi, das ewig nicht kommt, weshalb ich mich mit ihr, dem Kellner und dem Chef unterhalte und mein Spanisch auch mal wieder aus der Versenkung hole. Wir scherzen und ich habe die Kellnerin auf meiner Seite, als ich dem Chef gegenüber behaupte, der selbstironisch den Macho und Chef spielt, es gäbe keine Chefs, wir seien schließlich alle Sozialisten. Das Taxi ist da, bevor ich noch schlimmere Dinge behaupten kann.
Fazit dieses Abends: Ich muss mehr unter die Leute gehen, um Geschichten zu schreiben, denn ich kann ja nicht nur über die Krise berichten, die meinen Kopf nun schon fast Tag und Nacht besetzt.

26
Sep
11

Irrungen und Wirrungen der Krise…

Bitte erkläre mir die Krise, als wäre ich sechs Jahre alt, möchte ich manchmal die vielen Experten fragen, die uns täglich neue Erklärungs- und Lösungsmodelle vorlegen. Immer wenn ich dachte, jetzt hätte ich verstanden, wie es zur Euro-Krise, wie sie gemeinhin bezeichnet wird, gekommen ist, breitet sich wieder Verwirrung in meinem Kopf aus. Die angebotenen Lösungen sind nahezu so vielfältig wie es Politiker und Experten gibt. Ich habe sie zu meinem besseren Verständnis großräumig auf zwei Lager verteilt: Die einen wollen unbedingt Europa als Wirtschaftsraum mit gemeinsamer Währung retten, die anderen wollen ihre noch funktionierende nationale Wirtschaft retten und keine Geberländer sein für die armen, schwachen Länder oder diejenigen, die vergnüglich seit Jahrzehnten Misswirtschaft getrieben haben, wie beispielsweise Griechenland. Neben vermeintlichem Sachverstand, der ja von allen Beteiligten behauptet wird (das Kind in mir hat manchmal starke Zweifel, wenn ich diese Erwachsenen in ihrem Verhalten beobachte), finden sich viele diffuse Emotionen und Absichten. Letztere sind manchmal – wie das meist der Fall ist – nur schwer zu durchschauen, weil sie im Mäntelchen der völligen Überzeugung, gar Gewissheit und Klarheit in eleganter oder mehr oder weniger drohender Rhetorik verschleiert werden.
Nun, was tun? Komplexe Sachverhalte, wie sie bei der sogenannten Eurokrise vorliegen, bergen die Schwierigkeit, dass es in der Regel nicht nur einen Faktor der Verursachung gibt, sondern mehrere. Die müssen eigentlich wie Äpfel und Birnen sortiert werden und nicht in ein und demselben Korb landen. Das geschieht jedoch in diesem Falle nicht. Deshalb ist alles, was hilft, die Komplexität dieser neuen Krise zu reduzieren, gut für das Verständnis des fragenden Kindes und für die ratlos drein blickenden meisten Erwachsenen ebenfalls. Komplexität aufzubrechen in einzelne, gut verständliche Zusammenhänge kann die Emotionen abkühlen und Vernunft und Klarheit ihre Arbeit tun lassen. Dies hätte etwas mehr Aussicht auf halbwegs kluge, gut überlegte Lösungen.
In der Wissenschaft sind strikte Begriffsklärungen gefordert, ehe Thesen geprüft und weiterentwickelt oder ad Absurdum geführt werden. Genau zu klären, was eigentlich gemeint ist, bevor drauf los geredet wird, könnte im Falle des Krisenthemas auch dem fragenden Kind und dem interessierten Zeitungsleser, Nachrichtenseher und –Hörer weiterhelfen. Was heißt eigentlich Euro-Krise? Wir haben gar keine Euro-Krise, denn die Währung ist nicht wirklich gefährdet. Und es gibt auch keine Europa-Krise. Denn die Vorteile des gemeinsamen Wirtschaftsraumes und der Währung wird ja von den meisten der 17 Staaten des Euroraumes weitgehend nicht bestritten. Opponiert wird gegen sich immer weiter ausweitende Rettungsschirme für die schwachen Länder im Euroraum und damit die Gefährdung des Wohlstandes in den Geberländern. Deshalb kann es helfen, den Blick auf die Ursache der Verschuldung in den jeweiligen Einzelstaaten zu lenken und deren ganz individuelle Krise zu betrachten und nicht wirr Ursachen und Folgen durcheinander zu schmeißen. Beispielsweise ist die innere Krise in Griechenland eine ganz andere als in Spanien oder in Portugal. Dort wurde jahrzehntelang der Staatsapparat unnötig aufgebläht und keine Investitionen in neue Wirtschaftszweige getätigt, abgesehen von der völlig maroden Steuerpolitik. In Spanien dagegen entwickelte sich der Immobiliensektor zu einer gewaltigen Blase, die letztlich platzte und das Bruttosozialprodukt dramatisch verringerte, ohne dass andere Wirtschaftszweige dies hätten abfedern können. Zusätzlich zu diesen individuellen Problemen der schwachen Euroländer gibt es einen gemeinsamen Nenner im Euro-Raum, der zu hinzu gedacht werden muss. Dieser ist die Tatsache, dass sich in der Krise von 2008, die eine Bankenkrise aufgrund einer Hypothekenkrise und vor allem toxischer Finanzprodukte war, versucht wurde, den Teufel mit dem Belzebub auszutreiben. Statt in sich zu gehen, sich zu besinnen, die Ursachen eines Fast-Zusammenbruchs des Bankensystems genau zu analysieren und tragbare Lösungen zu entwickeln, wurde schnell und zum Teil unüberlegt gehandelt. Vielleicht muss manchmal ein Notprogramm dazwischen geschaltet werden, damit keine Überhitzung stattfindet. Anschließend sollte jedoch die große, überdachte Lösung kommen, die Konsequenzen und Folgen langfristig und klug ins Visier nimmt. Die kam nicht. Stattdessen kochte jeder Staat mit seiner Politik und seinen Banken sein eigenes Süppchen und zog mögliche sich daraus entwickelnde Worst-Case-Szenarien nicht in Betracht. Vor allem aber wurde in den bereits vor der Krise von 2008 schwer an der Staatsschuldenlast tragenden Länder nicht sofort konsequente Sparmaßnahmen und sinnvolle Wirtschaftsinvestitionen eingeleitet.
Bis die Meister des Marktes begannen, die Staaten mit ihren Ratings und Börsenreaktionen vor sich her zu treiben. Gnadenlos witterten sie die Schwächen und waren und sind bereit, wenn nötig, den Todesstoß zu setzen. Sie verdienen ja dennoch, soviel ist mal sicher. Ihnen wird gerne der schwarze Peter zugeschoben, um von den eigentlichen Problemen abzulenken. Verwerflich mag sein, dass die Akteure des Marktes gnadenlos ihre Vorteile suchen, die für andere – in diesem Fall den Staaten, gegen die gewettet wird, das Unheil vermehren kann. Doch wird dabei übersehen, dass es die Politik dieser Staaten war und ist, den Märkten, das heißt, den Hazardeuren und Finanzjongleuren erst dieses Spielfeld aufgrund fehlender staatlicher Regulierung eröffnet zu haben. Außerdem haben sie keine Sorge für eine gesunde Haushaltspolitik getragen. Somit kann der Ball wieder an die Verursacher, d.h. an die jeweiligen Regierungen der Länder, zurück gespielt werden. Nähmen sie ihn an, wäre das eine Möglichkeit, Verantwortung zu übernehmen, statt zu lamentieren oder hektisch zu reagieren.
Gut, nun aber ist das Kind in den Brunnen gefallen. Wie wieder heraus klettern? Die Stimmen schreien durcheinander, es wird gestikuliert und debattiert, Interessen und Absichten ausgelotet, Druck ausgeübt auf Zauderer und Bedenkenträger, damit diese bereit sind, weitere Milliarden zu gewähren, um nicht etwa die Staaten zu retten, nein, die Banken zu retten, die diesen Staaten immer wieder Geld geliehen haben. Diese haben lange die Augen vor deren bereits in die Schieflage geratenen Bilanzen und Bruttosozialprodukten verschlossen, und einfach die Zinsen der Kredite erhöht. Mehr Risiko, mehr Geld war und ist das Leitmotiv. Bis die Angst der Anleger um sich greift und es kein Geld mehr gibt für die schwächelnden Staaten und dann andere – finanztechnisch besser sortierte Staaten, sprich deren Zentralbanken einspringen müssen. Aua, schreit der Steuerzahler – besonders laut in Deutschland.

Verbrennt ein Kind sich, will es nur wissen, wie der Schmerz so schnell wie möglich wieder verschwindet. Es erwartet beherztes Zupacken der Menschen, dem es vertraut und Zuspruch, dass bald alles gut sein wird. Es will keine Debatten oder Streitereien, warum das jetzt passiert ist oder wer die Schuld daran trägt. Ähnliches Handeln könnte in der Staatsschuldenkrise – etwas anderes ist es nämlich nicht – durchaus hilfreich sein. Außerdem die Frage nach der besten, soll in diesem Falle heißen, auch der kostengünstigsten Lösung, die damit Konsequenzen und Folgen des Handelns weiträumig in den Blick nimmt. Diese findet sich nicht in theoretischen oder schlimmer noch ideologischen Grundsatzdiskussionen, sondern darin, das eigentliche Problem zu erkennen und klar zu benennen.

Was wäre so schlimm daran, Griechenland in eine geordnete Insolvenz zu schicken, eventuell auch Portugal oder Spanien? So verfährt man mit jedem Unternehmen, das wirtschaftlich nicht mehr mithalten kann und pumpt nicht weiteres Kapital hinein, welches dann versickert. Es würde alle anderen Mitgliedstaaten durchaus Geld kosten, weil sowohl die beteiligten Banken als auch die Länder hohe Abschreibungen ihres eingesetzten Kapitals vornehmen müssten. Doch wäre das nicht das geringere Übel? Europa würde auch nicht zerbrechen, denn die schwächelnden Länder müssten nicht notwendigerweise aus der Gemeinschaftswährung austreten. Doch nach einem Schuldenschnitt und weiteren Sparmaßnahmen hätten sie dann die Chance, ihre Wirtschaft langfristig und behutsam zu reformieren. Unterstützerländer wie Deutschland, Frankreich oder die skandinavischen Länder könnten beim Aufbau der Wirtschaft beteiligt werden und im Gegenzug durch ihre Investitionen in Solarenergie, Tourismus oder Agrarwirtschaft auf lange Sicht profitable Gewinne erwirtschaften. Es entstünde ein gesundes Geben und Nehmen und soziale Unruhen könnten vermieden werden, weil nicht nur Sparen sondern mögliche Broterwerbe für die Bevölkerung in Aussicht gestellt würden.

So einfach stellt sich das fragende Kind die Lösung vor und wird dabei von vielen vernünftigen Experten wie beispielsweise den beiden deutschen Finanzwissenschaftlern Harald Hau und Bernd Lucke unterstützt. Diese haben, so Spiegeljournalist Wolfgang Kaden, ausgerechnet, „was es kosten würde, die deutschen und europäischen Banken mit zusätzlichem Kapital krisenfest zu machen. Ergebnis des Szenarios: Die deutschen Banken hätten 20 Milliarden Euro zu verkraften; der deutsche Beitrag für die Ausstattung der Banken in Griechenland, Portugal, Italien und Spanien läge bei zwölf Milliarden Euro.“ Diese Beträge liegen weit unter den Milliarden des Euro-Rettungsschirms für den Deutschland mit ungewissem Ausgang geradestehen müsste.

Warum, so stellt sich die Frage, sollen über 200 Milliarden an Bürgschaften bereitgestellt werden, die womöglich im Sog der Schuldenkrise verbrennen, wenn ein doch so befürchteter Bankencrash mit viel weniger verhindert werden könnte? Wenn die verschuldeten Länder dann auch noch aufgrund des Schuldenschnitts leichter in die Lage versetzt wären, ihre lahmenden Wirtschaften wieder in Schwung zu bringen und ihre Bürger zu befrieden? Das Kind in mir fragt sich, ob derartige Unvernunft und strategisches Missgeschick tatsächlich dem Nichtwissen geschuldet ist oder Schlimmeres dahinter steckt? Ein Schelm, wer Böses dabei denkt. Ein vereintes europäisches Königreich unter deutsch-französischer Führung mit Duldung der Märkte? Die Zukunft wird es zeigen.

11
Sep
11

Mutter, Vater sein dagegen sehr..

Mutter und Vater werden ist nicht schwer, Mutter und Vater sein dagegen manchmal sehr. Denn dieser Status, der ja Berufung ist oder sein sollte, geht einher mit zahlreichen garantiert Renten freien und oft auch nicht sehr dankbaren Nebenjobs. Denn in dieser Berufung findet man sich sehr viel in der Küche wieder, sieht sich mit Bergen von Wäsche konfrontiert, einer Wohnung, einem Haus, das schneller schmutzt, als man gucken kann und eventuell noch einem Garten, der gepflegt werden will. Viele organisatorische und administrative Aufgaben kommen hinzu, die man erledigen darf und es ist ratsam, sich in Krankenpflege und Psychologie schlau zu machen. Naht die Schulzeit, darf man dann auch noch als Nachhilfelehrer der Nation agieren (Zitat eines empörten Vaters auf einem Elternabend einer Grundschulklasse). So leistet man nicht nur einen gesellschaftlichen hochwertigen Beitrag, man hält auch seinem schwer arbeitenden Partner den Rücken frei und stärkt dessen Karriere.
Dieser sorgt im Gegenzug für ein finanziell abgesichertes Leben und viel Liebe und Verständnis – wenn es gut läuft. Es läuft aber nicht immer gut und dann steht Frau oder auch Mann wirklich mit allem alleine da. Hat man Geld, kann man sein Leben organisieren und einige der ungeliebten Nebenjobs loswerden und sich um die eigene Karriere kümmern. In sehr gut betuchten Szenarien wird dann gleich mal Kinderaufzucht, Pflege und Erziehung durch Aupairs, Kindermädchen und Gouvernanten geleistet. Mama und Papa schmücken sich dann bei gelegentlichen Ausgängen mit nett angezogenen Kids, hinter denen die Nannys zum Eingreifen in etwaigen Notsituationen wie vollen Windeln, übermäßigem Geschrei oder einfach nur Langeweile bereitstehen.
Hat man das alles nicht zur Verfügung, dann muss man eben multifunktional sein – eine Fast-Alles-Könnerin oder Könner. Aber aufgepasst! Versagt man in einem seiner Nebenjobs wird das sofort und gnadenlos geahndet, mehr noch als in funktionierenden Beziehungen. Da sind die eigenen meist „Übermütter- und Hausfrauen“, nicht zu reden von – die Ausnahmen bestätigen die Regel – noch schwierigeren Schwiegermüttern, die ihre Ratschläge ungefragt auf die doch unerfahrenen Neumütter/Väter herab regnen lassen. Die Nachbarn, die sich über den Kinderlärm ihm Garten beschweren und unterstellen, dass man nicht konsequent und strikt erziehen könne. Kinder schreien nämlich nicht, wenn man alle Register der einschlägigen Erziehungshandbücher gezogen hat. Später dann die Lehrer, die pädagogisch selbstverständlich die Weisheit mit Löffeln gefressen haben. Über mangelnde Besserwisser im Umfeld muss man sich wahrlich nicht beschweren.
Wenn man Glück hat, aber nur dann, hat man einen Gefährten, sei es Ehemann/Frau oder Lebensabschnittsgefährte/in, der/die fest zu einem steht und nicht grummelnd aus seinem/ihrem Job nach Haus kommt, sich hinter Fernseher, zu den Hobbys oder vor den PC verzieht, um dem täglichen Wahnsinn zu entgehen. Nein, wenn man Glück hat, nimmt er/sie Ihnen die Kinder ab, hört sich Klagen über zu wenig Schlaf, zu viel Wäsche, zu viel Putzen, zu viel Schwiegermutter und überhaupt, wie die eigene Karriere auf der Strecke bleibt, geduldig zum hunderten Mal an. Er spendet Trost und Zuversicht und liebt einen einfach nur. Dann erst kann man mit ihm/ihr die vielen netten Tagesgeschichten über die Kinder und die Freude an ihnen teilen. Dann ist alles gut. Man atmet durch und genießt die Familie.

Ärgerlich bleibt aber, dass man wenig gesellschaftliche Anerkennung für den Haupt- und all die Nebenjobs erhält, ganz zu schweigen von Rentenzahlungen – oder sie sind nicht der Rede wert. Und wehe, man hat nicht den liebevollen Mann oder die liebevolle Frau, die/der alles mit einem teilt, sogar das Bankkonto – bis ans Lebensende, ja dann ist Erfindungsreichtum und noch mehr harte Arbeit angesagt. Der Staat schreit zwar nach Kindern, honoriert auch die steigende Geburtenrate mit entsprechenden Prämien und Kindergeld – übrigens wohlgemerkt in Deutschland wie in keinem anderem europäischen Land. Letztlich muss man aber selbst die Arbeit leisten und ausreichend Kleingeld für alle anstehenden Bedürfnisse verdienen.

Auch bei aller staatlichen Unterstützung ist es deshalb jedem Erziehenden zu wünschen, weder von Anfang an die alleinige Erziehungsverantwortung zu haben, noch alleinerziehend zu werden, ohne eine entsprechende Absicherung zu haben oder einen sehr gut bezahlten Job. Letzterer ermöglicht es zwar, eine kleine Armada von Hilfskräften anzuheuern, die Kind oder Kinder und Haus und Hof pflegen. Zeit für den Nachwuchs bleibt dann trotzdem nicht allzu viel. Oder man hat das große Glück eines familiären Netzwerkes mit netten Tanten, Onkeln und Großeltern, die Zeit und Energie bereitstellen. Das letztere Szenario schwindet allerdings in der Gesellschaft schon häufig aufgrund räumlicher Trennung der Familien mehr und mehr.

Weitgehend sind immer noch Frauen alleinerziehend, aber die Männer holen auf. Diese haben zwar meist die besser bezahlten Jobs und oftmals erfahren sie auch mehr Unterstützung von mitfühlender weiblicher Seite, aber es erwartet sie dennoch häufig auch ein steter Überlebenskampf. Denn Kinder kosten nicht nur ziemlich viel Geld, nein, auch Zeit. Man will ja da sein für das Kind oder die Kinder. Will ihm/ihnen die Welt, so gut man es vermag, erklären, in der Schule helfen, in der kaum ein Kind alleine zu Recht kommt, wenn es nicht der totale Überflieger ist. Man will es schützen gegen alle Formen von Übergriffen, was bedeutet, dass man es bis zu einem gewissen Alter nahezu lückenlos betreuen sollte oder es betreut wissen sollte. Man will Spaß haben mit dem Nachwuchs, ihn lehren und von ihm lernen. Auch das erfordert Zeit, die man nicht hat, wenn man von Job zu Job hechelt, um das Kind oder die Kinder zu ernähren, zu kleiden und auszubilden – ganz zu schweigen, all die Wünsche zu erfüllen, die Kinder nun mal so haben.

Kinder sind wunderbar, ein Geschenk! Sie sind Freude, Herausforderung und Bereicherung. Wenn denn all die Voraussetzungen, in denen man als Mutter und Vater mit seinem Kind wachsen und gedeihen kann, erfüllt sind. Sind Kinder nun ausschließlich Privatsache oder doch auch ein gesellschaftliches Anliegen? In Zeiten einer alternden Bevölkerung wird das mehr und mehr zur Frage werden. Wie auch immer das in Zukunft staatlich geregelt werden wird, sind zukünftige Mütter und Väter auf jeden Fall gut beraten, diese Frage nach den besten Voraussetzungen für die Gründung einer Familie zu stellen. Schon um ihres eigenen Lebens wegen ist das legitim.

29
Aug
11

Informationen und kein Ende…

Klicke ich auf meinen e-mail-Provider, werde ich sofort mit Werbebannern beglückt, ob ich das möchte oder nicht. Starte ich mein Bankprogramm, wird mir wohl oder übel zuerst der neueste Spot für ein neues Bankprodukt vor Augen geführt, den ich zwar entnervt wegklicken kann, der mir aber dennoch zwei, drei Sekunden meiner kostbaren Zeit raubt. Und das ist das Problem: Es gibt so viele Marketingfirmen , die unsere – möglichst ungeteilte – Aufmerksamkeit auf ihre Produktwerbung ziehen möchten . Ja, ich empfinde das als einen Raub meiner grauen Zellen, die in Bewegung gesetzt werden, ohne dass ich das wirklich entschieden habe. Ich kann keine Website öffnen, ohne sofort als potenzieller Käufer identifiziert zu werden. Lasse ich wilig-unwillig den ersten Spot oder Banner über mich ergehen, überfällt mich die nächste Werbung oder „Information“, um die ich nicht gebeten hatte. Reiz- und Informationsüberflutung ohne Ende. Wir Nutzer von e-mail-accounts, sozialen Netzwerken im Internet, Bank-Onlinekonten müssen geködert werden – unaufgefordert, versteht sich. Waren das früher die Handlungsreisenden in Sachen Staubsauger, Antiallergikerbettwäsche oder der besten Kaffeemaschine aller Zeiten, die uns an der Haustüre nervten, sind das in Zeiten des Internets die von Tag zu Tag zunehmende Bannerwerbung, Pop-ups und Videoclips. Nicht zu vergessen der äußerst ärgerliche Werbeartikel einschlägiger Branchen wie Automobil oder Banken, der den Artikel der Tageszeitung, die man gerade online zu lesen versucht, überschreibt und der nur sehr schwer zu beseitigen ist, vor allem, wenn die Finger auf der Tastatur des PCs bereits vor Wut zu zittern beginnen.
Freier Wille der User oder die schlichte Wahlmöglichkeit, was ich mir ansehen oder anhören will, ist kein Wert an sich in dieser Welt des gnadenlosen Marketings. Wie haben wir nur früher überlebt, als die Verkäufer noch nicht unbegrenzten Zugriff auf ihre potenziellen Käufer hatten. Sie mussten sprechen, die richtigen Worte und die überzeugenden Argumente finden, um ihr Produkt an den Mann oder die Frau zu bringen. Vorher aber war es zwingend erforderlich, dass sie ihre Zielgruppe ausfindig und sie sich gewogen machten, ehe die einzelnen Mitglieder bereit waren, überhaupt einem Verkäufer zuzuhören. Heute wird zwar auch eine Zielgruppenanalyse gemacht, die zum großen Teil im Internet stattfindet. Die Maschine durchleuchtet, was die User anklicken im Internet, wofür man sich interessiert, was man bestellt. Das ergibt Käuferprofile, die dann gezielt abgefeuert werden, um die Teilnehmer des großen Reigens Internet einzufangen, in Kategorien einzuteilen, um sie dann ungefragt und aufdringlich ihrer Aufmerksamkeit zu berauben und mit Angeboten zu bombardieren, die sie wahrscheinlich weder wollen, noch wirklich benötigen.
Abhilfe schaffen dutzende von e-mail-Adressen, die man jedes Mal neu anlegt, wann immer eine Bestellung per Internet unausweichlich oder aus Bequemlichkeit getätigt wird. Keine dieser Adressen wird dann jemals wieder aufgerufen und der Strom der Werbemails, die darauf folgen, versiegt im Niemandsland. Leider bin ich zu faul, immer eine neue Adresse anzulegen und trage mich deshalb mit dem Gedanken, einen Softwareentwickler zu finden, dem es gelingt, jeden unerwünschten Popup, Banner, jede Spammail und jede Werbung, die Artikel überschreibt, direkt an den Absender zurück zu katapultieren – und zwar am liebsten mit unerfreulichem Inhalt wie faulen Eiern – virtuell, versteht sich.

19
Aug
11

Gestatten, Ich, die Krise, bin zurück (Teil2)

In mir, der Krise vom Jahre 2008, keimt Freude auf. Trotz aller Beteuerungen der Politik und ihrer Bemühungen weltweit, diese Krise mit Macht und viel Geld zu überwinden, ist es mir gelungen, mich von einem kleinen Rückschlag, der mich danach traf, wieder aufzurappeln. Zarte Regulierungsbemühungen auf dem Finanzsektor, die nicht wirklich fruchteten, Geld, das eifrig gedruckt wurde und auf Reisen um den Globus geschickt wurde, Abwrackprämien, milliardenschwere Konjunkturprogramme – das alles schlug mich nicht k.o. Meine Giftspritzen haben weiterhin alle Versuche, eine langfristige wirtschaftliche Erholung und Wohlstand zwar nicht für alle, aber für viele zu erreichen, gründlich zunichte gemacht.
Die kleinen Helferchen meiner Kampagne, Gier und Selbstüberschätzung, taten weiter ihre zersetzende Arbeit und ließen mein Herz höher schlagen. Nach den Banken gingen der Reihe nach ganze Staaten in die Knie.
Diese haben schon vor der ersten Krise die Augen verschlossen vor dem, was sie jetzt womöglich in den Abgrund steuert: Fehlende Produktivität in ihren Ländern, Arbeit, die etwas schafft, was viele brauchen und wollen, Erzeugnisse, welche die Umwelt nicht schädigen, sondern verbessern, geistige Leistungen, die honoriert werden und welche die Zukunft für eine Gemeinschaft und nicht nur für einige wenige Privilegierte gestalten. Stattdessen setzten sie auf Immobilien und virtuelle Finanzprodukte, aufgebläht wie ein Schweinebauch, der von Antibiotika gefüttert zu platzen drohte, ehe er geschlachtet wurde. Die Immobilien- und Finanzinstrumentenblase musste nicht aufgestochen werden, sie ist von ganz alleine zerplatzt – in Amerika und in Europa – wo diese Art Konjunktur den blinden Fleck der Hoffnung oder einfach der Verblendung nährte. Andere giftige Blüten trieb Griechenland. Das Land hat solange seinen Staatsapparat aufgebläht und die Korruption genährt, bis das gesamte System kollabierte. Auf Luftnummern können nun mal keine Schlösser gebaut werden. Jahrzehntelang wurde Bildung und Ausbildung der jungen Menschen nicht ausreichend ernst genommen. Zukunftsszenarien für eine nachhaltige, produktive Wirtschaft wurden nicht entwickelt. Stattdessen hat Besitzdenken und Gier verkrustete Strukturen geschaffen, die letztlich jeden Fortschritt hin zu einer sozialen Marktwirtschaft mit sinnvollen, realen Gütern im Keim erstickten. Es kann Jahrzehnte dauern, eine zukunftsorientierte Produktion sinnvoller, umwelt- und menschenfreundlicher Güter und Dienstleistungen aufzubauen. Schwer vorstellbar, dass das noch rechtzeitig vor einer Verarmung der breiten Bevölkerung gelingen kann.
Was soll`s? Mir, der Krise kann es nur recht sein – meine Pfründe sind gesichert. Denn die jetzt schon maroden Länder hängen am Tropf derer, die sich das im Augenblick noch leisten können. Wieder spielen die Finanzmärkte verrückt und verwetten die Zukunft vieler, was das Zeug hält. Ich flüstere denen, die dort am Drücker sitzen wie Gollum aus „Herr der Ringe“ zu, „mein Schatz, ich will meinen Schatz“ und ihr Gesicht verzerrt sich vor Gier. Meine persönliche kleine Krise ist überwunden: Mein Säckel füllt sich wieder, ich fühle mich besser und besser und harre der Dinge, die da kommen werden. Je mehr Staaten und Wirtschaften wanken, desto wohler werde ich mich fühlen. Wie eine dunkle Wolke zieht die Angst, die der Gier und Selbstüberschätzung folgt, über die Länder hinweg. Ich und meine Helfershelfer an den Finanzmärkten treiben die Politik munter weiter vor uns her. Längst sind die feinen Damen und Herren der politischen Gesellschaft nur noch Staffage in unserem Theaterstück – sie wissen es nur noch nicht. Wir besetzen die Rollen, steuern die Dramaturgie bis zum bitteren Ende. Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Gier und Selbstüberschätzung heiß!

18
Aug
11

Gestatten, ich bin die Krise! (Teil I)

Gestatten, ich bin die Krise!

Eingeschlichen habe ich mich, merklich, unmerklich. Wer sehen wollte, sah mich kommen, wurde jedoch von denjenigen abgewürgt, die sich im Rausch der Selbstgefälligkeit und Gier davontragen ließen. Die Zeichen waren unwillkommen, denn sie störten die gedankenlose Euphorie und die in meiner Zielgruppe herrschende Selbstsicherheit. Warnungen Besonnener, sprich Altvorderer, Langweiliger, den Bremsern wurden als Kassandrarufe verbucht, belächelt oder vehement diskreditiert.

Was sollte das Gerede über das rechte Maß, Verantwortung und Kontrolle? Ich war auf dem Vormarsch, berauschte mich daran, wie sich die Spirale immer schneller drehte. Wunderbar mit anzusehen, wie ohne große Mühe meinerseits die glitzernden Türme zu wanken begannen, weil die Fundamente bröckelten. Diese hatte ich gezielt zersetzt mit der Sucht nach mehr Ruhm, Macht und vor allem den Silberlingen, die schon Judas mit Erfolg zum Verräter machten. Ich kannte die menschliche Konstellation so gut, dass ich nur die Saat aufgehen lassen musste. Kein Zweifel schlich sich in mein Herz, dass ich erfolgreich sein würde. Mit ein wenig Geduld konnte ich auf meine Ernte warten.

Die Zeit schritt voran und ich konnte meinen Säckel füllen und füllen und mich aufblähen. Freude erfüllte mein Herz, denn mein Habenkonto wurde praller und praller. Die zunehmend Verzweifelten um mich herum kümmerten mich weniger.
Mein Geschäft lief blendend, ich erfüllte meinen Zweck, gefräßig Renommee, Vertrauen und Wohlstand zu verschlingen und die Welt in einen Strudel zu ziehen, aus dem sie sich nicht würde befreien können.

Doch dann wurde ich ein wenig nervös, da – das konnte ich nicht wirklich hervor sehen – sich weltweit die Mächtigen – ganz entgegen ihrer sonstigen Interessen – im Kampf gegen mich zusammen zu schließen begannen. Sie warfen die Geldpressen an, um in den Markt zu spülen, was ich gerade so raffiniert und ausgeklügelt entwendet hatte. Sie arbeiteten und arbeiten an einem Regelwerk, mir das Handwerk zu legen und zukünftigen Kumpanen meine so erfolgreiche Arbeit erst gar nicht zu ermöglichen. Grässliche Begriffe wie Transparenz, Verantwortung, Kontrolle und Maßhalten kursierten innerhalb der politischen Elite und schlimmer noch: In den Medien. Sie verseuchten das Klima in den Vorstandsetagen der Unternehmen und sogar in den glitzernden Kathedralen der Finanzplätze war ein leichter Hauch von Bedauern und Besinnung auf von mir verloren gehoffte Werte zu spüren.

Woher plötzlich diese gemeinsamen Anstrengungen? Diese geradezu ekelerregende Solidarität und gegenseitige Unterstützung? Ich hatte darauf gesetzt, dass die Todsünde Gier ihr Gift verbreiten wird. Nun, dieses Kalkül ist weitgehend aufgegangen. Sehr zu meinem Leidwesen schleicht sich aus den Tiefen der Wirtschaftsethik zerstörerisches alteuropäisches Gedankengut empor. Es ist die Rede von Werthaltigkeit, Produktion von Waren im Gegensatz zu virtuellem Kapital, dem nichts gegenübersteht als die Luftblasen in den Gehirnen von Finanzjongleuren, welche ich klug und gezielt initiiert habe. Sehr zu meinem Schrecken gewinnen jene Geister die Oberhand, die ich erfolgreich vernichtet glaubte: Die sorgsam abwägenden langweiligen Genossen, die mit realer Wirtschaft Gewinne erzielen wollen, die beamtliche Kontrolle einfordern und lächerlich niedrige Renditen einkalkulieren. Wie könnte ich diese Entwicklung aufhalten?

Doch ich denke, ich brauche mir nicht allzu viele Sorgen zu machen. Zeit und Vergessen sind meine Verbündeten. Sobald etwas Ruhe einkehrt und es den Anschein hat, dass der Abwärtsstrudel gebändigt ist und die Wogen sich glätten, werden aus dunklen Löchern der Verachtung und Depression jene wieder auftauchen, deren einziges Bestreben ihre unermessliche Sucht nach vermeintlichem Reichtum und Freiheit „von“ ist. Sind es nicht diese, werden Andere auferstehen, die sich berauschen wollen an Erfolg und Unersättlichkeit. Ich werde da sein, um die Steigbügel zu halten und mit den rechten Einflüsterungen hilfreich zur Seite zu stehen, damit keinerlei Zweifel an der Richtigkeit ihrer Werte und Ziele aufkommen zu lassen. Sie sind ja so entscheidungsfreudig und voller Energie und werden alle Warnungen jener in den Wind schlagen, die mahnend das Gemeinwohl in ihre Entscheidungen einbeziehen wollen.

Angesichts meiner Vorfreude darauf, dass Staaten unter der ihnen aufgebürdeten Last zusammenbrechen werden, dass das Ende vieler Unternehmen – groß und klein – bereits eingeläutet ist und nicht zu vergessen, dass viele Menschen ihr Leben in Zukunft ohne Arbeit und ohne Wohlstand werden verbringen müssen, hüpft mein Herz in der Brust. Ich habe gute Arbeit geleistet und kann zufrieden auf das verursachte Chaos blicken – ich, die Krise, deren wirklichen Namen niemand weiß und nie wissen wird und das Übel somit nicht an der Wurzel gepackt und ausgerottet werden wird. Ach wie gut, dass niemand weiß, dass ich Gier und Selbstüberschätzung heiß!

24
Jul
11

Das Schöne und die Suche danach – was kann Kunst uns geben?

„Wenn es etwas gibt, wofür zu leben lohnt, dann ist es die Betrachtung des Schönen.“
(Platon, Symposion)

Platon misst mit dieser Aussage aus dem Symposion, dem Gastmahl, der Schönheit eine hohe, wenn nicht die höchste Bedeutung bei. Da er den Sinn und Zweck des Lebens mit dem Schönen verbindet, stellt sich die Frage, was Platon unter diesem Begriff versteht und welche Bedeutung dieser für die Moderne hat.

Was ist „schön“ in der Kunst?

Wichtig zu wissen ist, dass Platons Begriff des Schönen eng mit dem des Guten und Wahren verbunden ist. Denn die sinnliche Welt, die es ermöglicht, viele schöne Dinge zu sehen, ist für Platon Schein, also nur Abglanz der wahren Schönheit, welche ausschließlich in der „Idee“ des Schönen zu finden ist. Allen Dingen der Wirklichkeit entsprechen in Platons Lehre Ideen dieser Dinge, die der Wirklichkeit mit ihren materiellen Gegenständen übergeordnet sind. Die „Idee des Schönen“ ist nun in seiner Theorie eng mit wesentlichen Tugenden wie Gerechtigkeit und Besonnenheit verbunden, die für ihn in der Idee des Guten schlechthin münden. Das Schöne selbst ist für Platon identisch mit der Idee des Guten und somit der Wahrheit selbst.

Das Gute und das Schöne

Das Gute aber ist für Platon das Gute „an sich“, es ist keine Norm, keine Moral, sondern die Wahrheit, welche nicht mehr weiter hinterfragt werden kann. Das zeigt, dass in Platons Theorie mit einem anderen Begriff des Schönen operiert wird, als er gemeinhin verwendet wird. Dieser hat nichts mit Geschmack oder gar Mode zu tun, sondern formuliert ein Programm, welches für jede Beurteilung von Kunst maßgebend ist.

Deshalb steht Platon wohl auch auf Kriegsfuß mit der gängigen Form von Kunst und deren Betrachtung. Denn für ihn zählt die geistige Schönheit, die Wahrheit, die hinter den Dingen steht. Er meint nicht die schönen Körper oder gar die Nachahmungen von Körpern. Letztere sind aus seiner Sicht sogar weniger schätzenswert als die Dinge selbst, die ursprünglicher und damit näher an der Idee sind, die sie abbilden. Platon fordert also, dass man sich den Dingen in philosophischer Betrachtung nähern muss, um das Wahre zu erkennen. Denn dieses liegt jenseits der realen Welt, die für ihn nur ein Abbild ist.

Platon und die Moderne

Aus Platons Sicht entwirft die Kunst zwar schöne Dinge, welche die Sinne des Menschen ansprechen, seine Leidenschaften wecken oder einfach Freude bereiten. Doch schön ist für Platon nur, was den Menschen zugleich erzieherisch an die Hand nimmt und zum Guten führt, welches die Wahrheit ist. Damit wird jede Form der Kunst sehr genau unter die Lupe genommen und nach diesem Programm beurteilt.

Ist Platon da aber nicht zu streng in der Beurteilung der Kunst und allem Schönem? Kann nicht eine schöne Landschaft, ein Gemälde, das die Seele berührt, sei es gegenständlich oder abstrakt, zu etwas hinführen, was tiefer ist als oberflächliche, dem Geschmack der Zeit unterworfenen Kategorien des „Schönen“. Er würde sicher antworten, dass nur in Verbindung mit den Tugenden und letztlich dem „Guten“ ein solches Ereignis stattfinden kann.

Wie ist das mit dem modernen Verständnis über das, was schön ist, vor allem im Hinblick auf die Kunst und ihre Werke einzuordnen? Entscheidet nicht jeder Betrachter, was er als schön bezeichnen würde? Sicher, es gibt Kriterien für das, was als Kunst bewertet wird, auch das, was als schön gilt. Dies hängt mit Form, mit Proportionen, Farbgebung und Gesamtkonzept zusammen, aber auch mit Zeitgeist und Geschmack. Doch in diesem Rahmen wird ein Kunstwerk, sei es eine Skulptur, ein Gemälde, ein Gebäude oder ganz modern – eine Installation – von jedem Betrachter individuell danach bewertet, welches für ihn schön ist, das heißt, seinen Geist und /oder seine Seele berührt.

Kunst im Sinne des Betrachters

Die Frage, die sich bei Bewertung von Kunst für den Betrachter stellt, könnte sein: Welches Bild einer Kunstausstellung zieht mich besonders an? Warum gehe ich an vielen mehr oder weniger achtlos vorüber, bleibe aber bei diesem oder jenem stehen, vertiefe mich in den Anblick? Dies gilt für Musik, Texte, Architektur und Design gleichermaßen. In allen diesen Bereichen geht es um Proportionen, Farbe, Gestaltung und Ausdruckskraft. Und es geht darum, welche Schwingung es im Sehenden, Lesenden, Hörenden erzeugt, und seine Sinne auf das lenkt, was hinter dem mit den Augen und Ohren offensichtlich zu Erkennendem liegt. Es muss mehr als eine oberflächliche Ästhetik des Angenehmen, des Wohlfühlens angesprochen werden, um diese Schwingung zu bewirken. Etwas muss angesprochen werden, was über die sinnliche Erfahrung hinausreicht, was Verstand und Seele gleichermaßen berührt. Die Kategorie des jeweilig und damit beliebig Schönen oder gar Gefälligen reicht da weitem nicht aus.

Platons Forderung, in der Betrachtung des Schönen die Wahrheit zu erkennen, wird sich nicht erfüllen lassen. Doch Kunst kann den Alltag überlisten und einen anderen Blick auf das Leben eröffnen. Sie kann in jeder Form, die berührt, neue Fragestellungen möglich machen. Sie erfreut die Sinne durch gelungene Proportionen, Zusammenklang von Materialien, Wortklang, Farbgestaltung, Klangkomposition oder Bildgestaltung. Jede Form von Kunst kann so Tiefe vermitteln. Es ist dieses sich Angesprochenfühlen, Berührtwerden und das Begreifen, dass es mehr gibt, als nur die sinnliche Wahrnehmung. Vielleicht trifft Platons Aussage aus dem Symposium im Grunde den Zweck des Schönen immer noch: Den Blick auf einen Sinn hinter der Realität zu lenken – den ein jeder aber selbst mit Inhalt füllen muss.

05
Jun
11

Sexmachine….

So lautet ein Musiktitel von James Brown 1971, der später von Tom Jones wiederaufgelegt wurde. Angesichts des dramatischen Absturzes eines Mannes wie Strauß-Kahn aufgrund seiner ungebremsten und mit Macht gepaarten Sexualität ruft dieser Titel nun ganz andere Bilder wach. Die Verherrlichung von Überpotenz kann ich nicht wirklich mehr tanzbar finden, obwohl das gängige Partymusik war und ist. Sexuelle Übergriffe auf Frauen, gar Vergewaltigung werden zumindest in der westlichen Welt streng verurteilt und geahndet. Und dennoch gab es und gibt es unter Männern, manchmal sogar unter Frauen, eine unausgesprochene Zustimmung zu einem übersteuerten Potenzgehabe. Die Duldung eines über jede Werbung und Verführung hinausgehenden animalischen Verhaltens innerhalb mancher gesellschaftlicher Kreise und manchmal auch ganz „normaler“ Menschen lässt immer wieder verwundern. „Männer sind halt nun mal so“ – habe ich schon aus dem Mund von Frauen gehört. Es geschieht durchaus, dass ich belächelt werde, wenn ich mich eindeutig von Anfang gegen Übergriffe, die ich als solche bewerte, wehre. Mir fehlt da so manches Mal die weibliche Solidarität.
Männer sind nicht so – sie benehmen sich so, wenn sie denn in die Kategorie der „brünftigen Schimpansen“ (so wurde Strauß-Kahn von einem seiner Opfer genannt) gehören. Wohlgemerkt – es gibt sehr viele Männer, die Frauen respektieren und jede aufgezeigte Grenze wahren. Die meisten Männer, die ich kenne, gehören dazu. Doch ich habe Männer auch anders kennengelernt. Als ich 16 war und in einem Dentallabor in einem Büro ferienjobbte, nahmen sich beide Juniorchefs Freiheiten heraus, mit denen ich in diesem Alter weder umgehen konnte, noch sie richtig einzuordnen wusste. Deshalb gab ich mir die Schuld und kam keinen Tag mehr im Rock ins Büro, was allerdings wenig half. Als ich das Geschehene dann in einer Mittagspause unter den Kolleginnen andeutete, erntete ich nur mitleidige Blicke und die Aussage „ach so, na, da haben wir nur drauf gewartet, dass Dir das auch passiert“. Die Sprachlosigkeit stand mir ins Gesicht geschrieben.
Als ich die Vorfälle meinen Eltern erzählte, ging mein Vater zwar zum Chef, um ihm mit Klage gegen seine Söhne zu drohen– das half dann für den Rest meines Ferienjobs, aber von Anzeige war nie wirklich die Rede. Vielleicht war mir das ja auch lieber so. Denn als „Opfer“ muss man nicht nur das Mitleid, sondern vielleicht auch noch die Häme über sich ergehen lassen, geschweige denn, dass man die Übergriffe kaum beweisen kann, weil sie selbstverständlich ohne Zeugen stattfinden. Diese Erfahrung hat mich auf jeden Fall vorsichtig werden lassen, und einige spätere haben mich darin bestärkt, Männern – vor allem im angetrunkenen Zustand – nichtall zu viel Charme entgegenzubringen – das kann durchaus missdeutet werden.
Wenn Männer – wie im Falle von Strauß-Kahn vielfältig dokumentiert – meinen, dass ihnen ihre Macht das Recht verleiht, sich jede Frau zu nehmen, ob diese will oder nicht, dann ist etwas falsch im Staate Dänemark. Falsch ist vor allem, dass „stürmisches, drängendes Verhalten“ als etwas Normales geduldet ist und zum Teil mit Bewunderung – nicht nur von Männern – zur Kenntnis genommen wird. Wenn eine Frau weder mit Worten, aber keinesfalls mit Taten bedrängt werden will, dann muss das respektiert werden. Das ist kein Kavaliersdelikt und auch kein normales „Balzverhalten“.
Ich tanze gerne und mit Leidenschaft, aber mit Sicherheit nicht mehr zu „Sexmachine“ und ich werde ein wenig mehr auf die Texte achten, die sich hinter so manch schönen Arrangements verstecken. Denn es muss Schluss sein mit jeder Art von Sexismus und wir Frauen sollten uns solidarisch erweisen und dem „starken“ Geschlecht zeigen, dass Stärke sich in Respekt erweisen muss.

04
Jan
10

Endlich wehren sich die Studenten!

Nach dem Gleichmarsch der vergangenen Jahre, den die Bologna-Reform noch gleicher machte, hört man endlich wieder die Stimmen junger Leute, die sich nicht weiter gleichmachen lassen wollen.

Jetzt, wo die Bachelor- und Masterstudiengänge durchorganisiert wurden und ihre destruktiven Auswirkungen zeigen, wehren sich diejenigen, die davon betroffen sind.

Die Generation, die die harten Jahre bis zum Abitur hinter sich gebracht hat, in welchen sie mittels Punktesystem und Drohszenarien fehlender lukrativer Arbeitsplätze bereits im Konkurrenzkampf aufeinander losgelassen wurde. Die nichts anderes hörten, als dass nur Leistung zählt und ausschließlich die Besten Chancen auf ein gutes Leben – im Sinne von der Möglichkeit zum Konsum – haben werden. Jahren, in denen die Fähigkeit, Gehörtes zu reproduzieren, gut zu heißen, den Ansprüchen des Lehrpersonals zu genügen und möglichst nicht aus der Spur zu geraten, gefragt und gefordert war.

Jetzt – nach der so genannten Reifeprüfung – werden die jungen Menschen nicht etwa in ein universitäres Leben entlassen, das ihren Geist schulen soll, ihn schärfen

soll und aufmerksam auf die Widersprüche in Texten, in Aussagen ihrer Professoren, in die Widersprüche des Lebens gar machen soll, nein sie sollen weiter reproduzieren, was vor ihnen gedacht, gesagt wurde. Sie sollen mit Texten überfrachtet werden, deren Sinn sich ihnen kaum erschließt, weil sie die Zeit, sich in diese  zu vertiefen, oft nicht aufbringen können, da der nächste lange Text auf sie wartet oder das nächste Seminar vorbereitet werden muss. Dies alles in einer Zeitvorgabe, in welcher das auch für Schnelldenker kaum zu schaffen ist.

Wo bleibt die Muße, sich in einen Sachverhalt zu vertiefen, ihn gegen den Strich zu bürsten, Belege und Argumente für die eigene Position zu finden und diese klar zu verdeutlichen? Die Kunst des Selber-Denkens bleibt auf der Strecke, wenn verschulte Studiengänge junge Menschen unter den Leistungsdruck zwingen, Berge von Wissen zu verschlingen, dieses wiederzugeben, ohne die Zeit zu haben, zu prüfen, ob dieses nicht in sich widersprüchlich, ja sogar erneuerungswürdig wäre. Diese Zeit, den eigenen Geist auszuloten, auszuprobieren, sich zu reiben an Althergebrachtem, neue Thesen zu entwickeln und in der Folge zu neuen – auch für die Gesellschaft  bereichernden – Erkenntnissen zu gelangen, wird den Studenten nicht mehr gegeben.

Dies hat durchaus Methode mit einer zweifelhaften Zielsetzung: Sie sollen schneller sein in ihren Abschlüssen, um der Gesellschaft, sprich vor allem der Wirtschaft schneller zur Verfügung zu stehen. Sie sollen europäisch vereinheitlicht werden – was schon allein der kulturellen Unterschiede  ein Ding der Unmöglichkeit ist – und im Gleichmarsch in die Gesellschaft hineinmarschieren.

Können wir das wirklich wollen?

Was wird da produziert an den Universitäten? Von der Last der Fülle des Stoffes (die es immer schon gab…), und vor allem der Schnelligkeit, mit der dieser jetzt verinnerlicht und reproduziert werden soll, sind die Studenten ermüdet. Von den ständigen Angstszenerien, keinen Job, bzw. keinen gut bezahlten Job zu bekommen, von dem man sich das alles leisten kann, was die Werbung uns täglich als wünschenswert vorgaukelt, sind sie verunsichert und kleinlaut gemacht. Viele dieser jungen Menschen strömen nach ihren vereinheitlichten Bachelor- oder Masterabschlüssen als Gesinnungsgehilfen in die Wirtschaft – in die Banken, in die Versicherungen, in die Güterindustrie, auch in die Stellen des Gemeinwesens und schlimmstenfalls in die Politik. Sie sind uniformiert im Geiste, uniformiert im Verhalten und werden wohl so gedrillt, kaum Systeme zu hinterfragen, um diese zum Positiven im Sinne von mehr Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu verändern.

Diesen jungen Menschen ist das nicht anzulasten – denn sie werden dazu gemacht, angepasst zu sein, keine tiefergreifenden Fragen zu  stellen. Sie sollen funktionieren und ihren Beitrag leisten, damit die bestehenden Interessen der Wirtschaft, die der Politik ihre Wünsche und Bedürfnisse aufoktroyiert, nicht gefährdet werden. Deren abstrusen Regeln in ihren geschlossenen Systemen entwickelt werden, die für Außenstehende unzugänglich, undurchsichtig bleiben sollen. Für welche sie neues Menschenfutter benötigen, die diese Regeln einhalten, hochhalten, verteidigen und weiterentwickeln, damit die Macht hinter den glänzenden Fassaden nicht geteilt werden muss.

Die Politik hat sich mit den Hochschulreformen zum Handlanger dieser Bestrebungen gemacht – wohlgemerkt viele mit hehren Zielen. Denn schnellere Abschlüsse bedeuten auch immense Kosteneinsparungen für die Gesellschaft. Daran ist nichts Zweifelhaftes. Doch bedenklich ist es, wie dieses Ziel erreicht werden soll. Greift plötzlich autoritäre Pädagogik an den Universitäten um sich, verstehen sich Professoren und Dozenten nicht mehr als Gleichgesinnte und Begleiter ihrer Studenten, sondern als Dressurreiter, um den Parcours  möglichst elegant, fehlerfrei und in einer phänomenal kurzen Zeit zu absolvieren, werden wir entweder gleichgeschaltete, verdummte junge Menschen bekommen oder sie werden sich wehren, aufbegehren, eigene Wünsche und Bedürfnisse anmelden und ein Studium fordern, dass diesen Namen verdient: Freiheitlich, selbst denkend, weiter denkend, geistigen Gewinn für sich und die Gesellschaft bringend. Dies scheint eingetreten zu sein! Gotttlob! Und: hoffentlich lassen sich die jungen Leute nicht allzu schnell beschwichtigen und wieder auf den normierten Parcours schicken!!

25
Feb
10

2012

2012 – das Schicksalsjahr?

Der Maya-Kalender und halbwissenschaftliche Veröffentlichungen im Zusammenhang mit den Prognosen einer vermehrten Sonnenaktivität, die unser geomagnetisches Feld negativ beeinflussen könnte – sowie dazumal 1989 in Kanada, wo die gesamte Elektrizität kurzfristig lahmgelegt wurde, verleiten den einen oder anderen Endzeitpropheten dazu, wieder einmal den Untergang der Welt vorherzusagen.

Maya-Kalender und Sonnenaktivität hin oder her, es wird Zeit, eine Veränderung herbeizuführen. Hatten wir nicht gerade bzw. haben wir nicht eine Krise, die unser weltwirtschaftliches System zu erschüttern droht? Benötigen wir wirklich unsere gute alte Sonne, um uns endlich zur Besinnung zu bringen? Sind die gesellschaftlichen Zeichen nicht ausreichend, um innezuhalten und unsere Zielsetzungen zu überdenken. Dabei ist jeder gefragt. Denn zu sagen, das geht mich doch nichts an, was kann ich schon tun? In meinem kleinen Leben habe ich mich bestens eingerichtet, weder die Sterne, noch, was die Politik weltweit beschließt, umsetzt, nicht umsetzt, in den Sand setzt, kümmert mich, da ich ja nichts ändern kann.

Ist das wirklich wahr? Macht sich nicht jeder mitschuldig, der nicht Anteil nimmt am Geschehen um ihn herum? Was können wir tun? Wir könnten beispielsweise unsere eigenen Zielsetzungen und Werte überdenken. Wie gehen wir mit den Menschen um, die in unserer Nähe sind? Was tragen wir bei, dass das Leben ein besseres wird? Sind wir nur unseren eigenen Sehnsüchten, Zwängen, Bedürfnissen verpflichtet oder verbindet uns etwas mit all den anderen? Sind wir Teil eines größeren Ganzen, welches von Religionen und der Politik immer wieder beschworen wird? Soll es uns kümmern, wie es unserem Nächsten geht oder uns nur um unser Wohlergehen bemühen? Sicher, wir können uns nicht um jeden und alles kümmern. Doch in unserem Einflussbereich können wir uns kümmern. Wir können Anteil nehmen, zuhören, ab und zu unsere Bedürfnisse zurückstellen und den Mund halten.

Wir können unser Alltagsverhalten überdenken und nicht schon wieder Plastiktüten im Supermarkt benutzen, sondern gute alte Einkaufstaschen mit uns nehmen. Wir können öfter das Auto stehen lassen und mit dem Bus fahren oder besser noch mit dem Rad oder zu Fuß gehen. Das trägt zu unserer Gesundheit bei und mindert die Krankenkassenkosten und hilft der Umwelt gleichermaßen. Sind wir nicht maßlos geworden in allem? Wir wollen die perfekte gesundheitliche Rundumbetreuung – für wenig Geld versteht sich. Sind allerdings nicht bereit, selbst Sorge zu tragen, dass es uns gut geht. Wir essen zu viel, trinken zu viel, rauchen zu viel und bewegen uns zu wenig. Vom ständigen Gejammer und den negativen Gedanken, die unsere Seele umhüllen und unser Immunsystem schwächen ganz abgesehen. Wir machen uns zum Mittelpunkt des Universums mit unseren Beschwerden, Forderungen und Unachtsamkeiten. Statt uns zu fragen, was wir beitragen könnten zur Verbesserung des Lebens – in kleinen, aber im Ganzen betrachtet in großen Schritten machen wir weiter wie bisher: Jeder ist in seinem eingegrenzten Bereich und die Staaten in den jeweiligen Egoismen gefangen. Dies ist die Falle, in der wir sitzen und wenn wir nichts ändern, werden wir tatsächlich untergehen. Nicht durch vermehrte Sonnenaktivitäten, aber unser eigenes Handeln wird uns in den Abgrund stürzen.

Es ist nicht nötig, pessimistisch zu sein, nein, die Zeichen sind da, dass es so nicht weitergehen kann, wenn wir alle ein Leben anstreben, das uns glücklich machen soll.

Dies wird aber nicht möglich sein, wenn einige immer mehr wollen und dies ohne Rücksichtnahme, ohne den Blick auf das Gesamte zu richten. Denn sie sind Teil dieses Ganzen, gerät es in eine Schieflage, wird weder Reichtum noch andere Privilegien helfen, zu überleben. Wenn die Ressourcen schwinden und die Verteilungskämpfe toben, dann sind Errungenschaften der Aufklärung vergessen, dann zählt nur noch das nackte Überleben. Was wird dann aus unserem Menschsein werden? Zugegeben, das ist ein Katastrophenszenario, doch die Zeichen erscheinen wie ein Menetekel am Horizont. Wir können sie nicht übersehen, nur die Augen davor verschließen und hoffen, dass es uns nicht mehr trifft.

Gesetzt den Fall, wir sind Teil eines größeren Ganzen werden wir dem aber nicht entkommen. Selbst die Ewigkeit wird uns nicht aus ihren Klauen lassen und Hieronymus Bosch Endzeitbilder werden plötzlich sehr real sein.

Es ist dennoch nicht zu spät, etwas zu verändern. Vielleicht braucht es wirklich den äußeren Feind, um einen Zusammenhalt zu erwirken. In diesem Fall wäre das unsere gute alte Sonne, die uns wärmt und ernährt. Wenn sie zum Schlag ausholt und unsere modernen Systeme zerstört, ist unser ganzer Einfallsreichtum und unsere Solidarität gefragt, um das Schlimmste zu verhindern. Wenngleich dies auch ärmlich ist und unserem vernunftbegabten Wesen nicht entspricht, wäre es eine Chance, ein Aufruf zur Veränderung. Leider sind wir zwar vernunftbegabt, aber nicht vernünftig, sondern unseren Leidenschaften und Zwängen ausgeliefert.

Insofern bleibt fast zu hoffen, dass eine äußere Bedrohung auf uns zukommen mag, damit wir zur Vernunft kommen, denn wir werden uns nicht besinnen, wenn man uns nicht dazu zwingt. Das ist leider die menschliche Natur trotz aller Begabung zur Vernunft. Diese steckt in den Kinderschuhen und wird sich erst entwickeln, wenn wir herausgefordert werden, wenn es um das Überleben gehen wird auf diesem Planeten. Das ist die bittere Wahrheit.

09
Mrz
10

Der versteckte Code – die Handtasche

Nein, Sie können sich nicht einfach überall in der gleichen Art und Weise bewegen. Nein, Sie können nicht so sein, wie Sie sind. Schon gar nicht können Sie sagen, was Sie wirklich denken! Das kann Sie Kopf und Kragen, na ja zumindest die Zugehörigkeit zu einer Gruppierung und schlimmstenfalls die Existenz kosten. Wir leben in freien Ländern, erwidern Sie. Das ist fast richtig, wären da nicht die zahlreichen verborgenen Codes innerhalb der unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppierungen. Diese regulieren Zugehörigkeiten, sie verhindern, dass die falschen Personen am richtigen Ort sind und Zugang zu Ressourcen erhalten, die ihnen nicht zustehen. Diese Codes wirken selbstverständlich aufsteigend, denn nach oben hin dünnen sich die Teilhaber an diesen sogenannten Netzwerken aus.

Es gibt Gesten, Andeutungen, Labels auf der Kleidung, die Kleidung selbst, das Auto, mit dem man vorfährt. Da sind die scheinbar nichtssagenden Äußerungen im Smalltalk, die doch soviel über den Sender preisgeben, dass ein Empfänger mit deckungsgleichen Codes diese sofort ein- und zuordnen kann. Sollte es Ihnen geschehen, dass Sie auf einer gesellschaftlichen Veranstaltung plötzlich alleine dastehen, können Sie davon ausgehen, dass Sie keinen der erforderten Codes parat hatten.

Ja, auch Ihre Handtasche ist ein Code. Sie lässt nicht notwendigerweise auf einen untrüglichen modischen Geschmack schließen, sondern eher darauf, wie hip und trendy Sie gerade sind, und/oder wie viel Sie sich allein für eine dieser beliebtesten Nebensächlichkeiten zu leisten bereit sind.

Was für die Herren der Schöpfung der fahrbare Untersatz oder zumindest die technischen Spielereien, die sie mit sich führen sind, ist für die Dame das Accessoire, das alle lebensnotwendigen Dinge beherbergen muss, wenn sie unterwegs ist – die Handtasche. Sie ist der gesellschaftliche Türöffner in hochklassigen Hotels, Restaurants und bei allen gesellschaftlichen Treffs. Oder etwa nicht? Nun ja, der Rest, wie Schuhe, Kleidung, gutes Aussehen und souveränes Auftreten mögen auch eine Rolle spielen, aber der erste Blick fällt auf dieses unentbehrliche Anhängsel.  Im besten Fall decken sich dabei Qualität, Stil und Geschmack mit dem Preis und Ihrer Person. Dann öffnet dieser Code doch die eine oder andere Tür. Sie erfahren mehr Respekt, haben zumindest die Chance, Zutritt zu gesellschaftlichen Gruppen zu erhalten, in welchen dann weitere – weitaus verborgenere – Codes Sie Ihrem Ziel, dazuzugehören und ein Stückchen des großen Kuchens abschneiden zu dürfen, näher bringen werden.

Vergessen Sie also nicht, bei der Wahl Ihrer Handtasche sehr bewusst vorzugehen und nicht einfach die nächstbeste zu greifen, wenn Sie sich in den Dschungel der verborgenen Codes begeben.

16
Mrz
10

No Friends

Das muss ein trauriges Leben sein, in welchem Sie niemand anchattet, anschreibt und Sie unbedingt als Freund oder zumindest als Kontakt hinzufügen möchte. Sie haben keine Freunde, wenn Sie nicht auf Facebook, StudiVZ, Xing, smallworld oder wie die neuen sozialen Netzwerke alle heißen, eingelogged und tätig sind.

Wer sind all diese Menschen, die diese Foren nutzen, um sich selbst darzustellen und mit zum Teil privatesten Äußerungen in eine Öffentlichkeit gehen, die für sie im Dunklen wohnt. Denn auch all die anderen Teilnehmer verbergen ihr wahres Ich hinter frisierten Profilen, Photoshopgeschönten Fotos, hippen und trendy Statements, die sie als besonders erstrebenswerte Gesprächspartner ausweisen.Wie kann man mit Avataren in Kontakt kommen, die wirklichen Menschen hinter dem Wunschdenken der Selbstdarstellung erfassen? Wie soll es zu einem Gespräch kommen, in welchem man sich langsam der anderen Person annähert, auslotet, was gesagt wurde und was man selbst preisgeben kann. Die Sätze bleiben knapp, Syntax, Grammatik, Interpunktion scheinen der Vergangenheit anzugehören. Es geht darum, sich möglichst interessant zu gebärden, gut „drauf“ zu sein, Teil einer Kultur, in der immer schneller und abgehakter gesprochen wird, als sei man auf der Flucht.

Eine langsame Annäherung an andere, Behutsamkeit, Achtsamkeit im Umgang mit dem Fremden scheinen hinderlich zu sein. Schnell auf den Punkt kommen wie bei einem One-night-Stand ist gefragt, gefühllose Unverbindlichkeit an der Tagesordnung. Wichtig ist, sich selbst produziert zu haben, sich vervielfältigt zu haben im Netz, eine Art von Genverbreitung im digitalen Sinne. Geschwindigkeit und Häufigkeit sind die entscheidenden Kategorien. Das Ergebnis findet sich in der statistisch nachweisbaren Anzahl von Kontakten oder Freunden. Freundschaft ist nicht definiert als ein Austausch zwischen Gleichgesinnten, der zu Vertrauen und gegenseitiger Hilfsbereitschaft führt, sondern als quantitatives Merkmal, das beweist, dass man gefragt ist – warum oder wozu auch immer.

Fatal ist, dass das Netz einen Schutz vorgaukelt, der de facto jedoch nicht vorhanden ist. Das werden privateste Dinge preisgeben, sei es verbal oder phototechnisch, die sicher früher erst nach reiflichem Überlegen gesagt oder gezeigt wurden, wenn überhaupt.  Man glaubt sich anonym, weil man als reale Person nicht greif – und so auch nicht – angreifbar scheint. Menschen, die einem realen, lebendigen Gegenüber niemals etwas Persönliches über sich sagen würden, kehren ihr Innerstes nach außen, lassen sich zu überschwänglichen Aussagen hinreißen und verstummen doch sofort, wenn Sie eine Stimme am Telefon hören oder der Person in der wirklichen Welt gegenübersitzen. Sind diese Netzwerke dann doch eine Einrichtung, die helfen, schwerwiegende Kommunikationsstörungen zu überwinden oder befördern sie diese noch? Diese Frage kann nur jeder für sich beantworten. Fest steht, dass sie eine gewisse Beliebigkeit fördern. Freunde können an- und abgeschaltet werden, falls nicht mehr brauchbar, nützlich oder nervend. Dann wendet man sich schnell anderen zu, die im Netz in Masse zur Verfügung stehen. Es verpflichtet zu nichts, es kostet kaum Mühe, schon gar keine Verantwortung, doch der Preis ist Oberflächlichkeit und Einsamkeit in der Menge.

Wie das immer beliebter werdende Speeddating grassieren die Chatrooms und vermehren sich die Avatare. Eine neue Welt entsteht, die außerhalb unseres Selbst und Seins ein Eigenleben zu führen beginnt. Es wird Folgen haben oder besser gesagt, die Konsequenzen sind sichtbar, wenn man sie sehen will. Es ist die Unfähigkeit, sich auf andere Menschen einzulassen, sie in ihrer Andersartigkeit schätzen zu lernen, von ihnen zu lernen. Es ist der Verlust an Zeit für intensive Gespräche, mit der man die Seele berührt und der Verlust an eigenem tiefem Erleben, das sich aus dem Miteinander, manchmal dem Füreinander entwickelt.

Die Entwicklung wird nicht mehr aufzuhalten sein, wir leben mit dem Worldwideweb.

Doch wir können von der Quantität der Kommunikation zurückfinden zur Qualität der Kommunikation – wenn wir das wollen.

18
Apr
10

Die 1D ist da

Ich betrete das Flugzeug und halte Ausschau nach meinem Platz, an dem ich am Abend vorher eingechecked habe. Auf meiner Bordkarte steht „1D“. Doch der Platz, ja die ganze Reihe ist bereits besetzt. Fragend blicke ich den Flugbegleiter an und halte ihm meine Karte entgegen. Mit leicht entsetzter Stimmer ruft er seiner Kollegin zu „Die 1D“ ist da. Diese, aufgescheucht, „ach, die 1D ist da – sind Sie 1D?“ zu mir gewendet. „Ja“, antworte ich, habe ich mich getäuscht?“ „Nein, nein, wir haben hier nur die Mutter mit dem kleinen Kind hingesetzt wegen des Körbchens, wissen Sie?“ Nun ja, was soll man dazu sagen, da kann man nicht auf dem georderten Platz bestehen, aber wie fühlt man sich, wenn man als 1D bezeichnet wird? Ist das unserer abkürzungsfanatischen modernen Kommunikation geschuldet, in welcher man nur noch selten in ganzen Sätzen spricht? Oder in diesem Fall eher der Anonymität, welche durch die Reisefreudigkeit in Massen entstanden ist?

Ich erinnere mich aber auch an einen Krankenhausbesuch, der nun schon einige Jahre zurückliegt. Auf dem Flur hörte ich eine Schwester zur anderen sagen: „Kannst Du mal nach der Galle in Zimmer 4 schauen?“ Es war kein großes Krankenhaus und damals gab es durchaus ausreichend Personal in der Krankenpflege. Man hätte meinen können, dass es möglich gewesen wäre, die Namen der einzelnen Patienten zu erinnern. Und wenn nicht, hätte es nicht Umschreibungen gegeben, welche dem Menschen, der da nach der Operation noch etwas desolat in seinem Bett lag, gerecht zu werden? In den folgenden Tagen hörte ich Vergleichbares wie beispielsweise: „Die Leber macht schon wieder Probleme, bringen Sie ihr mehr Schmerzmittel“ oder „Der Magen in der 1 braucht noch eine Spritze“.

Wie ist das, wenn Sie Ihr Auto von der Werkstatt abholen? Ruft dann der Werkstattmeister oder Serviceleiter in diese hinein: „Der Peugout ist da, fahren Sie mal das Auto in den Hof!“ Oder in der Reinigung: „Das blaue Abendkleid ist da, packen Sie es mal ein!“ Erleichternd für das Personal ist in diesen Fällen mit Sicherheit, dass der Kunde in der Regel mit einem Abholzettel kommt und dies eine freundliche Begrüßung mit seinem Namen erübrigt.

Vielleicht war meine Reaktion auf die beiden genannten Fälle übersensibel, aber ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, als Ware behandelt zu werden, als beliebige Nummer ohne Gesicht. Woran mag das auf Seiten der jeweiligen Dienstleister, die sie ja nun mal sind, wohl liegen? Die Menschen, die ihnen begegnen, verlieren in der Masse tatsächlich ihr Gesicht, sie werden zu Dingen, die versorgt, behandelt, bedient und transportiert werden müssen. Ihre Persönlichkeit und individuellen Bedürfnisse verschwinden hinter Nummern, Krankenakten und Abläufen. Dass diese hinter den Nummern, Krankenakten und Serviceabläufen stehenden Menschen gutes Geld bezahlen, um die jeweilige Dienstleistung zu erhalten und damit auch die Arbeitsplätze derjenigen finanzieren, die ihnen „dienen“, bzw. dienen sollten, scheint in der Mechanik der Dienstleistung das eine oder andere Mal in Vergessenheit zu geraten.

Wir müssen diesem Übel ja nicht gleich keulenschwingend mit dem kategorischen Imperativ Kants entgegentreten, der kleine, aber feine Spruch, den Nächsten so zu behandeln wie man selbst behandelt werden möchte, dürfte durchaus ausreichend sein, um Abhilfe zu schaffen. Der fruchtbare Boden dafür heißt „Achtsamkeit“ und „Wohlwollen“ den Mitmenschen gegenüber. Dies wiederum erfordert, sich selbst nicht als den Nabel der Welt zu betrachten und den unbedingten Willen, andere ebenso wichtig zu nehmen wie sich selbst (einzige Einschränkung, wenn sie ihrerseits allzu nervig und fordernd auftreten).

Schaffen wir also die Nummern, die Kürzel und die Zuordnungen ab, wenn wir es mit unseresgleichen zu tun haben. Es könnte ein wenig mehr Freundlichkeit in die Welt bringen.

04
Mai
10

Die Macht im Staate

Die Macht im Staate

Sagt uns, wer hat die Macht im Staate?

Sind es die politischen Organe, die Politiker, etwa das Volk, das diejenigen gewählt hat, die es in ihrem Sinne vertreten sollen? Wir denken, wir hoffen, dass wir es sind – doch langsam beschleichen uns Zweifel, ob wir wirklich die Zügel in der Hand halten. An den altmodischen Stammtischen wird geschimpft und gepoltert, in der modischen Variante der Chatrooms ebenfalls, eloquent und intellektuell oder bis hin zu Fäkalsprache und archaischen Drohgebärden.

Doch überall lebt die Hoffnung, dass das uns regierende Personal in regelmäßigen Abständen ausgetauscht werden könnte, wenn uns seine Entscheidungen und Handlungsweisen nicht passen. Allerdings beschleicht uns angesichts der neuesten Entwicklungen immer mehr der Gedanke, dass dies im Wesentlichen nichts ändern würde.

Denn wenn wir uns die großen Städte anschauen, wachsen die modernen Kathedralen weiter in die Höhe und die Macht, die in ihnen geballt auf den verchromten Stühlen und an den Designerschreibtischen hockt, wird mächtiger und mächtiger. Hier stehen die Pokertische, an denen seit der Globalisierung und der Öffnung der Finanzmärkte, sprich fast unkontrolliert möglichen Zockens, unser aller Schicksal verspielt wird. Gier und Selbstüberschätzung treiben hier Blüten unverständlicher Finanzprodukte, die ihre Erschaffer manchmal selbst nicht mehr verstehen. Sie diktieren die Regeln der Wirtschaft und vor allem die der politisch Handelnden, die keineswegs an den Hebeln der Macht sitzen. Denn diese können nur noch hektisch auf die Auswirkungen reagieren, die an den Pokertischen verantwortet werden. Die Volksvertreter retten hier, sie retten da. Jetzt retten sie einen Staat, der verschwenderisch mit seinen fast nicht vorhandenen Ressourcen umgegangen ist. Dies wäre nicht ganz so fatal, wären da nicht die Zocker in den modernen Kathedralen, welche die Zinsen in die Höhe getrieben haben, so dass die Staatsverschuldung ins Unermessliche und fast nicht Bezahlbare wuchs. Wie soll ein kleiner Mann seine Schulden bezahlen, wenn die Zinsen immer weiter steigen und der Schuldenberg dadurch wächst und wächst? Und dem keine Bank einen bezahlbaren Kredit geben möchte, der seine Zinslast eindämmt?

Einem Staat geht es nicht anders, wenn seine Bonität ins Bodenlose fällt – gesteuert von Ratingagenturen, die Hand in Hand arbeiten mit den Zockern, die an den daraufhin ansteigenden Renditen der Staatsanleihen kräftig abkassieren. Ja, das ist eine Vermutung oder sogar eine Anklage. Aber mal ehrlich – liegt der Verdacht nicht nahe? Schaut man auf die Machenschaften bei Goldman Sachs und Herrn Paulsons Hedgefond, kann man doch wirklich nicht mehr so blauäugig sein zu glauben, dass die Finanzwelt kein geschlossenes System darstellt mit ihren ureigenen Regeln, die vor allem sie selbst reguliert und ihren Beutel immer mehr anschwellen lässt.

Macht die Augen auf Ihr Demokratiegläubigen und seht, welche Macht Euch steuert, Euch ausblutet, eine Macht, der es völlig gleichgültig ist, wen die Armut trifft, die in der Folge von Finanzkrise, Wirtschaftskrise, Staatenpleiten wie eine Epidemie um sich greifen wird. Können einem die Politiker nicht schon leid tun, denen zwar ihr Machterhalt durchaus wichtig ist, die aber gerade deshalb verzweifelt versuchen müssen, zu retten, was zu retten ist? Sie sind immer einen Tick zu spät, können nur reagieren, statt zu gestalten, was doch der politische Anspruch schlechthin ist. Sie werden dicker oder schmaler, treiben am Rande des Herzinfarkts dahin und ahnen doch, dass nicht mehr viel zu retten ist. Ist das die Katharsis, die nach dem babylonischen Sprachengewirr und ständiger Unzucht nötig ist? Ja – für diejenigen, die es verdient hätten, tausendmal ja. Sollen sie mal in einer einfachen Hütte leben, nicht mal das Notwendigste in Händen habend. Aber leider wird es die nicht treffen, sondern die, die wenig Möglichkeit haben, aus Wenigem Viel zu machen. Die aber haben eine Macht, die nicht zu unterschätzen ist: ihre Stimme, ihre Hände, mit denen sie an den Toren der Kathedralen rütteln können und die größte Macht: die totale Verweigerung, mit der Infrastrukturen lahm gelegt werden können. Die an den  Pokertischen sollten darüber nachdenken, was ihnen blühen könnte, denn auch die Zocker wollen fliegen, fahren, Geld abheben, Essen gehen und einkaufen, sich kleiden, medizinisch versorgt werden. Was wäre, wenn das zum Erliegen käme? Nicht nur die Börsen können abstürzen!!

11
Mai
10

Zurück in die Zukunft

Nach verlorenen Landtagswahlen krabbeln aus den dunklen Gruben wieder die Ewiggestrigen hervor. Sie wittern die Chance, mit alten Denkmodellen die Zukunft zu bewältigen. Da werden Stimmen laut, die fordern, die Zusagen für Einrichtungen für Kinder unter drei Jahren nicht einzuhalten, da das Geld hierfür nicht da sei. Dass der 10prozentige Anteil für Bildung wohl nicht geleistet werden kann, angesichts der prekären Haushaltslage.

Dreimal laut gelacht angesichts solcher Argumentation! Es gab bereits Milliarden für die strauchelnden Zockerbanken, jetzt gibt es wieder Milliarden für die fast gefallenen Staaten der Europäischen Union, die durch konsequente Misswirtschaft – auch wieder mit Hilfe der egozentrisch, Nabelschau betreibenden Banken –  in die tiefroten Zahlen geraten sind. Da wird der Neid anderer Staaten bedient, indem die deutsche Gesellschaft und ihre funktionierende, weil innovative Wirtschaft, in erpresserischer, napoleanischer Manier zur Transferunion gezwungen wird. Wir leben auf großem Fuße, was die Rettung von Banken und maroden Staatshaushalten anderer angeht, stellen aber nicht ausreichend Mittel zur Verfügung, dass gut ausgebildete Frauen in ihren Beruf zurückkehren können, dass Kindern von klein auf eine umfassende Bildung zugute kommt und die Menschen in ihrer Bereitschaft, sich um eine Familie zu kümmern, gewürdigt werden. Letzteres ist ja nicht Selbstzweck der Vermehrung der eigenen Gene, sondern absolut unerlässliches Mittel, eine Gesellschaft am Leben zu erhalten und vor allem die Gemeinschaft von Alt und Jung solidarisch auszubalancieren.

Stimmen, die sagen, dass vor allem die CDU/CSU ihre Wählerschaft verunsichere, weil sie ihr angestammtes Profil so verändert habe, dass sich christlich orientierte, einem traditionellen Rollenbild verbundene Menschen darin nicht wieder fänden, sollten lieber schweigen. Denn, Herr Koch, haben Sie noch nicht bemerkt, dass die Zeiten sich rasant verändert haben? Dass gerade die christlichen Institutionen sich auf mehr und mehr schwankenden Boden bewegen, weil ihre jahrzehntelange Heuchelei sie durch die offen gelegten Skandale geradezu in ein Misstrauensvotum führt? Dass damit Institutionen wegbrechen, die einmal Garant für Moral und Sitte waren und zumindest halbwegs den menschlichen Makel kitteten? Merken Sie nicht, dass Frauen nicht mehr nur die Starken hinter einem starken Mann sein wollen? Dass Familie ein paritätisches Unternehmen geworden ist, in welchem Mann und Frau gleichermaßen zum Wohle der Kinder beitragen? Dass unsere Kinder längst Gefahr laufen, verloren zu sein, wenn ihnen nicht von Beginn an Aufmerksamkeit und Förderung von allen Teilen der Gesellschaft entgegengebracht wird?

Unsere Gesellschaft braucht Kinder, um das Gleichgewicht zwischen Alt und Jung aufrechtzuerhalten, nicht nur aus volkswirtschaftlichen, auch aus zutiefst menschlichen Überlegungen. Es geht um Verantwortung und Fürsorge, die jeden in der Gesellschaft zu etwas Größerem als ihn selbst beitragen lässt und Mensch sein und werden lässt. Aufgabe der Politik ist, den Rahmen hierfür bereitzustellen, damit dieser menschliche Prozess möglich wird. Sie muss für Sicherheit, auch soziale Sicherheit sorgen und mit Recht und Gesetz den Schutz ihrer Befohlenen gewähren. Ihre Aufgabe ist es nicht, ideologische Modelle mit Macht durchzusetzen.

Zum Glück sind die Zeiten nicht mehr zurückzudrehen, der dialektische Prozess ist längst auf einer anderen Ebene angelangt, in der neue Fragen gestellt werden müssen, andere Modelle erforscht werden müssen. Veränderungen entwickeln ein dynamisches Moment, das nicht durch tiefschwarze Vorstellungen verdeckt oder gar wegpolitisiert werden kann. So wird es ein zurück in die Zukunft nicht geben.

08
Jul
10

Im Anfang war das Wort…

Die Geschichte des Lebens muß wohl neu geschrieben werden. Synthetic Genomics, die Firma eines Forschers, den viele als den modernen Frankenstein ansehen, hat begonnen, Leben neu zu definieren. Graig C. Venter mag als Monster erscheinen, weil er ein scheinbar ungeschriebenes Gesetz aufzuheben scheint: Gott, oder dass, was jeder aus seiner Perspektive dafür hält, ins Handwerk zu pfuschen.

Zu zeigen, dass Leben nicht nur eine Mischung aus Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff, Stickstoff, Phosphor und etwas Schwefel ist, war sein Ziel. Dass es auch schon in Urzeiten einem Code gehorchte, der entwickelt werden musste, um die Bestandteile zu einem organischen Ganzen zu machen, das sich mit rasender Geschwindigkeit vervielfältigte und ausbreitete. Nun haben die Forscher unter Leitung dieses Grenzüberschreiters gezeigt, dass Leben aus synthetischer Information, die in einem Computer generiert wurde, neues Leben erzeugen kann. Wie finden Sie die Vorstellung, dass in Zukunft eine Computerdatei die Eltern von Babys sein könnten? Nunja, bis dahin wird noch ein langer Weg sein, doch die Tür dahin ist aufgestoßen. Wie der Entwicklung der Atombombe nicht Einhalt geboten wurde, so wird auch der Traum vom gestalteten Menschen nicht wieder in der Versenkung verschwinden. Zu verführerisch für die Forscher, die Grenzen der Natur zu überwinden. Aldous Huxleys „Schöne neue Welt“ grüßt schon lange nicht mehr aus der Ferne.

Leben ist Information, behaupteten schon vor einiger Zeit Biowissenschaftler, nun wird das biblische Wort „Im Anfang war das Wort“ geradezu Programm. Was, wenn wir beliebig dieses „Wort“, diesen „Code“ verändern können? Sicher, man könnte wahrscheinlich viele die Menschen plagenden Leiden und Krankheiten ausmerzen. Weitergedacht hieße dies aber auch, dass Fortplanzung gezielt geplant und sogar eingeschränkt werden müsste. Das hieße auch denken, was mit all den Menschen, die nicht mehr krank oder alt werden geschehen soll? In Huxleys Buch werden sie in sogenannten „Moribundenkliniken“ ins Jenseits befördert, das man ihnen lange genug mit der entsprechenden Droge schmackhaft gemacht hat. Soweit die menschenverachtenden Szenarien, denen nur Staatspersonen mit den integersten Absichten und einer unerschütterlichen Ethik beikommen können. Gott – oder besser noch wir in Eigenverantwortung –  müssen dafür sorgen.

Die Faszination aber, dem Wesen allen Lebens und Seins auf die Spur zu kommen, ist nicht nur für die Forscher der unterschiedlichsten Wissenschaften ungebrochen. Wer wollte nicht wissen, was ihn im Innersten zusammenhält? Was Leben ist, warum wir hier sind, warum wir so sind, wie wir sind und wie wir unser Sein besser gestalten können? Vor allem, wie wir uns vom Leiden befreien können, um zu dem werden, was wir wirklich sind? Harren wir der epochalen Entdeckungen, die noch auf uns zukommen. Vielleicht ist alles anders, als wir es uns bisher vorgestellt haben und wir müssen eine kopernikanische Wende vollziehen. Leben ist aufregend – das ist unbestritten.

13
Jun
10

Denk ich an Deutschland in der Nacht….

„Denk ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht….“

(Heinrich Heine, Deutschland, Nachtgedanken)

Was geschieht in Deutschland? Was macht die Politik, sprich diejenigen, die auserkoren wurden, die vielzitierten „Menschen“ zu vertreten? Und zwar in allen Belangen des inneren und äußeren Geschehens. Da fliehen die höchsten Vertreter aus ihren Ämtern und hinterlassen Lücken, die eifrig wieder gefüllt werden sollen. Dabei entsteht ein hoffnungsloses Herumstolpern und Drumherumgerede. Die Journalisten – eigentlich der objektiven Berichterstattung verpflichtet – beteiligen sich an den Machtspielen, der Hatz auf den- oder diejenige, den gerade ins Kreuzfeuer der Kritik Geratenen – von sogenannten Parteifreunden und den in der Gegenüberstellung dann halbwegs ehrlich daherkommenden Gegnern. Es geht um Schlagzeilen, um Königsmörder und – Macher. Was ist schon Wahrheit? Wahrheit ist immer das, was jemand gerade zu wissen glaubt, immer im Bannkreis mangelhafter Informationen. Und Wahrheit ist das, was dem eigenen Ego am meisten goutiert.

Begreift keiner dieser Beteiligten, dass es wirklich ernsthafte Probleme zu lösen gibt? Da ist die noch nicht ausgestandene Finanz- und Wirtschaftskrise, deren kleine, aber stetig schwelende Brandherde bald wieder enorm zu zündeln beginnen. Da ist die Eurokrise und besonders die Eurostaatenkrise, in deren Schlange zur Pleite sich schon die nächsten Staaten einreihen. Wäre das nicht Grund genug, dass sich alle schlauen und halbwegs schlauen Köpfe zusammensetzten und in gemeinsamem Krisenbrainstorming nach den tragfähigsten Lösungen suchten? Hätten die in das demokratische System vertrauenden Bürger das nicht verdient? War das nicht der Auftrag, als sie die vermeintlich Besten in die Machtzentren schickten? Was geschieht nun dort?

Eitelkeiten, Befindlichkeiten und Machtspiele wie im Sandkasten der Kinder um das jeweils bessere, schönere Förmchen sind zu beobachten. Kopfschüttelnd sieht das Volk, wie eine Fehlentscheidung die andere jagt. Und gibt es mal einen integren Versuch, beispielsweise dem Lobbyismus der Pharmaindustrie beizukommen, dann wird die Person, die das versucht, aus den eigenen Reihen diskreditiert und entwürdigt. Wo sehen wir Kooperation und gemeinsames Anpacken in diesen Zeiten?

Und die Presse lässt sich zum Handlanger parteipolitischer Machtspiele machen, ja schürt sie auch noch. Statt besonnen und distanziert zu berichten und auch mahnend einzugreifen, wird ein Hauruckjournalismus praktiziert, welcher der yellow press alle Ehre erweist. Wenn Macht offensichtlich in den neuen Kathedralen der Macht, den Banken verwaltet wird und die politische Klasse hilflos und inkompetent wirken lässt, so wird jetzt Wahlkampf in den politischen Medien betrieben – eine erneute Bundestagswahl befördernd, wenn nicht sogar herbei schreibend.

Wenn sturmerprobte und eigentlich kritikresistente Politiker diese inneren und äußeren Gemeinheiten nicht mehr aushalten und die Flucht ergreifen, ist eine neue Zeit herangebrochen, die nichts Gutes hoffen lässt: Denk ich an Deutschland in der Nacht….

16
Jun
10

Abseits

Die Abseitsregel ist den meisten Laienfussballern und hie und da auch den besserwisserischen Schiedsrichtern auf dem Platz ein Buch mit sieben Siegeln.Geht es dann um das passive Abseits im unterschiedlichsten Geschehen beim fussballerischen Gewusel, dann scheiden sich die Geister in Kenner, Ahner und völlig Ahnungslose. Ich gehöre keineswegs zu den Kennern, meine aber, ein deutliches Abseits im Spielgeschehen gut zu erkennen – manchmal sogar ein passives Abseits.

Auch ein gutes Pass- oder Doppelpassspiel ist mir nicht fremd, ein Foul kann ich ebenfalls von einer kleinen Rempelei unterscheiden. Ein spielerisch langsames, nicht gerade dem südamerikanischen Temperament frönenden Spiel einer Mannschaft kann ich – dachte ich bisher – auch von einem zwar Tore produzierenden, aber doch etwas träge daherkommenden Spiel unterscheiden. Dachte ich. Bisher.

Dann aber erklärt mir Mann die Welt, in der er sich heimisch fühlt: den Fussball. Ich kann kaum meine – wie ich meine doch nachzuweisende – Begründung meiner Ansicht an den Mann bringen, da bricht ein Argumentationsgewitter über mich herein. Von „Turniermannschaft“ ist da die Rede (was hat das jetzt mit dem Spieltempo zu tun?), von „jungen Leuten“ wird gesprochen (die sollten eigentlich noch schneller laufen können, oder?) und „erstes Spiel“ (was ändert das daran, dass es hätte schneller sein können?). Dann höre ich, dass „alle Kommentatoren“ – dieses von mir gerade leicht kritisierte Spiel – „äußerst positiv“ beurteilt hätten (nun ja, was hätten die wohl von sich gegeben, wenn es nicht die Tore gegeben hätte?)„ dass der Spielaufbau sehr besonnen gewesen sei“ (stimmt ja, aber halt langsam…). Ich seufze und schweige. Gegen derart fundierte und ausgewogene Sachkenntnis erkläre ich mich geschlagen.

Zum Glück gab es kein Streitgespräch über Abseits, denn der Schiedsrichter hat richtig gepfiffen und alle (sogar ich) waren damit einverstanden. Wehe, wenn wir hätten definieren müssen, warum es möglicherweise kein Abseits gewesen sei!

Wir wären in die Abseitsfalle gerannt, blind, aber überzeugt…

08
Jul
10

Reif für den Sommer

Hier kommt der Sommer! Seit  Monaten haben wir den Pölsterchen und leichten Rundungen an nicht gewünschten Stellen des Körpers eine Kampfansage erteilt. Joggen, Yoga, Fitness und die eine oder andere Diät rückte den unerwünschten Pfunden zuleibe. An den Badeseen, am Meer und in den Schwimmbädern soll schließlich eine gute Figur gemacht werden, die sich auch im Bikini nicht zu verstecken braucht.

Deshalb essen wir makrobiotisch oder praktizieren Lowcarb, bei dem wir vor allem das böse Ende der Ernährungspyramide auf das Entschiedenste meiden. Denn da stecken die Dickmacher, die sich im ach so unschönen Hüftgold niederschlagen. Sollte das mal nicht gelingen, quälen wir uns auf die Joggingstrecke oder ins Fitnessstudio, denn der Sommer muss mit der besten Figur aller Zeiten begrüßt werden. Locken doch bezaubernde Seen, die Strände am Mittelmeer oder auch nur das heimische Schwimmbad als Schauplätze zur Vorführung des knappsten Kleidungsstückes der Welt. Zu dieser aufregenden Präsentation ist es nicht immer ein leichter Weg, doch selbst Sportmuffel könnten sich verführen lassen und aller Trägheit die Gesellschaft kündigen.

Wem spazieren gehen zu langweilig und Joggen zu anstrengend ist, kann sich ja der immer größer werdenden Nordicwalking-Gemeinde anschließen und die Kalorien in Windeseile zum Verschwinden bringen. Wer alldem nichts abgewinnen kann, lässt sich mit Lipomassagen verwöhnen, die unter anderem bewirken sollen, dass wir unsere Arme auch getrost beim Winken zeigen können. So allseits gestählt erfahren wir ein völlig neues Körpergefühl. Dieses mit großem Selbstbewusstsein zu präsentieren, darf uns keinesfalls schwer fallen, denn Ausstrahlung ist letztlich alles.

Diese bringen wir an den milden Abenden zur Geltung, in duftigen Sommerkleidern Kunst und Kultur genießend. Freilufttheater, Konzerte aller Art und Ausstellungen stillen nicht nur den kulturellen Hunger, sie lassen uns auch sehen und gesehen werden. Das Sommerfeeling greift um sich. Wenn die City mit Boutiquen und Schuhgeschäften an den Sommertagen zum Shoppen locken, holen wir unsere liebsten Accessoires aus dem Schrank. Es sind diese verteufelt schönen, zarten, Gebilde, in welchen wir unsere – oft mit großer Tapferkeit – enthaarten Beine zur Schau tragen. Leider hat so manches Altstadtpflaster kein Einsehen mit diesen fragilen Wesen und raubt ihnen regelmäßig die winzigen Absätze und entblößt das zarte Leder bis auf den nackten Kunststoff darunter. Dann wird unser elegantes Dahinschweben durch rauen Untergrund zunichte gemacht und lässt uns zarte Wesen in den schönsten Nebenächlichkeiten der Welt dahinstaksen, immer besorgt, in den Zwischenräumen des Pflasters nicht steckenzubleiben. Sind wir dann endlich unfallfrei im gewünschten Geschäft oder Lokal gelandet, können wir nur noch den Schaden an den schimmernden, glitzernden Highheels berechnen.

Dennoch lassen wir uns die Laune nicht verderben und wehren diesen permanenten Angriff auf unser Lieblingsaccessoire bei der nächsten Shoppingtour in die Stadt mit Ballerinas oder glänzenden Flip-Flops ab. Dank sei den Designern, die auch diese Fußbanalitäten so zu stylen wissen, dass man sich in ihnen durchaus zeigen kann.

So sind wir mit allen Fasern gewappnet, diese wundervolle Sommerzeit in vollen Zügen zu genießen!

Sophia Jung

28
Aug
10

Sophia Jungs Visionen – Der Aufstand der Tiere

Stellen wir uns vor, die Tiere würden die Herrschaft ergreifen und uns Menschen als brauchbare Arbeitskräfte, Energiespender und zudem als äußerst schmackhafte Mahlzeiten entdecken. Die Empörung wäre über die Maßen groß, Armeen würden mobilisiert werden, um diese Hybris und Brutalität einzudämmen. Wie können diese Barbaren es wagen, intelligentes Leben zu missbrauchen, zu quälen und zu vernichten?

Nur Gewohnheit verhindert, dass wir um 360 Grad denken und uns die Frage stellen:

„Ist das Quälen der Tiere und ihre Vernichtung zu unserem vermeintlichen Wohlergehen wirklich in diesem Ausmaße nötig und vor allem: ist das richtig?“ Eingefahrene Verhaltensweisen bedeuten nicht gleichzeitig, dass es ethisch und moralisch richtige Verhaltensweisen sind.

Ein gequälter Stier in Madrid stürzt sich mit ganzer Kraft über eine Balustrade hinweg in die Menschenmenge – kann dieser Stier etwa fühlen, denken, ist ihm endgültig stellvertretend für seine Leidensgenossen die Hutschnur gerissen? Was, wenn dies immer öfter geschieht und sich die gequälten Kreaturen gegen ihre Peiniger wenden?

20
Okt
10

Flirten falsch gemacht

Männlein und Weiblein müssen, wollen zueinander finden. Dies hat die Biologie so festgelegt. Seit Jahrtausenden drängen sie einander entgegen und nicht nur, weil der Mensch ein Zoon Politicon, ein Gemeinschaftswesen ist, wie uns Aristoteles bereits vor zweieinhalb Tausend Jahren lehrte. Nein, es ist diese Anziehungskraft des anderen, des ach so anderen, die eine manchmal unwiderstehliche Triebkraft entwickelt.

Nun treibt aber das Sich-Suchen und Sich-Finden so manch abartige Blüten. Aus weiblicher Sicht wird dann mit Verwundern festgestellt, mit welch unbeholfenen und manchmal gar derben Mitteln das starke Geschlecht versucht, das Andere, das Weibliche für sich zu gewinnen.

So mancher scheint sich eher auf einem Feldzug, als auf einem Eroberungszug zu befinden. Da wird grob geschubst, einfach der Arm ergriffen, mit einem nicht enden wollenden Redeschwall die Schlacht eröffnet, dass mit Intelligenz ausgestattete Frau nur staunen kann und vor Entsetzen die Flucht ergreift. Obendrein sind es nicht die schönsten und intelligentesten, die zu derartigen Mitteln greifen, nein, es sind eher diejenigen, die anspruchsvolle Frauen von sich aus oftmals gar nicht wahrnehmen würden, die besonders dreist daherkommen. Und weit gefehlt, dass die Ablehnung, auf die sie dann stoßen, sie dann einbremsen würden in ihrem Feldzug, nein, das Gegenteil ist der Fall. Je mehr Widerstand, desto intensiver wird Frau beackert, mit Blicken, mit Worten, mit ungebetenem Anfassen.

Sie machen alles falsch, was man nur falsch machen kann beim Flirten, beim Erobern und merken es nicht einmal. Dies legt den Schluss nahe, dass es kompatible Gefährtinnen geben muss, denen diese Dschungelaktivitäten gefallen. Leider scheinen die archaischen Gesellen aber nicht auswahlfähig zu sein und stürzen sich auf alles Weibliche, das in ihr Gesichtsfeld gerät und je unerreichbarer die Begehrte ist, desto mehr laufen sie zu ihrer vermeintlichen Hochform auf. Da helfen keine Einwände, kein Abwenden, kein Erklären – im Sinne Schillers ausgedrückt „Mit der Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens…“

So beobachtet und vermerkt und mit Grausen abgewendet….

03
Nov
10

Schön geheuchelt….

Das Buch Thilo Sarrazins „Deutschland schafft sich ab“ hat große Wellen der Empörung in der Politik und der Gesellschaft geschlagen. Doch was sehen unsere erstaunten Augen und hören unsere offenen Ohren in den Wochen nach der Veröffentlichung und der öffentlichen Debatten? Die Politik macht in der Integrationspolitik plötzlich mobil, will strenger bestimmen, wer ins Land darf und wer im Land bleiben darf. Denkt über Sanktionen für Integrationsunwillige nach, bastelt an einem Punktesystem für wertvolle Mitglieder unserer Gesellschaft, die aus dem Ausland kommen, sucht händeringend Fachkräfte – jedoch nur diejenigen, die gesellschaftlich auch kompatibel sind und erlässt ein Gesetz gegen Zwangsverheiratungen, das längst überfällig war.

Ein Schelm, wer Böses dabei denkt, dass all diese Maßnahmen in einer für politische Prozesse affenartigen Geschwindigkeit daherkommen.  Sollte der ach so ungeliebte Herr Sarrazin den Damen und Herren im politischen Berlin plötzlich Beine gemacht haben, weil Volkes Stimme so dramatisch geschlossen hinter dessen Aussage zu stehen schien? Nein, nein, diese Entwicklung hin zu geforderter Integration hat sich schon lange angebahnt, wäre die Antwort auf solche Einwürfe, und fällt nur ganz zufällig in den Zeitraum der Veröffentlichung von Sarrazins Thesen zur nicht funktionierenden Multikultigesellschaft. Es darf nun mal nicht sein, was nicht sein darf: dass unbequeme Wahrheiten drastisch ausgesprochen werden und sie obendrein nicht aus der politischen Klasse stammen. Denn diese bewegt sich ja nun meistens im Eiertanz um das goldene Kalb der Wählergemeinschaft, die es nicht zu verärgern, sondern wohl zu stimmen gilt. Doch wie seltsam mutet es an, dass die harsche Kritik und die Verbannungszenarien gegen Herrn Sarrazin so ganz nebenbei auch zum Erliegen gekommen sind? Nein, ein Schelm, wer Böses dabei denkt…

04
Nov
10

Greifbare Bedrohung

Die jüngsten – als „Terrortestläufe“ diagnostizierten Bedrohungen islamistischer Herkunft lassen ahnen, wie nah unseren offenen Gesellschaften diejenigen kommen, die bei aller Überwachung deren fragile Systeme empfindlich stören, ja zerstören wollen. Wobei – „zerstören“ nicht die Absicht sein dürfte, die dahinter steckt. Denn wäre das so, könnte man die gut organisierten und funktionierenden Systeme nicht mehr für die eigenen Zielsetzungen einsetzen. Der vermeintliche Glaubens- bzw. Wertekrieg als Auslöser ist mit hoher Wahrscheinlichkeit das Vehikel, auf dem Terror zwar daherkommt und welches – wie immer in solchen Fällen – die Dummheit der Masse instrumentalisiert, um ganz andere Intentionen zu befördern.

Wer meint, dies sei ein Krieg der Kulturen oder gar der Religionen, ist wahrscheinlich schief gewickelt. Die Geschichte zeigt, dass es in den meisten Fällen der Über- und Einfälle in andere Länder, in andere Kulturen, vorrangig um Macht und vorrangig um Ressourcen ging. Der Neid, den diese bei den späteren Eroberern erzeugte, blickte diebisch auf den Reichtum und das Machtpotenzial der Stärkeren. Terror ist nur eine andere Form eines unausgesprochenen Eroberungskrieges, der dann im Falle der islamistischen Bedrohungen im Mäntelchen eines heiligen Krieges gegen das Böse daherkommt.

Er wird verbrämt mit einer Ideologie, die bei den willfährigen Mitläufern in Hass und blindem Agieren mündet und die jedwede Reflexion über die lange stereotyp verbreiteten Thesen verhindert. Die Gehirnwäsche beginnt ja schon in den Hirnen der Jüngsten, die nur in eine Denkrichtung ausgebildet werden. Schlimm genug, dass der Koran, so wie in anderen „Glaubenskriegen“ die Bibel dafür herhalten muss.

Falsche Theorien, gepaart mit Emotionen sind die Waffen, mit denen die Anführer operieren. Diese mobilisieren Massen, richten sie aus wie ein Magnet die Eisenspäne ausrichtet, um sie dann in Zielstellung zu bringen. Eroberungs- und Vereinnahmungsabsichten sind aus der Sicht der Eroberer nicht verhandelbar – sie sind ja im Recht. Deshalb greifen political correctness gegenüber islamistischen Gruppierungen und Diplomatie nur in den geringsten Fällen, wenn überhaupt. Die Wucht der zerstörerischen Überzeugungen ist nicht zu unterschätzen und die Gnadenlosigkeit, wie Andersdenkende schlechter als Vieh behandelt werden, ebenfalls nicht. Der Verstand scheint ausgeschaltet. Dies ist Bestandteil jeder Ideoligisierung, deren Ziel es ist, die Mitglieder der Bewegung auf Spur zu bringen und mit Autoritätsszenarien zum blinden Gehorsam zu bewegen.

Doch verfolgt man die Absichten zu ihrem Ursprungspunkt und benennt diese klar und deutlich, sollte sich viel von der Verwirrung über den Krieg der Kulturen auflösen lassen. Es geht nicht um Religion, um Kultur, um Werte. Es geht um Macht, Reichtum und damit um Zugriff auf Ressourcen. Da diese das Überleben jeder Kultur, jedes Staates garantieren, diese aber immer knapper werden, wird es mehr und mehr Verteilungskämpfe geben. Die einen werden mit viel List, Schläue, Skrupellosigkeit und immensen Devisenreserven ausgefochten (siehe China), die anderen kommen etwas schlichter, steinzeitlicher, aber nicht minder zerstörerisch in ihren Absichten daher. Beiden Systemen ist eigen, dass sie Menschen „verschwenden“ können – es gibt ausreichend und nachwachsend und sie haben keinerlei oder nur ausgesprochen geringen Wert. Dies ist eine weitere Gefahr für unsere modernen, offenen, durch die Aufklärung geprägten Systeme. Wir haben uns lange schon getrennt von derartigen „Wertvorstellungen“ und sind dadurch aber in unserer menschenrechtlichen und demokratischen Haltung verletzlich geworden. Unsere offenen Gesellschaften und unsere Grundhaltungen sind unsere Achillesferse. Und dennoch dürfen, sollen wir diese Errungenschaften nie wieder aufgeben, müssen sie aber sichern. Dies kann nicht allein von der Politik und ihren Organisationen geleistet werden. Wenn jeder Bürger dieser demokratischen Gesellschaften genau hinschaut, die Dinge beim Namen nennt und sich vor allem für politische Prozesse interessiert, kann das durchaus den Widerstand in erheblichem Maße auslösen. Nur solches Mitdenken und Mitreden kann verhindern, dass Eroberer jeder Couleur letztlich erfolgreich sind. Der Widerstand kann und muss von unten wachsen und sich ausbreiten und von den politischen demokratischen Parteien unterstützt werden.

Wie man am Beispiel Irans gesehen hat, können – zumindest kurzzeitig – selbst in einem nichtdemokratischen System Bürgerwiderstände erfolgreich sein. Die modernen Kommunikationsmedien machen es möglich und werden hoffentlich weiter genutzt, um die Wahrheit ans Licht zu befördern.

04
Nov
10

Eine Liebeserklärung….

Auf einem Flug mit der Continental-Airlines nach NewYork forderte am Ende des Fluges der humorvolle Stewart die Passagiere auf, Ihr Buch „auszuschalten“ und kommentierte diese Anweisung schmunzelnd damit, zu gestehen, dass er sich nie hätte vorstellen können, einmal sagen zu müssen „bitte schalten Sie Ihr Buch“ aus.

In der Tat saßen in unserer Umgebung einige Mitreisende, die während der Reise in ihren E-Books lasen und so ihre welch auch immer geartete Literatur konsumierten.

Wir zogen die altmodische Variante eines Taschen- oder Hardcoverbuches vor.

Ist das nicht ein wunderbares Gefühl, ein Buch in den Händen zu halten, dass man – mehr oder weniger raschelnd – umblättern kann, in welches man sich kleine Zettel heftet, oder Zeilen markiert, oder auch nur ein Lesezeichen versteckt? Ich für meinen Fall fühle mich dem Autor oder der Autorin näher, wenn ich das Papier fühle, geräuschvoll hin- und herblättern kann, das Buch zuklappen kann, und es nicht „ausschalten“ muss. Dann liegt es auf meinem Schoß oder auf meinem Schreibtisch oder fällt abends aus meinem Bett, ohne dass die Elektronik Schaden nimmt. Es kann jederzeit wieder aufgeweckt werden, indem ich nur die Seiten aufschlage. Ich liebe Bücher zu fast allen Themen, kann ihnen kaum widerstehen, weshalb ich meist weiträumig die auf mich magnetisch anziehenden Buchhandlungen der Städte, in denen ich bin, umgehe, um nicht wieder in Versuchung zu geraten. Denn dieses der Versuchung nicht widerstehen können endet immer in der Tatsache, dass sich ein oder zwei oder noch mehr neue Bücher in meiner Tasche befinden, deren stolzer Besitz mich bereits mit Vorfreude erfüllt. Diese ist manchmal kaum zu bremsen und wenn ich dann – glücklicherweise – Bus oder Zug fahre, werden die Bücher hastig ausgepackt, um sofort darin zu stöbern.

Kann ein E-Book diese Sinnlichkeit vermitteln? Ich finde „Nein!“. Das Fühlen und Betrachten des Umschlages, das Lesen des Klappentextes und dann die ersten neugierigen Blicke über das Sachregister oder die ersten Zeilen eines Romans. Es ist, als ob mich nur wenig trennt vom Schreibenden, Denkenden des für mich neuen Werkes. Deshalb kommt für mich ein Lesen eines Buches auf einem elektronischen Gerät nicht in Frage. Diese Kälte, die dieses ausstrahlt, würde mir das genussvolle Lesen verderben und: ich will mein Buch mit ins Bett nehmen und darüber einschlafen, wenn ich will, ohne etwas zu beschädigen, außer vielleicht einen kleinen Knick auf der noch aufgeschlagenen Seite zu verursachen. Ich liebe Bücher, gedruckte Bücher!!

09
Nov
10

Raubritter weltweit unterwegs….

Land und Wasserreserven werden immer mehr zu einem der höchsten Güter dieses Planeten. Deshalb schrecken korrupte Regierungen und skrupellose, gierige, weltweit operierende Unternehmen zunehmend nicht mehr vor räuberischen, gewalttätigen Maßnahmen zurück, um sich zu bereichern. Die jüngsten Landräubereien in Kambodscha, die den bescheidenen Wohlstand vieler Bauern zunichte machten und sie jeglicher Existenzgrundlage beraubten, sind Zeugnis dafür. Daran beteiligt ist ein thailändischer Konzern, der im großen Stil Zuckerrohrkulturen anbaut, und die Bauern mit Hilfe des Militärs vertreiben liess. Dahinter stehen aber auch Großinvestoren, wie beispielsweise die Deutsche Bank mit ihren DWS-Fonds, wie „Report Mainz“ recherchiert hat.

Diese Entwicklung ist mit großer Besorgnis zu betrachten, da Land und auch Wasser knapper werden, werden wir es mit mehr und mehr Verteilungskämpfen zu tun bekommen. China ist eines dieser hungrigen Raubtiere, das zunehmend große Flächen in Afrika aufkauft und sich damit das Überleben des eigenen, stetig wachsenden Volkes sichern will.

Es sind die reichen Länder, die sich Ressourcen in den Entwicklungsländern erkaufen wollen, und die dabei oft unter der Flagge der „Entwicklungshilfe“ oder „Investitionshilfe“ für die jeweiligen Länder segeln. Das mag auch zutreffend sein für einige der global operierenden Unternehmen und zeitweilig für die jeweilig betroffene Landbevölkerung zum Besseren führen. Vorrangig sind jedoch weitgehend eigene Interessen der Unternehmen und jeweiligen Regierungen. Das heißt, Nahrung für das eigene Land, erhöhtes Kapital und Devisen durch aggressiven, keineswegs umweltschonenden Anbau. Nach uns die Sintflut ist im wahrsten Sinne des Wortes das Motto, das vielen dieser „Ankäufe“ zugrunde liegt.

Regierungen der Entwicklungsländer, die das zulassen, untergraben die Existenzgrundlage ihres eigenen Volkes. Ganze Heerscharen von Kleinbauern werden in die Armut und Hoffnungslosigkeit gestürzt. Böden werden gnadenlos ausgebeutet und erodieren. Land wird weniger und weniger… und im Jahr 2050 wird dieser Planet prognostizierte 9 Milliarden Menschen zu ernähren haben. Wird dieses Raubrittertum aufzuhalten sein im globalen Kampf um Ressourcen?

Nur wenn eine Umkehr im Denken stattfindet, werden Kriege um Wasser und Nahrung aufzuhalten sein. Wir alle bewohnen diesen wunderbaren Planeten und sollten in die Zukunft denken, in der wir und unsere Kinder und Enkel gesund leben wollen. Wasser ist zwar inzwischen zum Menschenrecht deklariert worden, dennoch wird Wasser vielerorts privatwirtschaftlich „verwaltet“, d.h. es ist mehr und mehr ein Mittel zum Profit geworden. Nicht nur Regierungen und Firmen müssen ethische Standards einführen, jeder einzelne sollte sich interessieren, wie mit den knapper werden Ressourcen unserer Heimat umgegangen wird. Wie die „Occupy Wallstreet“-Bewegung zeigt, können sich Menschen in der ganzen Welt solidarisieren und etwas bewegen. Gemeinsam sind wir stark und können Dinge verändern, die jeden von betreffen -früher oder später. Wir können uns nicht darauf verlassen, dass die netten Aliens kommen und uns retten, wenn unserem Planeten die Luft ausgeht.

15
Nov
10

Die nächste Krise kommt bestimmt….

Nicht nur Griechenland taumelt, auch Irland und Portugal kämpfen um Haltung. Die Besorgnis im Euroraum wächst, dass ein über seine unermesslichen Staatsschulden stolpernder Staat im Dominoeffekt die anderen Wackelkandidaten im Schuldental mit in den Abgrund reißen könnte.

Noch wollen die Staatschefs der weniger verschuldeten Staaten dieses Szenario nicht einmal denken, geschweige denn aussprechen, doch die Zeichen mehren sich, dass der Dominoeffekt nicht weit entfernt ist.

Das ruft wieder die Zocker auf den Plan, in der Hoffnung, den eigenen Säckel mit den Schulden anderer gut füllen zu können. Die Kosten für Kreditausfallderivate (CDS) steigen stetig und man kann nur ahnen oder schlicht befürchten, in welchen Wertpapierbündeln sie versteckt werden, um sie den ewig Gierigen und gleichzeitig Nichtsahnenden ins Portfolio zu mogeln. Kennen wir das nicht irgendwie von der kaum überwundenen Finanzkrise, die am unteren Ende der Nahrungskette immer noch zu spüren ist? Die Staaten haben in der Finanzkrise bereits die Banken gestützt, dies hat – neben allen möglichen anderen Sünden ihrer Haushaltsführung – das Defizit in ihrer eigenen Bilanz erheblich vergrößert. Struktur- und wirtschaftsschwache Länder wie Griechenland, Portugal und auch Irland müssen nun ihrerseits mit hoher Wahrscheinlichkeit vom Rettungsfond der Euroländer gestützt werden. Und die Zentralbank druckt dann halt einfach Geld – die Amerikaner machen das ja auch.

Wo soll das hinführen? In die nächste Krise selbstverständlich. Macht uns das etwas aus? Nein, denn wir verstehen es nicht. Diese Komplexität der Aktien- und Anleihenmärkte und die Winkelzüge der Staatslenker sind für das Volk nicht zu durchschauen. Also schaut es weg, hört nicht hin, will nichts davon wissen und denkt, was sollen wir daran ändern? Wir können uns nur mitverschulden, denn es wird uns ja vorgelebt, dass man nur durch Schulden angeblich Vermögen schaffen kann – investieren nennt man das. Wir sollen die Wirtschaft ankurbeln, wir sollen kaufen, kaufen, kaufen. Dass nicht nur die Staaten, sondern auch viele von uns damit auf Sand bauen, kommt nur Wenigen in den Sinn. Die Ängste werden tapfer verdrängt und Kassandrarufe abgeschmettert. Doch die nächste Krise kommt bestimmt. Sie klopft schon an die Tür…..

18
Nov
10

Schluss mit der falschen Toleranz

Alles, was im Namen eines Gottes oder eines seiner Propheten geschieht, das zur Vernichtung, zur Degradierung und zum Töten anleitet, geschieht aus niederen Motiven. Es geht ausschließlich um Macht, um Unterdrückung, um Unterordnung, Eroberung, Knechtung – um alles, wodurch die einen sich mächtig und die anderen sich klein, demütig und untergeordnet fühlen.
Und ein Gott, wenn es diesen überhaupt gibt, außer in den Köpfen von Menschen, wurde nie gefragt oder er hat nicht geantwortet. Denn er wäre – wenn es ihn gäbe – ein Gott der Liebe. Liebe ist universell, es gibt kein oben oder unten, kein kleiner oder größer. Liebe demütigt nicht, sie verletzt nicht und schon gar nicht tötet sie. Was also im Namen irgendeines Gottes geschieht oder geschehen soll, das Menschen verletzt – sei es seelisch oder körperlich – ist niederträchtig, gemein und entspringt den niedersten Regungen im Menschen.

Lasst es also nicht zu, geht dagegen an, verbietet jede Form von Religion, welche die Freiheit und freie Ansicht eines jeden nicht achtet. Schließt diejenigen, die das nicht befolgen aus den sozialen Netzwerken aus, lasst sie nicht teilhaben am gesellschaftlichen Leben. Zeigt ihnen, dass sie nicht willkommen sind, dass sie im Unrecht sind, steht auf gegen sie und haltet ihnen die rote Karte entgegen. Hört auf mit dieser political correctness und fordert ein, dass jedes Mitglied in einer Demokratie sich gemäß der demokratischen und aufgeklärten Ordnung zu verhalten hat. Benennt die Dinge beim Namen und hört auf mit der falschen Toleranz, die es zulässt, dass sich so genannte „Gotteskrieger“ immer tiefer in unsere offenen Gesellschaften graben und diese von innen heraus zu unterwandern versuchen. Dass auferstandene ewige Gestrige sich Raum und Gehör verschaffen und geduldet werden, ohne dass man ihnen allzu viel Widerstand entgegenhält. Wenn Gesellschaften sich zusammenschließen und demonstrativ zeigen, dass derartige Mitglieder der Gesellschaft nicht erwünscht sind und sie dies immer und immer wieder tun, wird das eines der wirksamsten Mittel sein. Wenn Geldflüsse ausgetrocknet werden, kann das helfen. Viel mächtiger aber ist die Stimme Vieler in den demokratischen, emanzipierten Gesellschaften, die deutlich aufzeigt, welche Verhaltensweisen und so genannten religiösen Kleiderordnungen nicht geduldet werden. Das Burkaverbot in Frankreich war eine konsequente Handlung aus dieser demokratischen Grundordnung heraus.

Gerechterweise sollten dann allerdings alle religiösen Richtungen den Rückzug aus dem gesellschaftlichen Leben antreten. Keinerlei Zeugnisse der jeweiligen religiösen Ausrichtung in Schulen und anderen öffentlichen Gebäuden. Glauben ist eine reine Privatsache, die man nicht verbieten kann, solange sie niemanden an Leib und Seele schadet, die aber nicht staatlich befördert werden sollte. Und sobald Leib und Seele verletzt werden, sollte eine religiöse Gemeinschaft, die das duldet, befördert oder gar fordert, die Bürgerrechte einbüssen. Dies ist die einzige Richtschnur, die es geben darf und an der sich die Toleranz gegenüber Andersdenkenden ausrichten sollte. Sie dürfen anders denken, anders glauben, doch sie müssen sich an die Gesetze der aufgeklärten Gesellschaften halten, in denen sie leben. Schluss also mit der falsch verstandenen Toleranz in unseren offenen Gesellschaften. Diese werden sonst zunehmend zur Zielscheibe derjenigen, die zu glauben wissen, was richtig und was falsch ist und die ihren Gott niemals gefragt haben können. Denn er hätte mit der Liebe für alle Menschen geantwortet und sie wären vor ihm auf die Knie gegangen und hätten beschämt über ihre Vorhaben den Kopf bedeckt.

08
Dez
10

Frauen, die lesen, sind gefährlich…

Der Autor des Buches, das diesen Titel trägt, sähe sich wahrlich für den ersten Teil des Titels bestätigt, hätte er mich heute beobachtet.
Nach einem Geschäftstermin hatte ich es mir in einem der Hamburger Szenelokale für ein spätes Frühstück gemütlich gemacht. Neben Milchkaffee und Obstsalat tauchte ich in einer der führenden Wirtschaftszeitungen ein in die Welt der Finanzen und der Wirtschaftspolitik.
Die Turbulenzen um den Euroraum und drohenden Staatspleiten, vor allem der südeuropäischen Länder zog mich sofort in den Bann. Ist der Euro zu retten oder kehren alle dem Euroraum angehörenden Staaten wieder zu ihren nationalen Währungen zurück? Sollen Portugal und Spanien unter den von den Eurostaaten aufgespannten Rettungsschirm schlüpfen, reicht dieser überhaupt aus, um allen Unterschlupf zu gewähren? Der Anleihemarkt ist zum Stillstand gekommen, die meisten Anleger flüchten in Sachwerte, sprich Aktien, Rohstoffe und Edelmetalle, lediglich die Europäische Zentralbank kauft tapfer Staatsanleihen, um die explodierenden Renditen einzudämmen und den Ländern damit zu ermöglichen, weiteres Kapital am Markt zu beschaffen. Was bedeutet das für uns alle? Wird es demnächst, bald, schon sehr bald die Hyperinflation geben, weil die Europäische Zentralbank durch die Geldentwertung eine gleichzeitige Schuldenentwertung zu erreichen versucht? Diese würde die Staaten von ihren Schulden weitgehend befreien, aber wir armen Sparer hätten dann nichts mehr von unserem gehorteten Geld, denn es wäre immer weniger wert. Was sollen wir nur machen? Nach welchen Experten richten wir uns, um unsere bescheidenen Vermögen für die Zukunft zu retten, wohin mit der Altersvorsorge, den schönen Plänen für ein entspanntes Leben in der Sonne? Sollen wir den Kassandrarufen der Schwarzseher glauben, oder einfach hoffen, dass die Politik es schon richten wird und des Sparers liebstes Kind, das Sparbuch, die Festgeld- und Tagesgeldanlage die richtige Strategie für ein gesichertes Leben im bescheidenen Luxus bleiben wird? Wird unser Geld verbrannt im Flächenbrand der Finanz- und jetzt Staatenkrise? Brennt es nicht schon lichterloh? Während ich immer aufgeregter die Nachrichten einzuordnen versuchte und das Geld aller eifrigen Sparer verbrennen sah, stieg mir Rauch in die Nase. Entsetzt blickte ich auf und sah, dass sich meine Zeitung an der Kerze auf dem Nebentisch entzündet hatte. Wenn das mal keine Warnung war!
Frauen, die lesen, sind gefährlich…

26
Dez
10

Oh, Du Fröhliche…

Die Weihnachtszeit ist die Zeit der Vorfreude und eines gewissen Stresses gleichermaßen – vor allem für die meist weiblichen Organisatoren des gemeinschaftlichen Wohlfühlens und Miteinanderfeierns.
So – wie viele Jahre zuvor – auch dieses Jahr von mir erlebt und unter besonderen Umständen erlitten. Wochenlang vor dem eigentlichen Ereignis liefen neben allen anderen Aktivitäten die Planungen für Zeitpunkt der Anreise, Zusammentreffen der Familienmitglieder, Geschenke, die persönlich beglücken sollten und nicht zu vergessen: die unterschiedlichen Menügestaltungen. Zeit für die viel geliebten Weihnachtsplätzchen musste selbstverständlich ebenfalls berücksichtigt werden. Je näher das Fest rückte, desto mehr hantierte ich mit struktiererten Einkaufslisten, verwarf Vorspeisen oder Desserts, um daraufhin die Einkaufsliste zu revidieren. Der Supermarkt nahm die Bestellung für Ente und Beilagen entgegen, notierte gewissenhaft den Abholtermin.
Nach und nach wurde die Dekoration aus der Kellertiefe ans Licht befördert, denn die Stimmung und Atmosphäre trägt ein Vielfaches zum Gelingen des Festes bei. Zumal wir im sonnigen Spanien leben und von Weihnachtsstimmung mit Weihnachtsmärkten deutscher Couleur, und vor allem Kälte und Schnee nicht viel zu spüren ist.
Und fast wie jedes Jahr geriet ich dann doch noch in den wohl unvermeidlichen Weihnachtsstress. Nicht nur, weil mein Auto eigentlich längst hätte den TÜV passieren müssen und ausgerechnet auf dem Weg dahin auf der Straße liegen blieb und ich lange, viel zu lange auf den Abschleppdienst warten musste, die Werkstatt keinen TÜV-Termin hatte – ausgerechnet nur am Tag des Festes. Bis dahin ohne eigenes Fortbewegungsmittel geriet meine Planung völlig aus den Fugen, so dass die beiden letzten Tage vor dem wichtigsten Ereignis des Jahres mit Besorgungen und Terminen übervoll waren. Da die Winterereignisse dieses Jahr in Deutschland sich auch auf den deutschen Supermarkt hier auswirkten, mussten wir zweimal über die Insel fahren, um endlich die Weihnachtsente in unserem Kühlschrank deponieren zu können.
Dank tatkräftiger Mithilfe aller Familienmitglieder gab es dennoch ein gelungenes Fest – zum Glück muss ich nicht mehr alle glücklich machen wie in früheren Zeiten, als die Großmütter als „Gäste“ zum Fest kamen, die Kinder zu klein zum Helfen waren und mein Liebster das Ganze „Trara“ am liebsten abgeschafft hätte, weil es nicht nur zu einer organisatorischen, sondern auch emotionalen Kleinkatastrophe am Rande des Nervenzusammenbruchs seiner Liebsten ausartete.

Nein, wir haben lange Jahre geübt und die gegenseitige Rücksichtnahme und des Zupackens ist so wunderbar eingespielt, dass das Fest wirklich ein Fest der Liebe war und ist.

Ich allerdings denke mehr und mehr darüber nach, ob nicht weniger mehr wäre und man wirklich stundenlang in der Küche stehen muss, um ein Fest der Liebe zu feiern. Vielleicht sollte man ein Fastenfest daraus machen, um die Sinne zu schärfen und das Wesentliche hervorzuheben.
Ich denke ernsthaft darüber nach und berichte im nächsten Jahr.

Frohe Weihnachten!

04
Jan
11

„Schöne neue Welt“

Die Menschheit hat die 7 Milliardengrenze erreicht – wir vermehren uns exponentiell und es ist keine Rettung in Sicht. Wie soll unser Planet überleben, wenn er so viele Menschen ernähren muss? Wenn sich die Ansprüche der Industriestaaten und der Schwellenländer, die an der Schwelle zu Industriestaaten stehen, entsprechend erhöhen?

Es ist zu vermuten, dass in den geheimen Schubladen der Mächtigen längst Pläne liegen, wie die überbordende Fülle Hungriger eingedämmt werden kann. Aussprechen wird das niemand, nicht einmal laut denken – und dennoch wird es mit hoher Wahrscheinlichkeit diese Pläne geben.
Seien es auch nur verweigerte Hilfeleistungen durch Medikamente – im Falle der Seuche Aids partiell geschehen oder gar aktivere Maßnahmen.

Wie werden die Ressourcen dieses Planeten aufgeteilt werden? Wer wird Zugang erhalten, wer nicht? Es scheint ja längst unter den Industriestaaten ausgemacht zu sein, wer den größten Anteil am Zugang zu Rohstoffen und immer mehr auch zu Nahrung und Wasser haben wird. Auch die noch nicht völlig industrialisierten Staaten wie beispielsweise China werden sich immer größere Anteile an den Ressourcen sichern, nicht zuletzt weil sie über unvorstellbare Mengen an Devisen verfügen. Vor allem aber haben sie die Skrupellosigkeit eines unbändigen, keineswegs aufklärerisch reflektierten Überlebensdrangs, der das beste Überleben für alle sichern will. Diese zutiefst archaischen, rein evolutionären Bestrebungen entwickeln ein Raubrittertum der Ressourcen, der eigens der Ausbreitung der eigenen Rasse gilt.

Weit entfernt sind diese Interessen der Mächtigen von einem Gemeinschaftsdenken für die Gattung Mensch. Deshalb ist Schlimmes zu befürchten. Vielleicht kommt es ganz harmlos daher. Denn wir haben uns doch bereits an Katastrophen, gegen die wir uns kaum wehren können, gewöhnt. Auch daran, dass die Hilfe für Betroffene meist in dunklen Kanälen versickert. Dass wir Ohnmacht verspüren angesichts des Leids, das in vielen afrikanischen, asiatischen und latein-amerikanischen Ländern herrscht. Wenn wir nun von einer neuen, plötzlich auftretenden Seuche erfahren, gegen die kein Kraut gewachsen zu scheint, und täglich neue Berichte über sich mehrende Todesfälle hören, werden wir uns daran gewöhnen. Woher diese Seuche kommt, warum sie gerade jetzt auftritt, wird mit Informationen solange verwässert werden, bis niemand mehr wirklich nachfragt. Unser eigener Überlebenskampf wird uns davon abhalten, genau hinzuschauen und unbequeme Fragen zu stellen.
Können wir wissen, welche Pläne sich in den Schubladen der Mächtigen befinden? Wollen wir das wissen? Visionen sind zum Glück manchmal nur die Gespenster der Nacht, Albträume die kommen und gehen. Hoffen wir, dass es Albträume bleiben.

12
Jan
11

Die sprechenden Maschinen

Wir Kunden werden heutzutage in vielen Fällen von Maschinen betreut. Diese – mit freundlichen Stimmen realer Menschen – belegt, fordern uns bei einem Anruf auf, die Taste 1 zu drücken, wenn wir beispielsweise Fragen zu einer bereits bestehenden Versicherung haben, aber die Taste 2 zu bedienen, wenn wir Informationen zu einer möglichen Versicherungsleistung haben wollen, die Taste 3 zu bemühen, wenn wir einen Notfall melden wollen, aber die Taste 5 zu aktivieren, wenn wir Fragen zu einer Rechnung haben. Haben wir dann die Taste gedrückt, hören wir eine geduldige, aber irgendwie stereotype Stimme fragen, ob wir Fragen zu einer Krankenversicherung haben, dann sollten wir bitte die Taste 1 drücken, ob wir Fragen zu einer Lebensversicherung haben, dann möchten wir doch bitte die Taste 2 aktivieren oder ob wir Fragen zu einer Hausratversicherung hätten, dann doch bitte die Taste 3 bedienen usw. und sofort.
Beim dritten Mal bei Taste 3 angelangt, versagen dann meist auch dem Geduldigsten die Nerven und er schreit die freundliche Stimme an. Diese bleibt gelassen, denn sie hat ja schließlich keine Nerven und vor allem keinen Verstand, der sich in dieser Situation einschalten könnte. Sie entgegnet unverdrossen, „wenn Sie Fragen zu einer bereits bestehenden Versicherung haben, dann wählen Sie bitte die Taste 1“.

Sollte es einem sehr geduldigen, ja fast schon masochistischem Kunden gelingen, diese und ähnliche Procedere durchzuhalten, gelangt er dann – nach endlosen – 10 oder zwanzig Minuten, die auf dem Konto des Callcenters hoch zu Buche schlagen, endlich endlich zu einem realem Menschen. Dieser aber erklärt sich dann für nicht zuständig, denn Sie sind im Tastenwirrwarr zur falschen Stelle geraten. Freundlich, mit lebendiger Stimme, verbindet sie dann der nicht zuständige Berater zurück an die ebenfalls freundliche, aber leblose Maschine. Sie bekommen einen Schreianfall, von dem Sie sich in den nächsten Stunden nicht mehr so schnell erholen und genehmigen sich einen Schnaps oder etwas ähnliches, um nicht völlig den Verstand zu verlieren. Dann entschließen Sie sich, eine e-mail zu schreiben, worauf auch nur eine freundliche automatisierte Antwort kommt, dass Ihre mail schnellstmöglich beantwortet wird. Wenn Sie Glück haben, antwortet irgendwann in den nächsten Tagen ein realer Mensch mit einem vollständigen Namen und einer persönlichen Durchwahl und Sie können schlussendlich Ihr Anliegen vortragen und darauf hoffen, dass diese Person Sie kompetent und zügig bedient.

Der Kunde sei König!

28
Jan
11

Modern Times

Im gleichnamigen Film Charly Chaplins von 1936 sieht man die Menschen in Fabriken strömen und eintönige Arbeit verrichten. Dass sie keinesfalls damit viel Geld verdienen, erschließt sich von selbst.
Chaplin kritisiert mit seinem Film die mit der Industrialisierung von Arbeit einhergehende Dekonstruktion der Individualität, ja auch Menschlichkeit besonders nach der Weltwirtschaftskrise von 1924.

Heute – nach und mitten in der Finanz- und Weltwirtschaftskrise – strömen die Menschen immer noch in die Produktionshallen, ihre Arbeit ist getaktet und bei sich leerenden Auftragsbüchern werden sie in die Kurzarbeit oder gar Arbeitslosigkeit entlassen. Zeitarbeiter, jederzeit „aussetzbar“ ersetzen dann langjährige Fachkräfte. Wirtschaftlicher Rückgang wird auch in modernen Zeiten immer an der Basis bezahlt, nicht an der Spitze der Unternehmen und der Gesellschaft.

Auch diejenigen, die zwar in gläserne Büros strömen und nicht dem Lärm der Fabrikhallen ausgesetzt sind, zahlen den Preis von schlechtem Management und veralteter, machtorientierter Politik. Sie haben es dabei etwas bequemer, sie dürfen im Warmen um ihren Job bangen, auf Weihnachts- und Urlaubsgeld verzichten, dafür aber mehr Stunden arbeiten oder unbezahlte Überstunden machen und dies häufig obendrein mit mangelnder menschlicher Anerkennung ihrer Vorgesetzten und Kollegen.

Dagegen haben Vorstandsvorsitzende oder auch ehemalige Vorstandsvorsitzende, die beispielsweise ihre Bank in den Ruin geführt haben, keinerlei Hemmungen, Millionenforderungen zu erheben, sei es in Form von Boni oder vermeintlich offenen Gehaltsforderungen. Ja, sicher, es gab immer ein „unten“ und ein „oben“. Nur, die Tatsache, dass es das immer gab, rechtfertigt einerseits nicht, dieses weiter zu fördern und andererseits das „oben“ immer mehr auf einige Wenige zu verteilen und ein modernes Sklaventum billigend in Kauf zu nehmen, das sich zunehmend in ein soziales Disaster verwandelt. Weder sozialdemokratisches oder gar linkes Gedankengut ist angebracht oder nötig, um gegen diese folgenschwere Entwicklung anzuargumentieren. Die gute „alte“ Philosophie kann uns lehren, in diesem Falle beispielsweise Aristoteles und dessen „Nikomachische Ethik“ die vor über 2000 Jahren geschrieben wurde, wie wir auch in modernen Gesellschaften verfahren könnten. In ihr finden wir einen Gerechtigkeitsbegriff, der von „Gleichheit“ spricht und keine Gleichmacherei damit meint. Gleichheit im Sinne eines gerechten Austausches von Waren, Gütern und Arbeit. Diese müssen selbstverständlich „vergleichbar“ sein und entsprechend gewichtet und gewertet werden. Geld kann diese Wertung sein, die Vergleichbarkeit und letztlich symetrische Gleichheit schafft. Geld ist aber kein Zweck, sondern lediglich das Mittel, um Gerechtigkeit im Austauschsystem herzustellen.

Dies ist in hypermodernen Zeiten völlig aus dem Blick geraten. Geld ist immer mehr Zweck geworden und pervertiert den Wert von Arbeit, von Produktion und von Wissensleistung. In der Folge muss dann auch ein Zusammenbruch des Geldsystems von der Gemeinschaft, sprich denjenigen getragen werden, die produzieren und nicht spekulieren.

Würde der Austausch unter den vielen Menschen auf diesem Planeten klug und umsichtig in den Blick genommen, gäbe es mehr philosophisches statt kurzsichtig politisches Handeln könnte eine fortschreitende soziale Katastrophe womöglich noch aufgehalten werden. Es fehlt der kluge, sozial und menschlich orientierte Blick auf ein Ganzes, dessen Teil jeder Einzelne von uns ist. Dieser Blick erfordert den Willen, nicht in „unten“ und „oben“, nicht in ausschließlicher Gewinnmaximierung zu denken, sondern ein Gleichheitsprinzip anzustreben, das einen gerechten Austausch zur Grundlage hat.

22
Feb
11

Eine Reise nach Indien, eine Reise zu Ayurveda

Eine Reise nach Indien, eine Reise zu Ayurveda.

München Airport, Emirates Flug zum Einsteigen nach Dubai bereit. Dann weiter nach Trivandrum, bzw. Thiruvananthapuram, wie die Stadt ehemals hieß, der Hauptstadt der Provinz Kerala, der Ayurvedahochburg schlechthin. Wir fliegen Economy, weil Emirates mit üppiger Beinfreiheit und exquisitem Menü für diese Klasse geworben hat. Nicht nur die Krankenkassen pflegen seit langem eine Zwei- bzw. Dreiklassengesellschaft, sondern die Fluglinien haben dies wahrscheinlich als Geschäftsidee erfunden. Wir hoffen das Beste, werden aber eines Anderen belehrt: Marketing ist die eine Sache, die Wirklichkeit eine völlig andere. Von Beinfreiheit keine Spur, und über das Essen schweigt man besser. Zum Glück haben wir uns beim Online-check-in zwei Plätze für „disabled persons“ gesichert, heißt im Klartext, je einen Gangplatz, so dass wir zumindest von klaustrophischen Anfällen während des Fluges halbwegs befreit sind. Wir fragen uns allerdings schon, ob das Management daran denkt, dass es Menschen mit über 1,90 m Größe gibt. Nun gut, wir nehmen es mit Gelassenheit und freuen uns auf das Abenteuer Indien und Ayurveda, die jahrtausendalte indische Heilkunst.
In der „Zeit“ lese ich, dass eine Unternehmensberatung darüber nachgedacht hat, wie die Wirtschaftsleistung großer Unternehmen sehr zur Freude ihrer Aktionäre gesteigert werden könnte. Da von den fast 7 Milliarden Menschen auf der Erde der Markt von ca. 2-3 Milliarden mit den Verheißungen von Wissenschaft und Technik, sowie allerlei Luxusgütern bereits gut gesättigt ist, heißt es also, etwa weitere 3 Milliarden Menschen mit jenen zu beglücken. Das untere Drittel ist keine Käuferschaft, da diese sich im täglichen Überlebenskampf um eine Schale Reis, ein Fladenbrot oder gar um sauberes Wasser befindet. Die Zielgruppe des mittleren Drittels befindet sich vornehmlich in den sogenannten Schwellenländern. In eines dieser Länder sind wir nun unterwegs, um uns von der fremden Kultur und den Erfahrungen mit Ayurveda wie auch immer beeindrucken zu lassen.
Zwischenlandung in Dubai. Wir verlassen den Transitbereich nicht. Doch dieser lässt Käuferherzen höher schlagen. Hier sind wir in einer Luxusparallelwelt gelandet, wie die alle paar Meter wie Bahnhofsuhren herunterhängenden Rolex-Exemplare deutlich machen. Ein Schmuckladen konkurriert mit vielen anderen. Einfache, günstige Dinge gibt es hier nicht zu kaufen. Lediglich ein unermüdlicher McDonalds – der wahrscheinlich als Luxusgut angesehen wird – verschandelt die luxuriöse Atmosphäre. Die Globalisierung zeigt sich nicht nur in um die Welt fließenden Finanzströmen, sondern in einer Gleichschaltung von Angeboten, sei es Kleidung oder Essen betreffend. So finden wir, die wir in Spanien leben, uns absurderweise in einem arabischen Land in einer Tapasbar wieder, in der wir dann auch noch holländisches Bier trinken. Die Welt ist vereinheitlicht.
Nach vier Stunden weiterer Flugzeit landen wir in Trivandrum, dem kleinen, ziemlich einfachen Flughafen der Provinz Kerala. Die lange Schlange vor dem Immigrationsbeamten lässt mich doch den Gang zur Toilette wagen. Das war ein Fehler. Denn diese ist ein typisch indisches „Hockklo“ ohne jegliches Toilettenpapier. Ich beschließe, dass mein Bedürfnis kein dringendes ist.
Nach 40 Minuten Wartezeit können wir unser bereits irgendwo herumstehendes Gepäck in Empfang nehmen und nach draußen wandern. Im bunten Gewimmel der vielen Abholer entdecken wir schnell unseren Fahrer, der ein großes Schild mit unserem Namen hält. Youssuf, ein schüchterner, kleiner Inder, der mit seinem Reisebüro unseren Aufenthalt organisiert hat, lässt es sich nicht nehmen, uns persönlich zu unserem Resort zu begleiten. Auf der Fahrt warnt er uns vor dem abenteuerlichen Verkehr auf Keralas Straßen und beruhigt uns gleichermaßen, dass alles schon seine Ordnung hat. Es wird links gefahren, große Wagen haben Vorfahrt vor den kleinen und den Tuktuks, rikschaähnlichen Gefährten, und vor Mopeds und Fußgängern. Ampeln gibt es nicht, der Verkehr regelt sich durch gegenseitiges Anhupen.
Während der Fahrt erleben wir unseren ersten Kulturschock. Wir fahren eine Straße entlang, die wohl bald still gelegt werden soll, weil es eine neue, gut asphaltierte geben wird. Wir erblicken vor allem Berge von Müll und halb zerfallene, wenngleich bewohnte Hütten, aus denen ärmliche Gestalten schauen. Auf der Straße tummeln sich Ziegen, einige Hühner, ab und an muss einer mageren Kuh ausgewichen werden. Wir fragen uns, was wir hier machen. Wir, die „reichen“ Europäer, die sich nun in einem – für indische Verhältnisse – Luxusressort einquartieren. Mit der Zeit wird die Straße breiter, der Müll weniger, die Behausungen etwas stabiler, ja sogar die eine oder andere „Villa“ mit breitem, verschlossenem Eingangstor wird gesichtet. Es bleibt aber bunt, schmutzig und sehr fremd. Dann erreichen wir unser Resort. Wir werden von einer Sari tragenden jungen Dame mit Blumenkränzen begrüßt und lassen uns nieder, um aus einer Kokosnuss einen kühlen Drink zu uns zu nehmen. Nach allen Formalitäten werden wir in unser Zimmer, das heißt zu unserer „Hütte“ geleitet. Wir bewohnen einen kleinen Rundbau, der mit Blättern bedeckt ist, dies ist keralischer Stil, sagte der Reiseführer. Ein großes Bett mit indisch anmutendem Moskitonetz begrüßt uns, die Möbel sind aus Holz. Alles ist einfach, aber sauber und das Runddach hat eine beruhigende Wirkung. Ich spähe vorsichtig in das Badezimmer, das groß und ebenfalls sauber ist und eine europäische Toilette mit allem hat, was dazugehört. Leichtes Aufatmen!
Wir werden informiert, dass wir in zwei Stunden den Doktor sehen und (Jetlag hin, Jetlag her) die erste Anwendung bekommen. Nach schnellem Auspacken orientieren wir uns in der Anlage. Diese ist weitläufig, es geht auf und ab, überall stehen Töpfe mit benannten Pflanzen, große Bäume spenden Schatten, das Meer rauscht. Der Sandstrand ist endlos und fast leer, gesäumt von zahlreichen Fischerbooten. Kein Anblick wie an spanischen oder anderen Stränden dieser Welt. Viele ähnliche Hütten wie die unsere säumen den Weg hinunter zum Restaurant. Es ist friedlich, nur ab und zu schreit ein Vogel. Im offenen Restaurant blicken wir auf das Meer und nehmen unsere erste ayurvedische Mahlzeit ein. Es gibt nach Kardamom schmeckendes heißes Wasser und indische Currys. Zum Glück auch Salat nach europäischem Geschmack, denn weder Wasser noch Essen schmecken mir. Ich überlege, wohin ich in den nächsten Tagen ausbüchsen kann, um dem zu entgehen. Wie sich zeigen wird, wird sich diese Prinzessinenhaltung aber bald legen.

Teil 2
Am Nachmittag sehen wir den Doktor, das heißt, wir sehen zwei – einen männlich, einen weiblich. Wir werden gemeinsam examiniert, nachdem wir einen umfangreichen Fragebogen über unser körperliches und seelisches Befinden und sonst allerlei sehr persönlichen Fragen ausgefüllt haben. Die Ärzte gehen mit jedem von uns den Fragebogen durch, fragen nach, versichern sich, dass sie alles richtig verstanden haben, denn man spricht Englisch, indisches Englisch und unser etwas eingerostetes amerikanisches Englisch, was dann die Verständigung so manches Mal etwas erschwert. Mit Geduld und Humor versteht man sich letztlich. Wir haben die 14-tägige Verjüngungskur gebucht, doch man erklärt uns, dass „Panchakarma“ sehr wichtig sei, was so viel wie eine gründliche Reinigung des Körpers bedeutet. Nach ausführlicher Darstellung von Erbrechen, Einläufen etc., von denen ich bereits im Vorfeld schon gehört hatte, erklingt ein entschiedenes „Nein“ aus meinem Mund. Etwas ratlos werden neue Überzeugungsversuche gestartet. Es wird beteuert, dass keine einzige Person je in diesem Resort therapeutisch erbrochen hat, doch ich bin nicht überzeugt, auch die Vorstellung von Klistieren und ähnlichem bewirkt heftigste Abwehrbewegungen meinerseits. Ich bestehe auf dem, was ich gebucht habe und die sanften Inder geben solch starkem Willen nach.
Danach erfolgt die Diagnose nach den ayurvedischen „Doshas“, das sind die Körpersäfte, Vatha, Pitta und Kapha, die normalerweise mit dem Luft-, Feuer- und Wasserprinzip gleichgesetzt werden. Dann werden wir zu unserer ersten Anwendung begleitet und unseren Therapeuten vorgestellt. Mich empfängt eine „indische Mama“, der ich brav in den Behandlungsraum folge. Dort wartet eine ganz junge Frau, die mich anlächelt und sich leicht verbeugt. Der Raum ist klein, die Wände aus dunklem Stein, nach oben offen und den Blick auf das mit Palmenblättern gedeckte Dach und die mit dicken Seilen zusammengeknoteten Balken freigebend. Es herrscht eine dunkle, wohlige Atmosphäre, auf dem Boden liegt eine zusammengeklappte Matte, gegenüber steht eine hölzerne, schwere Liege, auf der sich nochmal eine Matte befindet. Auf einem kleinen Tischchen wird ein Öllämpchen entzündet, das kleine Neonlicht, das den Raum aufhellt, wird gelöscht. Es wird mir ein kleiner Hocker hingeschoben und man bedeutet mir, mich auszuziehen. Ich beginne damit und man bedeutet mir, dass noch mehr Kleidungsstücke fallen müssen. Etwas ungläubig, aber vom Jetlag ziemlich betäubt, folge ich den Anweisungen, bis ich, so wie Gott mich schuf vor zwei wildfremden, andersartig aussehenden Menschen stehe, die mich freundlich anlächeln. Die indische Mama reicht mir dann eine Art Fliesshose, die wie eine Windelhose anmutet, und sich beim Darüberziehen als reichlich groß herausstellt. Dann setze ich mich auf den Hocker, die junge Frau verläßt den Raum, die indische Mama legt mir beruhigend die Hand auf die Schulter und lächelt freundlich. Dann beginnt sie, mir die Haare zu ölen und in ruhigen, kräftigen Bewegungen das Haar nach hinten zu streichen. Anschließend folgen weitere schnelle Bewegungen, Klopfen und Klatschen auf dem Kopf, das mich verwundert, aber angenehm entspannt. Es folgt die üppige Einreibung mit stark riechendem Öl – Sesamöl, wie ich später in Erfahrung bringe. Die Tür öffnet sich und die junge Frau kommt wie auf Katzenpfoten in den Raum, wieder legt mir die indische Mama beruhigend die Hand auf die Schulter. Mit einem kleinen Ritual – das mir wie eine Verneigung vor dem „Patienten“ erscheint, beginnt die Massage. Dann erlebe ich das erste Mal eine der berühmten Synchronmassagen. Vier Hände gleiten mit rhythmischen Bewegungen über meinen sitzenden Körper. Völlige Übereinstimmung der beiden Therapeuten lassen mich schläfrig werden. Nach geraumer Zeit bedeutet man mir, mich mit meinem Höckerchen in die Ecke zu setzen, in der ich dann etwas verschämt in diesem seltsamen Kleidungsstück sitze und beobachte, wie die am Boden liegende Matte auf Doppelbettgröße auseinandergeklappt wird.
Von der Decke hängt ein zweifachgewundenes, dickes Seil. Meine Gedanken wohl erahnend, legt mir meine Haupttherapeutin wieder die Hand auf die Schulter und lacht leise und aufmunternd. Dann verlässt sie den Raum und die junge Therapeutin bittet mich darum, mich mit dem Gesicht nach oben auf die Matte zu legen. Sie spreizt meine Beine leicht auseinander, legt meine Arme ausgestreckt von mir auf die Matte. Dann begießt sie mich reichlich mit warmem Öl, schlingt ein Handtuch durch das Seil und beginnt, während sie auf einem Fuß balanciert, mich mit dem anderen Fuß kräftig zu massieren. Als ich bejahe, dass der „pressure““ ok. sei, folgt eine lange Massage auf beiden Seiten des Körpers in dieser ausgestreckten Haltung. Wäre ich völlig nackt, wäre mir die Behandlung unangenehm, denn die Beine werden sehr eingehend und tiefgehend massiert, auch der Brustkorb wird nicht ausgespart. Das ist wohl der Grund, warum Frauen ausschließlich von Frauen massiert werden und Männer von Männern. Anschließend werde ich auf die Liege gebeten, die Haupttherapeutin erscheint und es gibt noch einmal ein Synchronmassage, diesmal des ganzen Körpers. Ich entschwebe in die Seligkeit, wohl auch dem langen Schlafmangel geschuldet. Nun dauert die Prozedur bereits über eine Stunde und noch ist kein Ende abzusehen. Denn jetzt werde ich aufgefordert, den Körper zu drehen und am anderen Ende der Liege den Kopf in eine Kuhle zu legen. Über mir sehe ich eine runde Schale, ich höre wie der kleine Ofen im Raum angeworfen wird, um das Öl zu erhitzen und bekomme eine kleine Binde oberhalb der Nasenwurzel, die von einer Stirnseite zur anderen reicht. Dann beginnt „Shirodara“, ein geheimnisvoller Stirnölguß, über den die eigentümlichsten Beschreibungen in Büchern stehen. Wohlig warm fließt das Öl auf meine Stirn, es scheint sich hin- und herzu bewegen, es herrscht völlige Stille im Raum. Nur aus den anliegenden Räumen sind leise Stimmen und leichtes Klappern der Metallschüsseln für Öl und Wasser zu hören. Ich entschlummere selig und entspannt, bis ich eine leise Stimme fragen höre „sleeping“? Man hilft mir von der Liege herunter, reibt das Öl ab, bindet mir einen kleinen Stoffturban ums ermattete Haupt, entledigt mich meiner Windelhose und hüllt mich in einen grünen Stoffmantel ein, der mich wie eine Chirurgin eines Krankenhauses aussehen lässt. Die indische Mama geleitet mich mit leichter Armunterstützung nach draußen, placiert mich zu anderen wartenden „Patienten“ und drückt mir mit einem Lächeln eine Kokosnuss in die Hand, ähnlich wie bei der Begrüßung im Resort. Ich sitze eine Weile, fühle mich aber unter den Patienten nicht wohl und stolpere in unsere Hütte. Nach einer ausgiebigen Dusche gehen wir ins Restaurant und ich trinke mit etwas weniger Abneigung das heiße Kräuterwasser, der Salat schmeckt köstlich und siehe da, die Currys des Abends munden mir. Ich fühle mich entspannt und angekommen im Ayurvedaland. Weitere Überraschungen beim indischen Yoga und den nächsten Anwendungen werden folgen.
Teil 3
Kerala, God ‘s own country, wie es genannt wird, ist angeblich die wohlhabendste Provinz Indiens. Fischfang und Agrarwirtschaft blühen in einem überaus fruchtbaren Landstrich, und vor allem der Ayurvedaboom hat viele Europäer hierhergeführt, die ihr Geld nicht nur in den Ayurvedaresorts, sondern in den vielen Restaurants und Läden und bei den zahlreichen Strandverkäufern und den für indische Verhältnisse wahrscheinlich wenigen Bettlern lassen. Der Bundesstaat hat außerdem die höchste Bildungsquote zu verzeichnen, weil die demokratisch gewählte kommunistische Partei sehr bestrebt ist, dass jedes Kind die Schule besucht. Wer es sich leisten kann, schickt die Kinder auf englische Privatschulen. So hat sich ein bescheidener Wohlstand ergeben. Und während die Europäer, der Pillen- und Apparatemedizin müde, mit allerlei Beschwerden nach Ayurvedaland eilen, um sich auf jahrtausendealte traditionelle Weise heilen zu lassen, finden es die Inder immer schicker, sich der westlichen Medizin zuzuwenden. Im „reichen“ Kerala steigt das Verlangen der Menschen nach westlichen Gütern und fatalerweise nach „immer mehr davon“. Die innere Balance wird dadurch genauso beeinträchtigt, wie es bei uns Europäern schon lange der Fall ist. Noch hat sich die Eile, die Beschäftigung mit vielem Unnötigem, das Verlangen nach mehr Geld, Ruhm und Ehre und dem damit einhergehendem Stress offensichtlich noch nicht in diesem heiligen Land ausgewirkt, denn die Menschen bewegen sich viel gemächlicher, als wir das tun, und ihr Tagesprogramm ist nicht von stetem Treiben und äußerer und innerer Hektik erfüllt – so scheint es aus unserem europäischen Blickwinkel zumindest. Dennoch ist die Selbstmordrate in dieser vergleichbar wohlhabenden Provinz am höchsten, wie uns ein ayurvedischer Arzt berichtete.
An unserem zweiten Tag im Ressort gehe ich joggen, so wie ich das zu Hause fast jeden Tag tue. Ich laufe am endlos langen Strand, bzw. zuerst auf der parallel laufenden, kleinen, asphaltierten Straße, die an den Behausungen der Fischer entlangführt. Es herrscht bereits morgens um kurz vor 8 Uhr reges Treiben auf der Straße. Grüppchen von Sari tragenden Frauen schwatzen miteinander, Obsthändler verkaufen ihre Ware, Männer lungern am Straßenrand, Kinder kommen mir entgegen und rufen etwas hinter mir her. Viele der Behausungen sind zum Strand hin offen, so dass ich einen Einblick in das Leben erhasche. Es ist alles äußerst einfach, aber die Kinder sind bereits in ihrer Schuluniform herausgeputzt und werden von ihren Müttern mit Frühstück versorgt. Trotz der Tatsache, dass wahrscheinlich in keiner dieser Hütten eine Waschmaschine vorhanden ist, wirken die Kinder wie aus dem Ei gepellt. Die Menschenansammlungen auf der Straße werden immer mehr, je weiter ich laufe. Lastwagen und Mopeds schieben sich auf der engen Straße entlang, auf der Wiese zwischen Straße und Strand weiden Kühe und Ziegen, dazwischen liegen Boote – wohl zur Reparatur. Die Frauen beachten mich kaum, aber die Männer rufen mir ab und zu Unverständliches nach. Mir ist etwas unwohl in meinem Joggingoutfit zwischen all den verhüllten Frauen, deshalb biege ich ab zum Strand, in der Hoffnung, dass es dort etwas ruhiger ist. Zwei ältere Jungs laufen hinter mir her und rufen dreist „money?“, ich ignoriere sie. Am Strand angekommen, laufe ich an den vielen Fischerbooten vorbei. Gruppen von Männern ziehen riesige Netze aus dem Meer, indem sie sich rhythmisch bewegen und dabei singen. Einige liegen unter den auf den Strand gezogenen Booten und schlafen. Eine Gruppe bricht in lautes Lachen aus, als ich vorbeilaufe. Ich bin mir nicht sicher, ob es meine doch spärliche Laufbekleidung ist oder die Tatsache, dass ich bei dieser bereits morgendlichen Hitze mich derart schnell bewege. Einige rufen hinter mir her – zum Glück verstehe ich nicht, was der Inhalt ist –, ich kann es mir aber denken. Hier ist es nicht üblich, dass Frauen sich so leicht bekleidet zeigen, es wird Sari getragen und in dieser Montur auch ins Meer gegangen, wenn sie überhaupt baden. Ich mache kehrt und laufe zurück zu unserem Hotelstrand, der bewacht ist und jeden Morgen gesäubert wird. Fischer dürfen sich dort nicht aufhalten. An den „öffentlichen“ Stränden liegt sehr viel Müll herum, der zum Teil achtlos liegengelassen wurde, zum Teil auch von den Wellen an den Strand gespült wurde. Dort muss ich ständig die Kothaufen umkreisen, die, wie ich später erfahre, nicht nur von Hunden hinterlassen wurden, sondern von den Fischern. Was ich für eine meditative Haltung hielt, als ich Männer in der Hocke am Strand sitzen sah, war alles andere als das. Die nächsten Tage gehen wir nur zu zweit zum Spazierengehen an den Strand.
Als sportlichen Ausgleich probiere ich Yoga. In einer großen Halle oberhalb des Ayurvedazentrums, in dem unsere Anwendungen stattfinden, haben sich bereits viele Teilnehmer eingefunden. Der Raum ist hoch, die Balken sind wie in den Therapieräumen mit dicken Seilen miteinander verbunden. An den Wänden hängen Kalligraphien mit Yogapositionen. Der Lehrer ist ein kleiner, fast zarter Inder. Wir beginnen im Schneidersitz, die Finger in der Lotusposition, d.h. der Zeigefinger berührt den Daumen, der Unterarm liegt locker auf dem Knie. Es wird dreimal „OM“ gesungen, bzw. mehr gebrummt. Da mir das fremd ist, schwinge ich einfach im „OM“ des Lehrers und der Gruppe mit. Anschließend singt unser Lehrer mit guturaler Stimme ein Gebet, wie er kurz anmerkt. Ich verstehe am Ende nur „shanti, shanti“ – das ist Sanskrit, die Sprache der Veden, der jahrtausendealten indischen Philosophie.
Dann beginnen die Übungen, erst die Augen, dann der Kopf, dann die Schultern, danach eine komplexe Yogaübung, die „Begrüßung der Sonne“. Eine Teilübung geht nahtlos in die nächste über, die Anweisungen sind relativ schnell, und unser Lehrer verfällt dabei in einen indisch-englischen Singsang, an den ich mich gewöhnen muss. „inhale, wait, exhale“, die Stimme geht melodisch auf und ab. Nach anfänglicher Verwunderung finde ich den Rhythmus angenehm, gleite von einer Bewegung zur anderen. Meine Steifheit macht sich bemerkbar, aber ich dehne tapfer, so gut es geht. Wir arbeiten eineinhalb Stunden zügig, nur mit der entspannenden Yogaposition für kurze Momente zwischendurch. Zum Abschluss sitzen wir wieder im Schneidersitz – so gut es halt geht – und die Gruppe singt „OM“, ein Vibrieren geht durch den Raum, eine beruhigende Schwingung breitet sich aus. Als unser Lehrer das Abschlussgebet singt, bin ich in einer sehr entspannten, fast meditativen Stimmung.
An den nächsten Tagen verbessert sich die Steifheit meiner Glieder, doch die Schmerzen im Körper wandern von Tag zu Tag, denn die Übungen wechseln und beanspruchen jeweils andere Muskelgruppen. Unser Lehrer ist sehr engagiert und erklärt uns den Sinn von Yoga in anschließenden kurzen Vorträgen, zeigt uns spezielle Atemübungen, die sehr entspannend und beruhigend auf mich wirken. Yoga ist kein Sport, sagt er, es verbessert zwar die Flexibilität des Körpers, stärkt die Muskeln, soll aber vorwiegend für Willensstärke und einen friedlichen Geist sorgen. Jederzeit vorbereitet sein auf die manchmal hohen Anforderungen der Lebens, so erklärt unser Lehrer. Europas Stressstruktur weicht langsam aus meinem Körper und aus meinem Denken.
Neben Strandbesuchen und gelegentlichen Ausflügen zum nächsten Ort, der uns das lebhafte indische Leben nahebringt, widmen wir uns den ayurvedischen Anwendungen. Zu meiner zweiten Sitzung erscheine ich in meiner eigenen Wäsche, eine etwas knappere dunkle „underwear“ und bestehe darauf, diese statt der Windelhose anzubehalten. Meine beiden sanftmütigen Therapeutinnen willigen sofort verständnisvoll ein. Die Inder empfinden wir generell als meist sehr freundlich und gelassen, nie ein Wort über ihre manchmal doch widrigen Umstände verlierend, in denen sie leben. Es wird viel gelächelt und gefragt, wie es uns geht und ob wir morgen vielleicht wiederkommen, wenn wir bei einem Händler nichts kaufen wollen. Nie erleben wir eine vergrämte Miene oder gar Unfreundlichkeit. Die Händler sind manchmal anstrengend, mit ihren ständigen Angeboten, mit denen sie uns bedrängen. Doch bei einem freundlichen, aber entschiedenem Nein lassen sie schnell ab und bleiben dennoch freundlich. Sie schätzen kleine, humorvolle Scherze – auch meine Therapeutin tut das. Bei einer bevorstehenden Gesichtsbehandlung, scherzt sie mit mir „today beauty – good for husband“ und kichert wie ein kleines Mädchen. Als ich, um ihr ein wenig die Haltung westlicher, doch sehr emanzipierter Frauen nahezubringen, erwidere „and good for me“, kommt sofort etwas schuldbewusst, ein „of course“ zurück, als hätte sie die Grenze zwischen Therapeutin und Kundin übersprungen. So hatte ich es gar nicht gemeint und greife ihren Scherz sehr zu ihrem Vergnügen bei der nächsten Beautybehandlung wieder auf, was ihr ein glucksendes Lachen entlockt. Diese Menschen sind so erstaunlich heiter, dass ich mich so mancher kleinerer Beschwerden über im Vergleich nichtige Dinge des Alltags fast schäme. So sind die Menschen und das Land Teil eine heilsame Therapie.
Diese auf den ersten Eindruck hin wie Wellness erscheinende „Therapie“ erweist sich als viel tiefer reichend, als von mir vermutet. Über den Körper wird der Zugang gesucht zu tief sitzenden Ursachen für die unterschiedlichen Beschwerden, mit denen Menschen auf diese Art der Heilung zurückgreifen. Seien es diejenigen, die von Gelenkschmerzen in allen Variationen geplagt werden, oder Menschen, die im Lebensstrudel und in der Hektik der modernen Zivilisationen sich selbst und ihre wirklichen Bedürfnisse und Sehnsüchte aus den Augen verloren haben. Selbst die, die einfach nur eine kleine Auszeit aus ihrem festgezurrten Leben suchen, erfahren auf wundersame Weise, dass sie sich hier nicht im Chichi-Wellnessland befinden. Für jeden „Kunden“ des Resorts wird eine individuelle Therapie entwickelt, die sich aus diversen unterschiedlichen Massagen, Kräuteranwendungen und speziell für jede Person hergestellte Medizin zusammensetzt. Es gibt eine ayurvedische Apotheke, die alle erdenklichen Kräutermedikamente aufweist und die auf Anweisung der ayurvedischen Ärzte die Mixturen herstellt.
Nach einigen Tagen erlebe ich während einer der intensiven Massagen, die mit viel warmem, über meinen ganzen Körper gegossenen Öl durchgeführt wird, eine Veränderung in meiner Seele und in meinem Geist, die mich erst ein wenig verwirrt. Ein Freund vermittelt mir deshalb den Kontakt zu einem – hier in Kerala und in der ganzen Welt inzwischen sehr bekanntem Arzt, der nicht nur die ayurvedische Medizin lange studiert hat, sondern auch in der westlichen Medizin gut ausgebildet ist. Dieser erklärt mir die Phänomene auf anschauliche und für mich „Westlerin“ und zudem sehr wissenschaftsorientierte Person verständliche Art und Weise, so dass ich mich diesen danach besser öffnen kann. Es ist eine spannende Reise in die Geschichte, die jeder Körper und jeder Geist aufzuweisen hat. Sie ist noch nicht zu Ende, und ich bin gespannt, wohin sie mich noch führt. Nach der ersten Woche im Ayurvedaland spüre ich mehr Energie in meinem Körper, die Bewegungen beim Laufen, beim Yoga werden leichter und selbstverständlicher, meine Sinne richten sich mehr auf die Dinge, die mir in meinem Leben eigentlich immer wichtiger gewesen sind, und die ich manchmal aus dem Blick verloren hatte.

Teil 4
Wir sitzen im Flieger zurück über Dubai nach München. Die beschauliche und beschützende Atmosphäre des Resorts liegt hinter uns. 14 Tage Indien, in denen wir nicht mehr gesehen haben als das nahe Städtchen und bei der Durchfahrt zu einem Elefantenresort die Hauptstadt Trivandrum, in der wir kurz bei einem Hindutempel anhielten. Da es Touristen nicht erlaubt ist, diese Tempel zu betreten, mussten wir uns mit einem Blick in den weitläufigen Innenraum und auf die beeindruckende Fassade aus kunstvollen Granitfiguren begnügen. Zum Zeitpunkt unseres Besuchs fand ein Hindufest statt, so dass viele Menschen in den Tempel strömten, und so konnten wir wenigstens einen Blick auf die Rituale dieser Religion erhaschen. Die männlichen Tempelbesucher verschwanden vor dem Tempel in einem kleinen Haus und entledigten sich dort offensichtlich ihrer westlichen Bein- und Oberbekleidung, denn sie kamen mit einem um den Unterkörper gewickelten Tuch, das bis zu den Fußsohlen reichte, und mit nacktem Oberkörper heraus und strömten dann durch einen Seiteneingang in das Tempelinnere. Die Frauen, Sari tragend, zogen lediglich ihre Schuhe aus und gingen an der Vorderseite in den Tempel. Vor dem Hineingehen wurden Blumengaben dargebracht und Räucherstäbchen entzündet. Alles Weitere entzog sich unseren neugierigen Blicken. Die Atmosphäre war sehr bunt und ziemlich lautstark. Viele Menschen waren in großen Reisebussen angereist, Schulklassen, von ihren Lehrern geführt, zogen fröhlich an uns vorbei. Als die Kinder sahen, dass ich sie fotografierte, winkten sie fröhlich und riefen zum Teil „How are you?“. Man konnte sich ihrem überbordenden Charme nicht entziehen. Dieses extrovertierte Interesse kannte ich so nicht aus unseren Breitengraden. Liegt das an den Genen, die diese jahrtausendealte Kultur mit ihrer Weisheit gespeichert haben, am wärmendem Klima, am Leben in ihren Religionen (es gibt viele Christen, Muslime, Hindi und wenige Buddhisten in diesem Landstrich) oder an einer Erziehung, die weniger ich-zentriert ist als in Europa? Die Zeit unseres Aufenthaltes reicht nicht aus, um das näher zu erforschen. Mir wird aber unter diesen Menschen bewusst, dass nicht nur ich, sondern auch alle, die ich kenne, viel seltener lächeln und Heiterkeit ausstrahlen als die meisten, die ich hier im Alltag beobachte. Sicher, auch hier gibt es Griesgrame und unfreundliche Zeitgenossen, doch im direkten Kontakt sind selbst diese nicht so leicht aus der Ruhe zu bringen oder gar zu verärgern, wie wir. Sie scheinen sich mehr mit allen auftauchenden Widrigkeiten abzufinden und keine unnötige Energie mit Dingen zu verschwenden, die nicht zu ändern sind. Die Gelassenheit hat jedoch auch ihre Schattenseiten. Wenn der Gast sich beim Frühstück selbst um Besteck, Kaffee, Teller, Tassen etc. kümmern muss, während viel Personal scheinbar beschäftigt, aber seltsam desorientiert um die Gäste herumschwebt, ist schon sehr viel ayurvedische Geduld gefragt, um nicht aus der Haut zu fahren. Wir nehmen es als Gelassenheitstest unsererseits und sind erfreut, zu sehen, dass im Schwesterrestaurant des Resorts der Service um Klassen besser funktioniert, weil ein wachsamer Restaurantleiter dafür sorgt, dass die Gäste das volle Interesse genießen.
Für mich gewöhnungsbedürftig war auch, dass ich nie nach meinen Wünschen gefragt wurde, wenn mein Mann dabei war, sei es im Restaurant, sei es in den Läden. Selbst der Wächter des Tores zum Strand, der beim Kommen und Gehen nach der Zimmernummer fragte, begrüßte nur den Herrn, nicht die Dame. Ich war in den ersten Tagen so in meinem europäischen Rhythmus, dass mir das nicht einmal aufgefallen war – zumal ich sowieso direkt meinen Bedürfnissen Ausdruck verlieh, ob ich gefragt wurde oder nicht. Doch irgendwann war es unmöglich, diese für mich als Unhöflichkeit empfundene „Unart“ zu übersehen. Der Mann hat immer Vorrang in der indischen Gesellschaft. Wir haben das dann fröhlich missachtet, indem wir unser westliches Modell dagegenhielten. Das war für die flexiblen und mit den seltsamen Gebräuchen der Europäer bereits bestens vertrauten Inder auch kein Problem.
Aufgrund der täglichen Anwendungen waren wir zum Glück so entspannt, dass wir kaum Ärger aufkommen ließen. Nur als die Fahrt in das Elefantenressort zu einer einzigen Enttäuschung wird, machen wir unserem Ärger ziemlich deutlich Luft. Denn nach einer dreistündigen Fahrt dorthin finden wir nur zwei Elefanten vor, die einige Meter voneinander getrennt in Ketten stehen. Es sind Mutter und Sohn, die aber nicht zueinander kommen können. Die Betreuer finden gar nichts dabei, dass der Kleine an den Ketten zehrt und sichtbar unglücklich mit seinem Zustand ist, und sie fordern uns auf, die beiden Tiere zu fotografieren oder zu füttern. Sie fragen uns auch, ob wir nicht auf dem großen Elefanten reiten wollen. Ich mache auf dem Absatz kehrt, von Mitleid überwältigt mit diesen Kreaturen, und fordere die sofortige Rückfahrt zu unserem Hotel. Eine große Peinlichkeit für unseren Fahrer, der recht weiß, wie er damit umgehen soll und uns zu allem Überfluss stattdessen einen Trip in einen Gewürzladen anbietet. Für einen Moment war meine heitere Gelassenheit der letzten Tage dahin und ich war wieder in der Realität angekommen. Wir sind gespannt, wie Youssuf, der uns diesen Ausflug verkauft hatte, damit umgehen würde. Er ist auf unsere Beschwerde nicht im mindesten vorbereitet und zutiefst bestürzt. Den meisten Indern sind Konflikte offenbar ein Greuel, und sie versuchen immer, diese mit allerlei biegsamem Geschick entweder abzuwenden oder denjenigen, der den Konflikt offen auszutragen versucht, mit sanftem Ablenken auf weniger mit Minen bestücktes Gebiet zu locken. Diese defensive Haltung ist schon fast wieder bewundernswert, weil der Ärger so nach geraumer Weile verpufft oder zumindest weniger wird, und weil man – wie in unserem Fall – so dazu bewogen wird, selbst einen für beide Seiten akzeptablen Ausweg aus dem Dilemma zu finden. Lebenskunst auf einem anderen kulturellen Niveau. Wir sind wieder um eine Erfahrung in diesem fremden Land reicher.
Dennoch entschließen wir uns, keine weiteren Ausflüge mehr zu buchen. Denn diese sind – bis auf nicht immer ungefährliche Dschungelausflüge – doch nur die üblichen touristischen Attraktionen, bei welchen man vor allem für die überall anwesenden Händler als touristische Goldesel auf zwei Beinen wird. Lieber widmen wir unsere Zeit den Beobachtungen der Fischer am Strand, den Frauen, die in Gruppen ihre Arbeit verrichten und fröhlich miteinander schnattern. Dies ist authentisches indisches Leben ohne touristischen Schnickschnack. Zudem ist die innere Reise, die wir mit unserem Programm angetreten haben, um so viel spannender als jede noch so exotische Attraktion.
Nicht jeder macht zwangsläufig derartige mentale Erfahrungen, wie ich einigen Gesprächen entnehmen konnte. Ayurveda ist ein sehr persönlicher Prozess – jeder geht auf seine eigene Reise; bei dem einen ist sie mehr körperlich orientiert, beim anderen mehr mental oder die Seele berührend. Vor allem ist es ein Prozess, dessen Original – so begreife ich – einer jahrtausendealten Kultur und sehr langem Lernen der Therapeuten entspricht (5 Jahre Studium hatte der bestens ausgebildete Arzt zu verzeichnen). So kann ich mir nun nicht mehr vorstellen, dass dies in Europa in dieser Form möglich ist, vor allem nicht, wenn man Teile aus dem Programm nimmt und sie in den Wellnesscentern vieler guter Hotels mit anderen Formen von Massagen und Anwendungen anbietet. Dies kann zwar für den Moment für Entspannung sorgen, aber sicher nicht in diesen intensiven Prozess führen, wie wir und einige unserer Freunde ihn erlebt haben. Ähnlich wie mit Yoga, das inzwischen in vielen Formen angeboten wird, ist die Darbietung in Europa wohl mehr eine Frage des Marketings. Da der Begriff „Ayurveda“ nicht geschützt werden kann, weil er zu alt ist und deshalb allen gehört, kann er für vieles benutzt werden. In der intensiven Form jedoch, wie die Therapien in vielen Ayurvedaresorts in Indien oder Sri Lanka angeboten werden, dürften sie in unseren Breitengraden schon aufgrund der hohen Personalkosten wohl kaum bezahlbar sein. Die allerorten angebotenen Ayurvedamassagen können nur Appetitanreger auf wirkliches Ayurveda sein – womit sie ja durchaus ihren Zweck erfüllen.
Körper, Seele und Geist im Einklang – das ist für mich erlebtes Ayurveda. Die Reise war anstrengend, aber spannend, und ich würde sie nicht missen wollen.
Unsere Indienreise ist damit beendet. Es wird sich einiges ändern in unserem Leben, so haben wir beschlossen. Wir hoffen, dass die guten Vorsätze die Schnelligkeit unseres Alltags überdauern werden. „Yoga is skillfull action to get peace of mind“, diesen Satz meines Yogalehrers werde ich im Kopf behalten und seinen Rat „find your teacher and you`ll be fine“ ebenfalls. Und Ayurveda im nächsten und den darauffolgenden Jahren wird Teil unseres Lebens werden – wenn nicht in Indien, dann zumindest im Herzen und im Geist.

16
Mrz
11

Das verlorene Gefühl

An einem Samstagabend – dem 14. März 2011 – wurde im deutschen Fernsehen zur besten Sendezeit ein Unterhaltungsprogramm gestrichen. Eine Geste der Pietät und des Mitgefühls mit den vielen Tausend Menschen in Japan, die ihr Leben verloren hatten oder noch um ihr Leben und ihre Existenz fürchteten. Vielleicht auch das Entsetzen und die Ahnung, dass Schlimmeres drohe nach dem verheerenden Erdbeben in diesem Land und dem nachfolgenden Tsunami – ein Atomunfall, der zwar weit weg von uns geschieht, aber mit dem Wind eine radioaktive Wolke um den Planeten wehen könnte. Dann wären wir nicht mehr gelegentliche Zuschauer der täglichen Berichterstattung, sondern direkt betroffen wie damals nach dem Reaktorunfall in Tschernobyl. Die Japaner selbst erleben gerade die Gratwanderung zwischen Entsetzen, Innehalten und dem Alltag, der etwas weiter weg vom eigentlichen Ort des Geschehens weiterläuft, als wären nicht eben diese Tausende von Menschen auf schreckliche Weise umgekommen und weitere davon bedroht.
Jedes Jahr sind wir mit dramatischen Umweltkatastrophen und Unglücken aller Art konfrontiert, an täglich stattfindenden Terror gewöhnt, den wir ausblenden, der uns emotional nicht mehr erreicht. Es sind nicht unsere Lieben, die da sterben. Wir müssen ja unseren Geschäften nachgehen, für unsere Existenz, für unsere Kinder sorgen. Doch müssen wir uns obendrein auch noch amüsieren, egal, was geschieht? Die Absetzung der Unterhaltungssendung konnte nur ein Anstoß sein. Jeder muss selbst entscheiden, wonach ihm in einer solchen Situation der Sinn steht.
Das Ereignis des 11. Septembers 2001 schien für eine geraume Zeit die Welt zum Innehalten zu bewegen. Viele Menschen änderten womöglich ihr Leben danach, sahen andere Wichtigkeiten. Doch die meisten von uns kehrten doch wieder zur Tagesordnung zurück, der Hetze, dem Stress, der Gier nach mehr, dem sinnlosen Streben, ein oft vorhandenes Vakuum mit Amüsement zu füllen. Haben wir unsere Mitte verloren? Die Fähigkeiten, seinem Leben einen Sinn zu geben? Das Miteinander zu leben und in den Mittelpunkt zu stellen? Eine junge Frau mit japanisch-deutschen Wurzeln erklärte in einem Fernsehinterview dem erfahrenen, aber über die „gelassenen Japaner“ verwunderten Moderator, warum diese in dieser existentiellen Bedrohung und dem unermesslichen Leid so vermeintlich gefasst und ruhig wirken. Das hängt mit ihrer von Kindesbeinen an anerzogenen Disziplin zusammen, die damit einhergeht, keine Gefühle zu zeigen – zumindest nicht in der Öffentlichkeit. Die Dinge des Lebens nicht zu dramatisieren, sondern zu überlegen, wie man damit zurechtkommen könnte. Und das Bemerkenswerteste: sie denken nicht nur für sich selbst, sie sind in Gruppen, kleineren und größeren organisiert. Sie helfen sich gegenseitig und fühlen füreinander. Sie schauen darauf, dass sie in der Gemeinschaft überleben. Aristoteles nannte den Menschen ein „zoon politicon“, ein Gemeinschaftswesen – der Mensch kann nicht oder nur sehr schlecht alleine leben und überleben. Dieser Geist scheint unter den Japanern doch sehr weit verbreitet zu sein. Das mag das Geheimnis der Ruhe und Kraft sein, die im Moment noch zu herrschen scheint, aber angesichts der wachsenden Bedrohung eines Supergaus zu bröckeln beginnt.
Sind wir Westler zu einem solchen Zusammenhalt fähig oder erfüllen wir grundlegend erst einmal unsere Bedürfnisse? So manche Beobachtung auf Flughäfen, Bahnhöfen, im Straßenverkehr und im Besonderen auf Skipisten lassen da Zweifel aufkommen. Müssen wir immer die ersten sein, uns nicht aufhalten lassen, den gestürzten Menschen – wo auch immer – missachten, liegen lassen, weil es unsere Fahrt verlangsamen könnte, würden wir innehalten? Warum nur haben wir unser Mitgefühl, unser Gefühl für das Gegenüber, den Anderen verloren? Gelegentliche Bestürzung angesichts der Katastrophen ja, aber kein Handeln im Alltag. Die kleinen Gesten des Helfens, des Hinschauens und des Mitdenkens fehlen so oft. Sie aber sind der Leim, der uns mit den anderen verbindet und uns spüren lässt, dass da mehr ist als unser eigenes – im Vergleich doch so kleines – Leben.
Diese Jahrhundertkatastrophe wäre eine Gelegenheit – eine von vielen bisher verstrichenen – sich Gedanken zu machen, was dem Leben Sinn gibt, was wirklich wichtig ist und aus dem wiedergewonnenen Gefühl für den „Anderen“ Tiefe im Leben zu gewinnen, die auch uns in einer persönlichen oder gemeinschaftlichen Katastrophe tragen könnte.

03
Mai
11

Killing me softly….

In der Nacht kamen die Hubschrauber, landeten auf dem Villengelände, in welchem sich einer der verhasstesten Terroristen der letzten beiden Jahrzehnte verbarrikadiert hatte. Eine Szene wie aus einem James Bond. Die Rächer – nicht nur des 11. Septembers 2001 – kamen schnell und so töteten sie auch. Unvermeidbar, so hieß es. Andere sprechen von einer „Killing mission“. Die Zustimmung in den westlichen Staaten ist riesengroß, auch in vielen arabischen Ländern wird der Tod dieses Verbrechers begrüßt. Dennoch bleiben Fragen der Verletzung von Völkerrecht und Recht an sich offen. Gerechtigkeit und Recht jedoch bleiben immer zwei unterschiedliche Themen, die oft nicht zusammengehen wollen. Was rechtlich in Ordnung ist, hat noch lange keine moralische, oder gar ethische Berechtigung und vice versa.
Dann ist da noch die religiöse Sicht auf eine derartige Aktion. Sollte man wirklich bedauern, dass Osama bin Ladin nun in welches Jenseits auch immer befördert wurde? Dass obendrein noch Freude über den Tod des Terroristen empfunden und geäußert wurde? Tiefgläubige Christen mögen damit ein Problem haben, weil ihnen jedes, auch noch so schlecht geführte Leben, heilig ist. Andere religiöse Gruppierungen mögen ähnlich denken und argumentieren.
Den mitleidlosen Terroristen Bin Ladin hätte auf jeden Fall die Todesstrafe erwartet. So war das für ihn womöglich gnädiger, wenn dieses Kriterium überhaupt Anwendung finden sollte. Lesen wir heute, dass in England in der Nähe eines Atomkraftwerkes 5 Verdächtige festgenommen wurden, dass letzte Woche auch in Deutschland wahrscheinlich ein Terroranschlag vereitelt wurde, aber der in Marokko nicht verhindert werden konnte, geht das Grauen wieder um, die Nackenhaare sträuben sich.
Denn sie wissen genau, was sie tun, diese Krieger eines selbsterklärten „Heiligen Krieges“. Somit haben sie die volle Verantwortung zu tragen – sie sind „zurechnungsfähig“ im rechtlichen und im ethischen Sinne. So verdienen sie Strafe. „In jeder Strafe, als solcher, muss zuerst Gerechtigkeit sein, und diese macht das Wesentliche dieses Begriffs aus“ (I. Kant, Grundlegung zur Metaphysik der Sitten). Der Gerechtigkeit ist durch die Tötung Bin Ladins genüge getan worden, daran besteht kein Zweifel. Und die Menschen, in diesem Fall die USA mit ihrem obersten Befehlshaber und ihrem Geheimdienst haben die Bestrafung nicht einer höheren Macht überlassen, sondern aus ihrer Freiheit heraus das Heft in die Hand genommen und gehandelt. Wer mag ihnen das verübeln? Die Diskussionen werden bleiben und das ist absolut notwendig. Denn niemand sollte unbedacht töten und nichts empfinden, wenn er es denn tun muss. Denn mit der Freiheit wohnt uns auch die Verantwortung in gleichem Maße inne. Das ist unser Menschsein.

12
Sep
11

Eine Reise nach Indien, eine Reise zu Ayurveda, Teil 2

Am Nachmittag sehen wir den Doktor, das heißt, wir sehen zwei – einen männlich, einen weiblich. Wir werden gemeinsam examiniert, nachdem wir einen umfangreichen Fragebogen über unser körperliches und seelisches Befinden und sonst allerlei sehr persönlichen Fragen ausgefüllt haben. Die Ärzte gehen mit jedem von uns den Fragebogen durch, fragen nach, versichern sich, dass sie alles richtig verstanden haben, denn man spricht Englisch, indisches Englisch und unser etwas eingerostetes amerikanisches Englisch, was dann die Verständigung so manches Mal etwas erschwert. Mit Geduld und Humor versteht man sich letztlich. Wir haben die 14-tägige Verjüngungskur gebucht, doch man erklärt uns, dass „Panchakarma“ sehr wichtig sei, was so viel wie eine gründliche Reinigung des Körpers bedeutet. Nach ausführlicher Darstellung von Erbrechen, Einläufen etc., von denen ich bereits im Vorfeld schon gehört hatte, erklingt ein entschiedenes „Nein“ aus meinem Mund. Etwas ratlos werden neue Überzeugungsversuche gestartet. Es wird beteuert, dass keine einzige Person je in diesem Resort therapeutisch erbrochen hat, doch ich bin nicht überzeugt, auch die Vorstellung von Klistieren bewirkt heftigste Abwehrreaktionen meinerseits. Ich bestehe auf dem Programm, was ich gebucht habe und die sanften Inder geben solch starkem Willen nach.
Danach erfolgt die Diagnose nach den ayurvedischen „Doshas“, das sind die Körpersäfte, Vatha, Pitta und Kapha, die normalerweise mit dem Luft-, Feuer- und Wasserprinzip gleichgesetzt werden. Dann werden wir zu unserer ersten Anwendung begleitet und unseren Therapeuten vorgestellt. Mich empfängt eine „indische Mama“, der ich brav in den Behandlungsraum folge. Dort wartet eine ganz junge Frau, die mich anlächelt und sich leicht verbeugt. Der Raum ist klein, die Wände aus dunklem Stein, nach oben offen und den Blick auf das mit Palmenblättern gedeckte Dach und die mit dicken Seilen zusammengeknoteten Balken freigebend. Es herrscht eine dunkle, wohlige Atmosphäre, auf dem Boden liegt eine zusammengeklappte Matte, gegenüber steht eine hölzerne, schwere Liege, auf der sich nochmal eine Matte befindet. Auf einem kleinen Tischchen wird ein Öllämpchen entzündet, das kleine Neonlicht, das den Raum aufhellt, wird gelöscht. Es wird mir ein kleiner Hocker hingeschoben und man bedeutet mir, mich auszuziehen. Ich beginne damit und man bedeutet mir, dass noch mehr Kleidungsstücke fallen müssen. Etwas ungläubig, aber vom Jetlag ziemlich betäubt, folge ich den Anweisungen, bis ich, so wie Gott mich schuf vor zwei wildfremden, andersartig aussehenden Menschen stehe, die mich freundlich anlächeln. Die indische Mama reicht mir dann eine Art Fliesshose, die wie eine Windelhose anmutet, und sich beim Darüberziehen als reichlich groß herausstellt. Dann setze ich mich auf den Hocker, die junge Frau verläßt den Raum, die indische Mama legt mir beruhigend die Hand auf die Schulter und lächelt freundlich. Dann beginnt sie, mir die Haare zu ölen und in ruhigen, kräftigen Bewegungen das Haar nach hinten zu streichen. Anschließend folgen weitere schnelle Bewegungen, Klopfen und Klatschen auf dem Kopf, das mich verwundert, aber angenehm entspannt. Es folgt die üppige Einreibung mit stark riechendem Öl – Sesamöl, wie ich später in Erfahrung bringe. Die Tür öffnet sich und die junge Frau kommt wie auf Katzenpfoten in den Raum, wieder legt mir die indische Mama beruhigend die Hand auf die Schulter. Mit einem kleinen Ritual – das mir wie eine Verneigung vor dem „Patienten“ erscheint, beginnt die Massage. Dann erlebe ich das erste Mal eine der berühmten Synchronmassagen. Vier Hände gleiten mit rhythmischen Bewegungen über meinen sitzenden Körper. Völlige Übereinstimmung der beiden Therapeuten lassen mich schläfrig werden. Nach geraumer Zeit bedeutet man mir, mich mit meinem Höckerchen in die Ecke zu setzen, in der ich dann etwas verschämt in diesem seltsamen Kleidungsstück sitze und beobachte, wie die am Boden liegende Matte auf Doppelbettgröße auseinandergeklappt wird.
Von der Decke hängt ein zweifachgewundenes, dickes Seil. Meine Gedanken wohl erahnend, legt mir meine Haupttherapeutin wieder die Hand auf die Schulter und lacht leise und aufmunternd. Dann verlässt sie den Raum und die junge Therapeutin bittet mich darum, mich mit dem Gesicht nach oben auf die Matte zu legen. Sie spreizt meine Beine leicht auseinander, legt meine Arme ausgestreckt von mir auf die Matte. Dann begießt sie mich reichlich mit warmem Öl, schlingt ein Handtuch durch das Seil und beginnt, während sie, sich an dem Seil festhaltend, auf einem Fuß balanciert, mich mit dem anderen Fuß kräftig zu massieren. Als ich bejahe, dass der „pressure““ ok. sei, folgt eine lange Massage auf beiden Seiten des Körpers in dieser ausgestreckten Haltung. Wäre ich völlig nackt, wäre mir die Behandlung unangenehm, denn die Beine werden sehr eingehend und tiefgehend massiert, auch der Brustkorb wird nicht ausgespart. Das ist wohl der Grund, warum Frauen ausschließlich von Frauen massiert werden und Männer von Männern. Anschließend werde ich auf die Liege gebeten, die Haupttherapeutin erscheint und es gibt noch einmal ein Synchronmassage, diesmal des ganzen Körpers. Ich entschwebe in die Seligkeit, wohl auch dem langen Schlafmangel geschuldet. Nun dauert die Prozedur bereits über eine Stunde und noch ist kein Ende abzusehen. Denn jetzt werde ich aufgefordert, den Körper zu drehen und am anderen Ende der Liege den Kopf in eine Kuhle zu legen. Über mir sehe ich eine runde Schale, ich höre wie der kleine Ofen im Raum angeworfen wird, um das Öl zu erhitzen und bekomme eine kleine Binde oberhalb der Nasenwurzel, die von einer Stirnseite zur anderen reicht. Dann beginnt „Shirodara“, ein geheimnisvoller Stirnölguß, über den die eigentümlichsten Beschreibungen in Büchern stehen. Wohlig warm fließt das Öl auf meine Stirn, es scheint sich hin- und herzu bewegen, es herrscht völlige Stille im Raum. Nur aus den anliegenden Räumen sind leise Stimmen und leichtes Klappern der Metallschüsseln für Öl und Wasser zu hören. Ich entschlummere selig und entspannt, bis ich eine leise Stimme fragen höre „sleeping“? Man hilft mir von der Liege herunter, reibt das Öl ab, bindet mir einen kleinen Stoffturban ums ermattete Haupt, entledigt mich meiner Windelhose und hüllt mich in einen grünen Stoffmantel ein, der mich wie eine Chirurgin eines Krankenhauses aussehen lässt. Die indische Mama geleitet mich mit leichter Armunterstützung nach draußen, placiert mich zu anderen wartenden „Patienten“ und drückt mir mit einem Lächeln eine Kokosnuss in die Hand, ähnlich wie bei der Begrüßung im Ressort. Ich sitze eine Weile, fühle mich aber unter den „Patienten“ nicht wohl und stolpere in unsere Hütte. Nach einer ausgiebigen Dusche gehen wir ins Restaurant und ich trinke mit etwas weniger Abneigung das heiße Kräuterwasser, der Salat schmeckt köstlich und siehe da, die Currys des Abends munden mir. Ich fühle mich entspannt und angekommen im Ayurvedaland. Weitere Überraschungen beim indischen Yoga und den nächsten Anwendungen werden folgen.




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